Thursday 1-Dec-2022
6.9 C
Frankfurt am Main

Sind risikobereinigte Renditen mit positiven Auswirkungen wünschenswert und erreichbar?

OpinionsSind risikobereinigte Renditen mit positiven Auswirkungen wünschenswert und erreichbar?

Ein Marktbericht von Jon Duncan – Chief Impact Officer. Die laufende Berichterstattung über Greenwashing hat zu einer grossen Skepsis im Hinblick auf nachhaltiges Investieren oder Impact Investing geführt. In seinem Juni-Special erklärte der Economist, dass das Akronym «ESG» für «Exaggerated Superficial Guff» (übertriebener oberflächlicher Quatsch) stehe und warnte, dass drei Buchstaben «den Planeten nicht retten werden». Er ging sogar noch weiter und erklärte, dass nachhaltiges Investieren und Woke-Kapitalismus die Anleger in unterdurchschnittliche Renditen führten. Da die Kontroverse heiss läuft, ist es vielleicht ein guter Zeitpunkt, um die Frage «sind risikobereinigte Renditen mit positiven Auswirkungen wünschenswert und erreichbar?» wieder aufzugreifen.

Ein sich verändernder Kontext
In den letzten drei Jahrzehnten wurde der Kontext des Kapitalismus durch die tiefgreifende Erkenntnis geprägt, dass die biophysikalischen, sozialen und marktwirtschaftlichen Systeme miteinander verknüpft sind. Diese systemische Sichtweise basiert auf einem globalen wissenschaftlichen Konsens, sozialer Notwendigkeit und wirtschaftlicher Realität. Nach der globalen Finanzkrise wurde der Rat für Finanzstabilität (Financial Stability Board, FSB) gegründet, um sowohl endogene Marktrisiken (d. h. Risiken, die von den Märkten selbst ausgehen, wie zum Beispiel die Subprime-Krise) als auch exogene Marktrisiken (d. h. Risiken, die von ausserhalb des Marktsystems ausgehen, wie zum Beispiel der Klimawandel) zu bewerten. Das Ausmass des Klimarisikos führte dazu, dass der FSB die Veröffentlichung der Task Force on Climate-Related1 Financial Disclosures überwachte und Klima-Stresstests für Zentral- und grossen, systemrelevanten Banken forderte.2 Da das Konzept des exogenen Risikos immer besser verstanden wird, sind die Marktregulierungsbehörden dazu übergegangen, das Marktsystem zu ermutigen, langfristige Risiken für die nachhaltige Entwicklung proaktiv anzugehen. In der EU-Taxonomie für eine grüne Wirtschaft3 wird beispielsweise dargelegt, welche wirtschaftlichen Aktivitäten auf kohlenstoffarme, ressourceneffiziente und sozial integrative Ergebnisse ausgerichtet sind. Um die Ausrichtung zu verstärken, hat die EU Corporate Sustainability Reporting4 Standards (CSRD) sowie Offenlegungsstandards für die Nachhaltigkeitskriterien von Finanzprodukten(SFRD) eingeführt und gewährleistet durch Mifid II, dass Nachhaltigkeitspräferenzen von Kunden und Risiken als Grundlage zur Sicherstellung der Produkteignung genutzt werden.6

Für wirtschaftliche Führungskräfte bedeutet dieser sich verändernde Kontext, dass die Wahrung der Wettbewerbsfähigkeit ein effektives Personalmanagement, solide Umweltkontrollen, Ressourceneffizienz sowie Produkte und Dienstleistungen erfordern, die soziale/ökologische Probleme aufnehmen. Für börsenkotierte Unternehmen sind die Anforderungen an die Offenlegung von Nachhaltigkeitsdaten an allen grossen Börsen gestiegen, da die Anleger erkannt haben, dass schlechte Umwelt-, Sozial- und Governance-Praktiken die Renditen schmälern können und dies auch tatsächlich tun.

Betrachtet man den aktuellen Kontext für den Kapitalismus rational, müssen Anleger prüfen, wie gut ihr Portfolio im Hinblick auf langfristige Risiken im Zusammenhang mit sozialer und ökologischer Systemstabilität positioniert ist. Die Betrachtung eines Portfolios durch die «Nachhaltigkeitsbrille» ist schlicht eine gute Anlagepraxis und stimmt mit den Zielen des Kapitalerhalts und des Wachstums überein.

Da der Übergang zu einer «grünen Wirtschaft» an Dynamik gewinnt, wird es in allen Regionen, Sektoren und Anlageklassen Gewinner und Verlierer geben. Es wäre ein Fehler zu glauben, dass alle «grünen» oder wirkungsvollen Anlagen angemessene, risikobereinigte Renditen erzielen werden. Es mag zwar wünschenswert sein, sich auf Auswirkungen zu konzentrieren, doch um in diesem sich wandelnden Kontext erfolgreich zu sein, ist ein differenzierter Ansatz erforderlich.

Eine taktische Reaktion 
Die rasche Zunahme des Umfangs und der Verfügbarkeit von ESG-/Impact- und Nachhaltigkeitsdaten treibt den Markt zu einem umfassenderen Verständnis des Ausgleichs zwischen Risiko, Rendite und Auswirkungen. Die Auswirkungen können sowohl als Schadensreduzierung (beispielsweise Verringerung der Umweltverschmutzung) als auch als positive Nettobeiträge von Gütern und Dienstleistungen (beispielsweise Zugang zu Generika in Schwellenländern) verstanden werden.

Auf pragmatischer Ebene ist es für Anleger sinnvoll, die Umstellung ihrer Portfolios so anzugehen, dass sie ein vergleichbares Risiko-Rendite-Ergebnis mit einem messbar verbesserten Wirkungsergebnis erzielen. Dies wird im Laufe der Zeit Ausgleiche zwischen verschiedenen Anlageklassen, Sektoren und geografischer Exponierung erfordern. Public Markets bieten Liquidität und Skaleneffekte, aber zeigen weniger direkte Auswirkungen, während Private Markets reale Auswirkungen auf die Welt haben, jedoch im Hinblick auf die Kapitalbereitstellung und Liquidität beschränkt sind. Aus geografischer Sicht geht man davon aus, dass ein Engagement in Schwellenländern ein höheres Mass an Wirkung pro Renditeeinheit bietet als eine ähnliche Allokation in Sektoren von Industrieländern.

Es handelt sich um einen sich entwickelnden Bereich, der von wissenschaftlichen Notwendigkeiten, einer sich ändernden Politik, einer wechselnden Konsumentenstimmung und wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit bestimmt wird. Es wäre ein Fehler, ihn als Modeerscheinung zu betrachten, deren Zeit vorbei ist. Es besteht ein Greenwashing-Risiko. Der langfristige «grüne» Wandel ist jedoch in vollem Gange, und eine pragmatische Ausrichtung der Anlegerportfolios auf Risiko, Rendite und Auswirkungen ist sowohl wünschenswert als auch realisierbar.

1 Task Force on Climate-Related Financial Disclosures | TCFD) (fsb-tcfd.org)
2 Tests zur Ausrichtung der Klimaziele (admin.ch)
EU-Taxonomie für nachhaltige Aktivitäten | Europäische Kommission (europa.eu)
4 Corporate Sustainability Reporting | Europäische Kommission (europa.eu)
5 Nachhaltigkeitsbezogene Offenlegung im Finanzdienstleistungssektor | Europäische Kommission (europa.eu)
6 Sustainable Finance – Verpflichtung zu Investmentfonds zur Beratung von Kunden in sozialen und ökologischen Aspekten (europa.eu)

Über REYL
www.reyl.com
1973 gegründete REYL & Cie ist eine diversifizierte Bankengruppe mit Niederlassungen in der Schweiz (Genf, Zürich, Lugano), in Europa (London, Luxemburg, Malta) sowie weiteren Regionen weltweit (Singapur, Dubai). Sie verwaltet ein Vermögen von mehr als CHF 25 Milliarden (CHF 38,7 Milliarden einschliesslich Minderheitsbeteiligungen) und beschäftigt über 400 Mitarbeitende. 2021 ging sie eine wichtige strategische Partnerschaft mit Fideuram – Intesa Sanpaolo Private Banking ein, der Division für Privatkunden der führenden italienischen Bankengruppe Intesa Sanpaolo – einem europäischen Bankunternehmen, in deren Rahmen sie eine Beteiligung von 69 Prozent an der REYL & Cie erwarb.

REYL & Cie verfolgt einen innovativen Ansatz im Bankgeschäft. Zu ihrem Kundenkreis zählen internationale Unternehmer und institutionelle Investoren, die durch die Geschäftsbereiche Wealth Management, Entrepreneur & Family Office Services, Corporate Finance, Asset Services und Asset Management betreut werden. Sie setzte die Diversifizierung fort, und zwar in den Bereichen Impact Investing durch die Lancierung der fokussierten Impact-Asset-Management-Firmen Asteria und Obviam und Digital Banking für wohlhabende Kunden durch die Gründung von Alpian, einer aufstrebenden Schweizer Bank auf App-Basis. Schliesslich erwarb REYL & Cie im Dezember 2021 eine 40 prozentige Beteiligung an 1875 Finance, einem unabhängigen Multi-Family Office und Vermögensverwalter mit Sitz in Genf, der Vermögen von über CHF 13 Milliarden für Privatkunden verwaltet.

REYL & Cie ist in der Schweiz als Bank lizenziert und geht ihrer Tätigkeit unter direkter Kontrolle der Schweizer Finanzmarktaufsichtsbehörde (Finma) nach. Seine Tochtergesellschaften werden auch durch die FCA in Grossbritannien, die CSSF in Luxemburg, die MFSA in Malta, die MAS in Singapur, den DFSA in Dubai und die SEC in den USA reguliert.