Die jüngsten politischen Entwicklungen in Venezuela haben das Land nach Jahren relativer Isolation wieder in den Fokus internationaler Investoren und geopolitischer Akteure gerückt. Auch wenn die Situation weiterhin von Unsicherheit geprägt ist, könnten sich aus heutiger Sicht mittelfristige Auswirkungen ergeben, die über Venezuela hinausreichen – insbesondere für Lateinamerika und ausgewählte Schwellenländer. Darauf weist James Donald, Portfoliomanager/Analyst und Leiter der Emerging-Markets-Plattform von Lazard Asset Management, hin.
Ölsektor als zentraler wirtschaftlicher Hebel
Aus Sicht von Donald bleibt Venezuelas Ölsektor der mit Abstand wichtigste Faktor für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes. „Trotz jahrelanger Unterinvestitionen, Sanktionen und struktureller Fehlanreize verfügt Venezuela weiterhin über einige der größten nachgewiesenen Ölreserven weltweit“, erklärt er. Gleichzeitig sei die Produktionskapazität auf historisch niedrige Niveaus gefallen, was das enorme ungenutzte Potenzial verdeutliche.
Sollte es im Zuge der politischen Neuordnung zu einer Stabilisierung kommen und die US-Sanktionspolitik perspektivisch gelockert oder aufgehoben werden, könnte dies den Weg für eine schrittweise Öffnung des Ölsektors ebnen. „Eine Rückkehr privater Investitionen, ausländischer Technologiepartner und verbesserten Managements wäre Voraussetzung dafür, dass sich Förderung und Exporte nachhaltig erholen“, so Donald. Ein solcher Prozess würde Jahre dauern, hätte aber das Potenzial, Exporterlöse deutlich zu steigern und die Schuldendienstfähigkeit Venezuelas spürbar zu verbessern.
Auch für den Anleihemarkt sei dieser Punkt zentral. „Die Fähigkeit Venezuelas, seine Schulden künftig zu bedienen, hängt maßgeblich davon ab, ob wieder Petrodollars ins Land fließen können“, sagt Donald. Als Petrodollars gelten im internationalen Sprachgebrauch die üblicherweise in US-Dollar erzielten Deviseneinnahmen aus dem Export von Erdöl. In diesem Zusammenhang gebe es ein gemeinsames Interesse sowohl bei Teilen der venezolanischen Elite als auch auf US-Seite.
Langfristige Herausforderungen bleiben bestehen
Gleichzeitig mahnt Donald zur Nüchternheit. Selbst bei positiven politischen Weichenstellungen stünden dem Land erhebliche strukturelle Herausforderungen bevor. Die marode Öl-Infrastruktur müsse umfassend modernisiert werden, was hohe Investitionen erfordere. Zudem seien demografische und soziale Faktoren nicht zu unterschätzen: Millionen Venezolaner hätten das Land in den vergangenen Jahren verlassen, insbesondere nach Kolumbien, was die heimische Arbeitskräftebasis geschwächt habe. „Eine nachhaltige wirtschaftliche Erholung setzt auch voraus, dass sich Arbeitsmarkt und Arbeitskräfteangebot mittelfristig wieder stabilisieren“, betont Donald.
Geopolitische Signalwirkung für Lateinamerika
Über Venezuela hinaus könnten die jüngsten Entwicklungen aus Sicht Donalds auch eine breitere geopolitische Signalwirkung für Lateinamerika entfalten. Die US-Politik scheine darauf ausgerichtet zu sein, ihre Rolle in der westlichen Hemisphäre zu festigen, sicherheitspolitische Interessen zu wahren und dem wachsenden Einfluss anderer globaler Akteure entgegenzuwirken. Je nach weiterem Verlauf könnten die Vereinigten Staaten ihren politischen und wirtschaftlichen Einfluss in der Region ausbauen.
Gleichzeitig stünden in den kommenden zwölf Monaten in mehreren Ländern Lateinamerikas wichtige Wahlen an, darunter in Brasilien, Kolumbien, Peru, Costa Rica und Haiti. „In vielen Ländern beobachten wir eine Tendenz hin zu wirtschaftsfreundlicheren, mitte-rechts orientierten Regierungen“, sagt Donald. Dies könne die Rahmenbedingungen für Investitionen verbessern. Ausnahmen seien jedoch möglich – etwa in Brasilien, wo die innenpolitische Lage komplex bleibe, oder in Kolumbien, wo externe Faktoren wie die Entwicklung in Venezuela politische Dynamiken beeinflussen könnten.
Begrenzte Marktauswirkungen, Fokus auf Fundamentaldaten
Trotz der geopolitischen Brisanz sieht Donald keinen Anlass, den grundsätzlichen Ausblick für Schwellenländer zu überdenken. „Der direkte wirtschaftliche Einfluss Venezuelas auf andere Länder der Region ist gering, die Handelsverflechtungen sind sehr begrenzt“, erklärt er. Entsprechend erwartet er keine nachhaltigen Auswirkungen auf Risikoprämien oder Vermögenspreise anderer lateinamerikanischer Märkte.
Die Reaktion der Schwellenländerbörsen unterstreiche diese Einschätzung: Statt ausgeprägter Risikoaversion habe sich die Anlageklasse insgesamt robust gezeigt. „Für uns bestätigt das, dass Investoren geopolitische Ereignisse zunehmend differenziert bewerten“, so Donald. Er setze weiterhin auf unternehmensspezifische Fundamentaldaten und eine selektive Bottom-up-Titelauswahl.
Fazit
Donald resümiert: „Die Entwicklungen in Venezuela sind geopolitisch relevant und könnten langfristig wirtschaftliche Chancen eröffnen – insbesondere über den Ölsektor und den Anleihemarkt. Für Schwellenländer insgesamt bleiben jedoch andere Treiber entscheidend: ein schwächerer US-Dollar, sinkende Zinsen in vielen Schwellenländern und die zunehmende Differenzierung zwischen Volkswirtschaften und Unternehmen.“ Vor diesem Hintergrund hält er Schwellenländer trotz der starken Performance im Jahr 2025 auch für 2026 weiterhin attraktiv positioniert.