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Indien punktet mit Wachstum und niedriger Inflation

Markets and NewsIndien punktet mit Wachstum und niedriger Inflation

Angesichts der Stärke des privaten Konsums und der wirtschaftsfreundlichen Politik der Regierung rechnen Avinash Vazirani und Colin Croft mit einer Fortsetzung der indischen Wachstumsstory.

  • Mit den hohen Wachstumsraten der letzten Quartale hat Indien seine Position als wachstumsstärkste große Volkswirtschaft des letzten Jahrzehnts zementiert.
  • Hinter dieser Dynamik stehen vor allem eine robuste Binnennachfrage, Steuersenkungen, eine lockere Geldpolitik und Strukturreformen
  • Änderungen im Arbeitsrecht und eine vereinfachte Verbrauchssteuer schaffen Voraussetzungen für nachhaltiges Wachstum
  • Viele Anhebungen der Wachstumsprognosen für 2026 trotz Gegenwind durch schwierige Handelsgespräche mit den USA und Unsicherheit in Bezug auf die künftigen Ölimporte aus Russland

Die indische Wirtschaft setzt ihren rasanten Wachstumskurs fort, angetrieben durch eine starke Binnennachfrage, Steuersenkungen, eine unterstützende Geldpolitik und Impulse durch Reformen.

Die neuesten vierteljährlichen Regierungszahlen (1) untermauern Indiens Position als wachstumsstärkste große Volkswirtschaft des letzten Jahrzehnts. Mit einer Wachstumsrate von 8,2 % wuchs die indische Wirtschaft in den drei Monaten bis Ende September schneller als in jedem der fünf vorhergehenden Quartale. Viele zeigten sich überrascht von der starken Wachstumsdynamik, die die Schätzungen der meisten Analysten und Ökonomen übertraf.

Für aufmerksame Beobachter der Gewinne und Profitabilität der Unternehmen war dies jedoch keine Überraschung. Bei der Bewertung der Gewinnentwicklung im Jahresvergleich zeigt sich der positive Effekt der ungewöhnlich niedrigen Inflation: So erscheint das nominale Gewinnwachstum von rund 10 % bei Large Caps (bereinigt um Ausreißer) unterdurchschnittlich – real ergibt sich jedoch ein gutes Bild, da die Inflation rund fünf Prozentpunkte unter dem üblichen Niveau liegt.

Nach der Veröffentlichung der BIP-Daten senkte die Reserve Bank of India (RBI) ihren Leitzins um 25 Basispunkte. Entgegen den Prognosen, dass das rasante Wachstum und die schwächere Rupie weitere Lockerungsschritte verhindern könnten, signalisierte die indische Notenbank zudem, dass sie Spielraum für weitere Zinssenkungen sieht. Möglich war dies vor allem, weil die Preise in Indien aktuell fast gar nicht steigen – während viele Industrieländer Schwierigkeiten haben, die Inflation unter der 2-Prozent-Marke zu halten.

Insgesamt senkte die RBI die Zinsen im Jahr 2025 um 125 Basispunkte. Das war die aggressivste Lockerung seit 2019, unterstützt durch eine Inflation, die nun deutlich unterhalb des Zielkorridors der Zentralbank von 2 % bis 6 % liegt.

Im „Sweet Spot“

Die Wirtschaft befindet sich in einem „Sweet Spot“ – einer günstigen Ausgangssituation, in der viel für eine Fortsetzung der starken Wachstumsdynamik spricht.

Premier Narendra Modi, der das Land seit 2014 regiert, will Indien bis 2047 zu einer hochentwickelten Wirtschaft mit hohem Einkommen machen. In einem Anfang 2025 veröffentlichten Bericht der Weltbank heißt es, dass Indiens Wirtschaft in den nächsten 22 Jahren um durchschnittlich 7,8 % pro Jahr wachsen müsse, um diesen Status zu erreichen. Der Erdrutschsieg, den Modi mit seiner Partei und Regierungskoalition bei den jüngsten Wahlen im Bundesstaat Bihar eingefahren hat, war ein wichtiger Prestigeerfolg für den Premier und seine Reformagenda, auch wenn das Wahlergebnis keinen direkten Einfluss auf die Arbeit der Bundesregierung hat.

Trotz negativer Faktoren wie Verzögerungen beim Abschluss eines Handelsabkommens mit den USA und anhaltender Unsicherheiten über Energieimporte aus Russland kam es in der Folge zu zahlreichen Anhebungen der Wachstumsprognosen für 2026. Die RBI hat ihre BIP-Wachstumsprognose für das laufende Jahr von 6,8 % auf 7,3 % angehoben. Fitch Ratings hat seine Schätzung von 6,9 % auf 7,4 % korrigiert, während die State Bank of India mit 7,6 % rechnet.

Einige steuerliche Maßnahmen wirken ebenfalls wachstumsfördernd. Im Februar 2025 senkte Indien die Einkommensteuer für bestimmte Personengruppen, um den Konsum anzukurbeln, und vereinfachte anschließend die Goods and Services Tax (GST) – eine Umsatzsteuer, die auf die meisten in Indien verbrauchten Waren und Dienstleistungen erhoben wird. Beides hat die Verbraucherausgaben gestützt. Im Zuge der Umstrukturierung der Umsatzsteuersätze gilt für die meisten Waren jetzt ein Steuersatz von 5 % oder 18 %. Zuvor gab es vier Steuersätze: 5 %, 12 %, 18 % und 28 %. Die Vereinfachung der GST hat bereits deutliche Auswirkungen auf den Konsum, die insbesondere die Automobilindustrie zu spüren bekommt. Tatsächlich hat die Einführung der GST während Modis erster Amtszeit den jahrelangen Streitigkeiten zwischen den Bundesstaaten ein Ende bereitet und zu höheren Steuereinnahmen geführt.

Wirtschaftsfreundliche Reformen

Die jüngst umgesetzten weitreichenden Änderungen im indischen Arbeitsrecht könnten das Wachstum weiter stärken. Zu den Reformen gehört die Anhebung der Schwelle für die staatliche Genehmigungspflicht bei Einstellungen und Entlassungen von Arbeitnehmern sowie bei der Verlegung oder Schließung von Unternehmenseinheiten. Dieser Schwellenwert wurde von 100 auf 300 Beschäftigte angehoben. Die Aufhebung der zeitlichen und örtlichen Arbeitsbeschränkungen für Frauen könnte zu einer höheren Erwerbstätigenquote von Frauen führen, die derzeit deutlich unter dem globalen Durchschnitt liegt. Die Reformen umfassen auch Initiativen zur Ausweitung der Sozialleistungen auf sogenannte Gig-Worker (Arbeiter auf Anbruf).

Die Anzahl der Vorschriften im indischen Arbeitsrecht wurde von 1.400 auf 350 reduziert. Das verringert den bürokratischen Aufwand und erleichtert die Geschäftstätigkeit. Weitere Reformen werden in Bereichen wie der Stromverteilung erwartet. Eine Konsolidierung der staatlich kontrollierten Banken gilt ebenfalls als denkbar. Zusammengenommen sollten diese Reformen zu Effizienzsteigerungen und letztlich einem höheren BIP-Wachstum führen.

Trotz jüngster Belastungen im Exportgeschäft, vor allem im Handel mit den USA, ist Indien weniger exportabhängig und stärker binnenmarktorientiert als einige andere ostasiatische Volkswirtschaften. Der Anteil des gesamten Handels am BIP beträgt knapp unter 50 %. Darüber hinaus machen Warenexporte in die USA nur 2 % des indischen BIP aus, und mehrere große Sektoren wie Generika und Elektronik sind von Zöllen befreit. Sollte es in den nächsten ein bis zwei Monaten zu einer Einigung mit den USA kommen – und jüngste Äußerungen von Handelsvertretern aus den USA und Indien deuten darauf hin –, könnte dies einen positiven Katalysator für die Märkte darstellen, da dann vermutlich wieder mehr Kapital aus dem Ausland zufließen würde.

Indien unterscheidet sich deutlich von anderen Schwellenländern wie China und Südkorea mit ihrer hohen Abhängigkeit von Exporten der produzierenden Industrie und Hightech-Branchen. Mit seinem großen Dienstleistungssektor und seiner begrenzten Exportabhängigkeit ist das südasiatische Land weniger anfällig für zunehmende geopolitische Risiken und Handelsspannungen.

Insgesamt bietet der indische Aktienmarkt eine große Chancenvielfalt: Anleger können hier aus mehr als 4.800 börsennotierten Unternehmen wählen, davon rund 600 mit einem Marktwert von über 1 Milliarde US-Dollar. Im Rahmen unseres „Growth at a reasonable price“-Ansatzes halten wir konsequent und geduldig Ausschau nach Unternehmen, die weniger hoch bewertet sind als ihre Wettbewerber und potenziell höhere Renditen generieren können. Die in vielerlei Hinsicht stärkere Aufstellung Indiens könnte vielversprechend für unsere Strategie sein.

(1) Laut Daten, die im November 2025 vom indischen Ministerium für Statistik und Programmumsetzung veröffentlicht wurden