Auf dem Event Frankfurt Digital Finance sprach Karl im Brahm, DACH-CEO von Objectway, mit altii über Europas Wettbewerbsfähigkeit, strategisches Wachstum durch M&A und die Frage, warum Innovation in Banken oft an strukturellen Hürden scheitert. Das Gespräch kreiste um nicht weniger als die Zukunftsfähigkeit der europäischen Finanzarchitektur, und die Rolle technologischer Souveränität in einer zunehmend fragmentierten Welt.
Europa vs. USA: Zwischen Abhängigkeit und Aufbruch
Die Debatte „Europa fällt zurück“ greift für Karl im Brahm nicht zu kurz, aber sie ist komplexer, als es Schlagzeilen vermuten lassen. Europas strukturelle Schwäche liege weniger im fehlenden Know-how als in der Fragmentierung der Märkte und der Langsamkeit politischer Entscheidungsprozesse. Während die USA regulatorisch einheitlich agieren und aktuell sogar deregulieren, müsse Europa 27 nationale Interessen in Einklang bringen.
„Kompetenzen sind da“, so im Brahm. „Aber wir denken zu selten ganzheitlich und zu häufig in isolierten Use Cases.“
Gerade im Bereich Künstliche Intelligenz zeige sich dieses Muster: Innovation werde oft projektbasiert betrieben, nicht als umfassende Transformation von Front- bis Backoffice. Länder wie Skandinavien oder Großbritannien seien hier konsequenter. Dort werde vom Kundenbedürfnis aus gedacht, inklusive Prozessdesign, Governance und Integration in bestehende Strukturen.
Gleichzeitig sieht im Brahm positive Bewegung: Initiativen wie europäische Zahlungsalternativen oder die Diskussion um digitale Souveränität gewinnen an Dynamik. Der Druck von außen könne als Katalysator wirken. „Vielleicht braucht Europa diesen Druck, um mutiger zu werden.“
Ein zentrales Thema bleibt die technologische Infrastruktur. Hyperscaler stammen überwiegend aus den USA, europäische Alternativen sind bislang kaum marktrelevant. Für im Brahm ist klar: Ein europäischer Hyperscaler wäre strategisch sinnvoll als Investition in Sicherheit und Wettbewerbsfähigkeit.
M&A als Wachstumsstrategie: Integration ist Chefsache
Objectway verfolgt seit Jahrzehnten eine konsequente Akquisitionsstrategie. Gegründet in den 1990er-Jahren in Italien, expandierte das Unternehmen schrittweise in Märkte wie Großbritannien, Benelux, Kanada und Deutschland. Heute ist Objectway ein international aufgestellter Softwareanbieter für Finanzdienstleister.
Doch für im Brahm entscheidet sich der Erfolg einer Akquisition nicht beim Signing, sondern in der Integration. „Integration ist keine Berateraufgabe, sondern Managementverantwortung“, betont er.
Technologische Harmonisierung, etwa über skalierbare Plattformarchitekturen, sei anspruchsvoll, aber planbar. Die größere Herausforderung liege in der kulturellen Integration. Multinationale Teams, gemeinsame Projektverantwortung und klare Leitlinien seien entscheidend, um Vertrauen aufzubauen.
Dabei gebe es keinen universellen Blueprint. Jede Integration verlaufe anders. Entscheidend sei der Wille zur echten Zusammenführung, von oben getragen und konsequent vorgelebt. Fehler seien dabei unvermeidlich, aber lernfähig.
Mit dem Einstieg von Private Equity sieht im Brahm zusätzlichen Rückenwind für weiteres Wachstum. Zehn Prozent organisches Wachstum pro Jahr seien im IT-Sektor kein unrealistisches Ziel, vorausgesetzt, die strategische Richtung stimme.
Innovation in Banken: Vom Use Case zur Transformation
Warum scheitern so viele Innovationsinitiativen in Banken? Im Brahm beobachtet ein wiederkehrendes Muster: Innovation werde isoliert betrachtet, als Pilotprojekt, nicht als integraler Bestandteil der Wertschöpfungskette.
„Was häufig fehlt, ist das End-to-End-Denken“, sagt er.
Ein einzelner AI-Use-Case könne technisch funktionieren, doch ohne Anpassung der Prozesse, Governance-Strukturen und Mitarbeiterqualifikation bleibe er wirkungslos. Innovation müsse vom Kundenbedürfnis her gedacht und in bestehende Organisationen eingebettet werden.
Fintechs hätten hier strukturelle Vorteile. Sie starten mit einem klar definierten Kundenbedürfnis, entwickeln darauf aufbauend ein fokussiertes Produkt und bauen Prozesse sowie Infrastruktur gezielt zur Unterstützung dieser Vision auf. Banken hingegen beginnen mit etablierten Prozessen, gewachsener Skalierung und regulatorischer Tiefe, zögern jedoch oft, fest verankerte Geschäftsmodelle oder Ertragsstrategien grundlegend zu überdenken.
Die Zukunft wird voraussichtlich weder ausschließlich dem einen noch dem anderen Ansatz gehören. Vielmehr werden sich jene Institute durchsetzen, die die Agilität und produktzentrierte Innovationskraft von Fintechs mit dem Vertrauen, der Kapitalstärke und der operativen Resilienz etablierter Anbieter verbinden.
Zukunftsfähigkeit: drei entscheidende Faktoren
Auf die Frage, woran ein Finanzunternehmen seine Zukunftsfähigkeit messen sollte, nennt im Brahm drei zentrale Kriterien:
- Offenheit für Innovation, nicht als Schlagwort, sondern als echte Transformationsbereitschaft.
- Budget und Investitionsfähigkeit: Ohne finanzielle Ressourcen bleibt Strategie Theorie.
- Mut zur Geschäftsmodellveränderung, die Bereitschaft, bestehende Strukturen grundlegend zu hinterfragen.
Technologische Architektur sei dabei zunehmend strategisch relevant, insbesondere im Kontext von Cloud-Readiness und Plattformökonomie. Doch Technologie allein genüge nicht. Kulturelle Anpassungsfähigkeit werde zum Wettbewerbsfaktor.
Blick nach Asien: Unterschätzte Dynamik
Während Europa und die USA die öffentliche Debatte dominieren, mahnt im Brahm einen stärkeren Blick nach Asien an. Die Innovationsgeschwindigkeit dort sei hoch, regulatorische Hürden teilweise geringer. Strategische Allianzen könnten für Europa eine Option sein, um geopolitische Abhängigkeiten zu reduzieren.
Derzeit haben die asiatischen Märkte nur einen begrenzten Einfluss auf sein Geschäft, doch langfristig könnte dieser Markt strategisch stärker in den Fokus rücken.
Fazit
Das Gespräch mit Karl im Brahm zeigt: Europas Finanzindustrie steht vor strukturellen Herausforderungen, aber auch vor realen Chancen. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, von isolierten Innovationsprojekten zu ganzheitlicher Transformation überzugehen, technologische Souveränität strategisch aufzubauen und kulturelle Integration als Führungsaufgabe zu begreifen.
Wachstum mit Substanz bedeutet für Objectway Plattformdenken, internationale Skalierung und Managementverantwortung.
Die Zukunft der europäischen Finanzarchitektur entscheidet sich weniger an einzelnen Technologien als an der Fähigkeit, sie konsequent und mutig in tragfähige Infrastrukturen zu übersetzen.
Bild © Objectway