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Kampf gegen Entwaldung: Vorschriften noch nicht ausgereift

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Positive Beispiele aus der Verpackungs- und Kosmetikindustrie: Der Kampf gegen die Entwaldung nimmt in der politischen Agenda einen immer höheren Stellenwert ein. Regierungen erlassen zunehmend Vorschriften für “entwaldungsfreie” Produkte. Dadurch wächst der Druck auf die Unternehmen, Lieferkettendaten offenzulegen, einschließlich der Menge und Herkunft der eingesetzten Rohstoffe.

In den letzten Jahren setzten sich Initiativen zugunsten der globalen Naturschutzagenda unter anderem für ein Ende der Entwaldung und die Intensivierung der Wiederaufforstung ein. Im Jahr 2023 beschloss das Europäische Parlament zum Beispiel Vorschriften für “entwaldungsfreie” Produkte. Sie sollen sicherstellen, dass für einige Rohstoffe auf dem EU-Markt – wie Kakao, Kaffee, Palmöl, Kautschuk, Soja, Holz und aus Rinden gewonnene Produkte – keine Wälder abgeholzt werden. Wir erwarten, dass Unternehmen mehr Lieferkettendaten – unter anderem zur Menge und Herkunft der verwendeten Rohstoffe – offenlegen und ihre Beschaffungsstrategien erheblich verbessern werden.

Fallstudie: Smurfit Kappa

Smurfit Kappa mit Sitz in Dublin ist einer der weltweit größten Anbieter von papierbasierten Verpackungen und bietet Kunden Alternativen zu herkömmlichen Kunststoffverpackungen an. Aufgrund der Vorschriften gegen die Entwaldung besitzt Smurfit Kappa dank der eigenen Richtlinien und Praktiken zur Waldbewirtschaftung unseres Erachtens einen Wettbewerbsvorteil. Die Pflanzungen des Unternehmens sind durch externe Stellen zertifiziert. Sie erfüllen somit die örtlichen Umweltauflagen und Empfehlungen internationaler Institutionen.

Das Unternehmen muss nachweisen, dass es natürliche Wälder oder Ökosysteme nicht verändert und Standorte sorgfältig auswählt, so dass es keine Pflanzungen in wertvollen Ökosystemen betreibt. Muss das Unternehmen Rohstoffe extern beschaffen, so kauft es Holz und Papierfasern von Anbietern, die gleichwertige Standards befolgen. Außerdem ist Smurfit Kappa einer der großen Recycler in Europa. Das Unternehmen sammelt Verpackungen aus Wellpappe von Kunden, recycelt sie und verwendet das Material in den eigenen Produktionsprozessen.

Die zunehmende Anpassung der Verpackungsdesigns sorgt für ein Höchstmaß an Recyclingfähigkeit. Durch die Einführung der Kreislaufwirtschaft nimmt die Verwendung papierbasierter Produkte zu. Der geringere Bedarf an Primärmaterialien trägt zum Schutz der Wälder bei.

Fallstudie: L’Occitane

Das Beispiel des französischen Kosmetikunternehmens zeigt, welche Herausforderungen Unternehmen bewältigen müssen, um die Umweltrisiken bei der Beschaffung von Inhaltsstoffen zu managen. Das gilt vor allem für Hersteller mit starkem Fokus auf Naturschutz, die natürliche und unbedenkliche Inhaltsstoffe einsetzen.

Die Kosmetikindustrie verwendet zahlreiche Rohstoffe, die sie über komplexe Lieferketten bezieht. L’Occitane kauft 10% bis 15% der natürlichen Inhaltsstoffe – wie Sheabutter, Mandelöl und ätherische Öle – direkt von lokalen Erzeugern. Dies gewährleistet eine vollständige Nachverfolgbarkeit und eine enge Zusammenarbeit mit den Lieferanten bei Initiativen für eine regenerative Landwirtschaft.

Palmöl, einer der Rohstoffe, der am unmittelbarsten mit der Abholzung von Wäldern im Zusammen-hang steht, findet in der Kosmetikindustrie breite Verwendung. L’Occitane arbeitet entsprechend den Leitlinien der Europäischen Kommission ausschließlich mit Anbietern zusammen, die nach dem globalen RSPO-Zertifizierungssystem zertifiziert sind. Das Unternehmen untersucht zudem Palmölalternativen, um den Weg zu 100% entwaldungsfreien Produkten zu ebnen. Für Unternehmen kann es sehr schwierig sein, ausreichende Mengen an zertifizierten entwaldungsfreien Rohstoffen zu beziehen. Gründe dafür sind unzureichende Rahmenstrukturen und der Mangel an Zertifizierungsstellen.

Einige Unternehmen suchen proaktiv nach eigenen Wegen, um die Qualität und Umweltverträglichkeit von Rohstoffquellen zu beurteilen. L’Occitane hat beispielsweise für jeden Inhaltsstoff ein Scorecard-System zur Risikobewertung entwickelt. Im Rahmen unseres Engagements analysieren wir diese Initiative gemeinsam mit dem Unternehmen, um herauszufinden, wie sie die verwendeten Rohstoffe verändert.

Gemischtes Bild

Warum sind Wälder wichtig? Mit einfachen Worten: Unsere Weltwirtschaft – und unser Planet – können ohne Wälder nicht florieren. Sie sind ein Hort der Biodiversität und Lebensraum für 80% der bekannten landlebenden Tier- und Pflanzenarten der Welt. Diese biologische Vielfalt ist die Basis für lebenswichtige Funktionen der Ökosysteme – von Wasserfiltration über Bestäubung bis hin zur Eindämmung von Schädlingen. Wälder sind außerdem unersetzliche Kohlenstoffsenken, denn sie binden und speichern netto 7,6 Mrd. Tonnen Kohlenstoff. Dies entspricht dem 1,5-Fachen der jährlichen CO2-Gesamtemissionen der USA. Die Wälder sind unverzichtbar für naturbasierte Lösungen zur Eindämmung des Klimawandels, denn auf sie entfallen 35% der wirtschaftlich tragfähigen Klimaschutzmaßnahmen, die bis 2030 notwendig sind.
Die Vorschriften sind aber noch nicht ausgereift, sodass der Umfang der Offenlegungen nach wie vor uneinheitlich ist. Doch zu diesem gemischten Bild gehören auch proaktive Unternehmen, von denen einige wie L’Occitane Naturschutz als eine Maßnahme zur Risikominderung betrachten. Andere suchen wie Kappa nach Geschäftschancen, die sich aus den Vorschriften zur Förderung der Kreislaufwirtschaft und des ökologischen Wandels ergeben.