Saturday 1-Oct-2022
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Starke Erholung mit Fragezeichen

OpinionsStarke Erholung mit Fragezeichen

In der vergangenen Woche gab es starke Erholungsbewegungen bei Aktien und riskanteren Anleihesegmenten (Unternehmensanleihen, Emerging-Markets-Anleihen). US-Aktien verzeichneten den stärksten Wochenzuwachs seit 46 Jahren. Unterdessen haben allein in den vergangenen zwei Wochen 16 Millionen US-Amerikaner Arbeitslosenhilfe beantragt. Nicht nur dieser Kontrast wirft Fragen auf (siehe weiter unten), so angenehm und ermutigend die Kursanstiege zweifellos sind.

Auch Unternehmensanleihen legten kräftig zu. Das gilt vor allem für die USA, nachdem die Notenbank zusätzliche und unerwartete Hilfsmaßnahmen ankündigte. Die Fed wird unter bestimmten Bedingungen zusammen mit dem US-Finanzministerium nun auch US-Unternehmensanleihen aus dem High-Yield-Segment kaufen. Speziell könnten künftig auch Anleihen von Nicht-Finanzinstituten erworben werden, die vom Investmentgrade-Bereich in den High-Yield-Bereich herabgestuft wurden, die so genannten „fallen angels“. Nachdem das bonitätsschwächste (BBB)Segment innerhalb des Investmentgrade-Universums in den letzten Jahren stark angewachsen ist, droht(e) von solchen Herabstufungen erhebliche Gefahr für die US-Creditmärkte. Entsprechend positiv reagierten die Finanzmärkte auf die Ankündigung der Notenbank.

Gute Nachrichten gab es auch in der Eurozone, für Investoren und für die von der Wirtschaftskrise und der Pandemie besonders hart getroffenen Staaten. Die EU-Finanzminister einigten sich grundsätzlich auf weitere Hilfen im EU-Rahmen und wollen diese im Rahmen des ESM-Mechanismus umsetzen. Gemeinsame Anleihen oder sonstige formal vergemeinschaftete Schulden der EU-Länder soll es aber weiterhin nicht geben.

Zumindest teilweise positive Nachrichten kamen vom Ölmarkt. Hier haben sich die OPEC-Plus Staaten sowie weitere Länder (beispielsweise USA; Kanada, Norwegen) auf weitreichende, wenn auch temporäre, Förderkürzungen geeinigt, die von einigen Beobachtern aber noch immer als zu gering eingeschätzt werden.

Trotz dieser positiven Entwicklungen bleiben viele Fragen, beispielsweise die folgenden:

  1. Die Fed-Maßnahmen verbessern zwar die Liquidität der Unternehmensanleihemärkte und können – dank dadurch verbessertem Kapitalzugang – wohl auch die Überlebenschancen einiger Unternehmen verbessern. Doch in wieweit kann die Fed tatsächlich verhindern, dass Unternehmen pleitegehen und dass die Ausfallsraten kräftig steigen?
  2. Es ist weiterhin sehr ungewiss, wann und wie gut die Weltwirtschaft wieder Tritt fasst. Die jüngsten Handels- und Produktionsdaten aus China waren teilweise besser als erwartet, doch stellt sich hier beispielsweise die Frage, wer all diese Güter denn abnehmen soll, wenn sich ein großer Teil von Chinas Handelspartnern im Lockdown befinden?
  3. Nach den jüngsten Kurszuwächsen liegt der marktbreite S&P500-Index seit Jahresbeginn nur noch rund 13 % im Minus. Widerspiegelt ein Kursrückgang von 13 % (16 % vom Allzeithoch) bereits ausreichend die Risiken aus der wohl schlimmsten globalen Wirtschaftskrise seit den 90er Jahren, nebst einem ziemlich unklaren Erholungspfad? (Weniger als ein Viertel der Befragten in der jüngsten Fondsmanager-Survey der Bank of America erwartet beispielsweise eine V-förmige Wirtschaftserholung.)
  4. Wie nachhaltig wird die temporäre Einigung auf Förderkürzungen auf die Ölmärkte wirken? Reicht dies, um für die öl-exportierenden Schwellenländer und viele Ölunternehmen ernsthafte Finanzprobleme abzuwenden?
  5. Zweit- und Drittrundeneffekte auf der Angebots- und Nachfrageseite sind selbst bei einem schnellen Ende der aktuellen Lockdowns unausweichlich, wenn auch schwer zu quantifizieren. Ein signifikanter Teil von Einkommen, Jobs und Wertschöpfungen wird vermutlich dauerhaft verlorengehen bzw. Jahre benötigen, um wieder ersetzt zu werden, selbst wenn das Coronavirus in Kürze keine Rolle mehr spielen sollte (eine für sich genommen schon optimistische Annahme). Hinzu kommen schon vor der Pandemie begonnene Umbauten bei den globalen Lieferketten. Die Auswirkungen all dessen auf einzelne Branchen und Regionen (positive wie negative) sind derzeit noch kaum zu quantifizieren.

Die Unwägbarkeiten bleiben also sehr hoch und damit auf absehbare Zeit vermutlich auch die Schwankungsbreiten auf den Märkten. Beispielhaft zur Illustration der Größe der Unwägbarkeiten: Jede weitere Woche des „Lockdowns“ bedeutet für die französische Wirtschaft ca. 0,7 % – 0,9 % weniger Wirtschaftsleistung, aufs Gesamtjahr gerechnet! Im Gegenzug hätte jede Woche, um die die Lockdowns früher enden, entsprechend positive Effekte.

Unter diesen Umständen haben für uns Risikomanagement und Vorsicht derzeit weiterhin Vorrang vor Ertragsmaximierung. An den kurz- bis mittelfristigen (taktischen) Aktien- und Anleihegewichtungen in den Mischportfolios haben wir seit unserem letzten Update keine grundlegenden Änderungen vorgenommen. Basierend auf langfristigen, fundamentalen Einschätzungen hatten wir im Rahmen der strategischen Asset Allokation ja bereits vor einiger Zeit erste Zukäufe getätigt. Wir halten diesbezüglich weiter Ausschau nach attraktiven Kaufgelegenheiten.