Wednesday 24-Apr-2024
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Türkei kann nicht ewig auf Pump leben

Markets and NewsTürkei kann nicht ewig auf Pump leben

Ein Kommentar von Richard Briggs, Senior Fund Manager Emerging Market Debt bei Candriam: Die Ergebnisse der ersten Runde bei den Wahlen in der Türkei sind fast vollständig ausgezählt, und es sieht ganz so aus, als habe kein Kandidat 50 % der Stimmen erhalten. Damit werden die Präsidentschaftswahlen mit ziemlicher Sicherheit in eine zweite Runde gehen. Der Abstand bei den Kandidaten nach Auszählung von 99 % der Stimmen war besonders knapp: Präsident Erdoğan schnitt mit über 49 % der Stimmen im ersten Wahlgang besser ab als in den Umfragen vor der Wahl. Sinan Oğan und die MHP schnitten ebenfalls besser ab als in den Umfragen vor der Wahl, und es ist nicht klar, ob seine Stimmen in einem zweiten Wahlgang an Kılıçdaroğlu gehen werden.

Bei den Parlamentswahlen wird das AKP-geführte Cumhur-Bündnis wahrscheinlich eine Mehrheit im Parlament erreichen. Das verschafft Erdoğan im zweiten Wahlgang eine vorteilhafte Position. Und selbst wenn Kılıçdaroğlu im zweiten Wahlgang einen deutlichen Stimmenzuwachs verzeichnen sollte, müsste er mit einem Parlament regieren, in dem die AKP die Führung hat.

Die Ergebnisse haben mit ziemlicher Sicherheit einen negativen Einfluss auf die Finanzmärkte. Das sahen wir bereits heute Morgen: Die Credit Spreads weiteten sich deutlich aus, die Futures am Aktienmarkt gaben stark nach und die Erwartungen für die Leitzinsen gingen wieder auf den unhaltbaren Status quo zurück. Die Währung hat sich aufgrund lokaler Interventionen kaum bewegt, und wenn Präsident Erdoğan an der Macht bleibt, wird dies in nächster Zeit wahrscheinlich auch so bleiben. Das wird allerdings nur mithilfe umfangreicher Interventionen der Zentralbank und lokaler Banken möglich sein und führt langfristig zu größeren Ungleichgewichten, die das Land wird bewältigen müssen.

Die Türkei war schon immer anfällig. Jedoch lebte das Land in den letzten drei Jahren zunehmend auf Pump, finanziert durch Einlagen anderer Zentralbanken, insbesondere der Golfstaaten, sowie durch Einlagen Russlands nach dem Einmarsch in der Ukraine. Diese Ströme dürften jedoch irgendwann zum Stillstand kommen oder sich umkehren. Dann könnte der Druck auf die Währung und die Wirtschaft angesichts solcher anhaltenden Leistungsbilanzdefizite zunehmen, besonders wenn es keinen glaubwürdigen politischen Rahmen gibt, wie es unter der derzeitigen Regierung wahrscheinlich ist.