Warum der KI-Infrastruktur-Token VVV trotz einer 600-Prozent-Rally strukturell unterbewertet sein könnte

Digital Investing and CryptoWarum der KI-Infrastruktur-Token VVV trotz einer 600-Prozent-Rally strukturell unterbewertet sein könnte

Ein Kommentar von Markus Bandomir zur fundamentalen Einordnung an den Schnittstellen von künstlicher Intelligenz, Inferenz-Infrastruktur und tokenisiertem Eigentum: Der native Token VVV der KI-Plattform Venice.ai hat seit seinem Dezember-Tief bei unter einem US-Dollar eine Rally von mehr als 600 Prozent vollzogen und notiert aktuell bei rund 6,50 US-Dollar. Tägliche Handelsvolumina von über 40 Millionen US-Dollar auf Coinbase, stark steigende Plattformnutzung und eine aggressive deflationäre Token-Mechanik lösten die Neubewertung aus. Dennoch liegt die Fully Diluted Valuation bei lediglich rund 514 Millionen US-Dollar – ein Niveau, das gemessen an Umsatz, Wachstumsdynamik und Tokenökonomie als moderat erscheint.

Venice.ai ist eine KI-Infrastruktur- und Anwendungsplattform, die große Sprachmodelle sowie multimodale KI-Modelle über eine dezentrale GPU-Infrastruktur zugänglich macht. Das Geschäftsmodell umfasst eine Consumer-Anwendung für Text-, Bild-, Video- und Code-Generierung mit Fokus auf Datenschutz. Weiterhin beinhaltet es eine Entwickler-API mit intelligentem Routing über verschiedene Open-Source-Modelle sowie ein tokenisiertes Eigentumsmodell, bei dem Nutzer über VVV anteilig Rechenkapazität sichern und über den ergänzenden DIEM-Token dauerhafte Inferenz-Credits erwerben. Während etablierte KI-Anbieter zentralisiert und kapitalintensiv operieren, verbindet Venice offene Modelle, dezentrale Hardware und eine tokenbasierte Wertverteilung. In einem Markt, in dem Inferenz zunehmend wertschöpfender wird als das Training von Modellen, zielt Venice exakt auf die entscheidende Schicht.

Anders als zahlreiche Krypto-AI-Projekte erzielt Venice bereits substanzielle Umsätze. Exakte Zahlen sind nicht öffentlich, doch auf Basis bestätigter Aussagen von Gründer Erik Voorhees lassen sich die monatlichen Erlöse auf 2,5 bis 3,5 Millionen US-Dollar schätzen. Bei einer monatlichen Wachstumsrate von 20 Prozent ergibt sich ein annualisierter Umsatz von etwa 30 bis 42 Millionen US-Dollar. Die Plattform verzeichnet über zwei Millionen Nutzer und verarbeitet täglich rund 45 Milliarden LLM-Tokens – eine Kennzahl, die sich innerhalb weniger Wochen verdoppelt hat.

Die Angebotsseite des Tokens wurde massiv verknappt. Drei Emissionskürzungen senkten die jährliche Neuemission von 14 Millionen auf dauerhaft 6 Millionen VVV. Seit November 2025 fließen monatliche Buybacks in Token-Burns. Insgesamt wurden bislang 33,68 Millionen Token dauerhaft vernichtet – rund 42 Prozent des Gesamtangebots. Über 70 Prozent der umlaufenden Token sind gestakt, weitere acht Millionen in der DIEM-Minting-Struktur gebunden. Das frei handelbare Angebot ist dünn. Steigende Nachfrage trifft auf geringe Liquidität.

Im Bewertungsvergleich fällt auf, dass zentralisierte Inferenzanbieter wie Together AI oder OpenRouter mit Umsatzmultiples zwischen dem 11- und dem 100-Fachen handeln. Venice notiert bei etwa dem 14-Fachen und damit am unteren Ende, obwohl die Plattform zusätzlich eine deflationäre Token-Mechanik bietet, die bei klassischen SaaS-Anbietern kein Pendant hat. Im Krypto-Segment notieren Netzwerke wie Bittensor oder Render mit Bewertungen zwischen 700 Millionen und 3,7 Milliarden US-Dollar, teilweise ohne nennenswerte Umsätze. Venice liegt mit realen Erlösen, Millionen aktiver Nutzer und laufender Angebotsdeflation deutlich darunter.

Neben VVV existiert mit DIEM ein tokenisiertes Perpetuity-Modell. Ein DIEM gewährt dauerhaft API-Credits im Gegenwert von einem US-Dollar pro Tag, was einem theoretischen Jahres-Cashflow von 365 US-Dollar entspricht. Diskontiert mit 20 Prozent ergibt sich ein Fair Value von rund 1.825 US-Dollar pro DIEM – der Marktpreis liegt erheblich darunter. Der Markt preist also signifikante Ausführungsrisiken ein, die mit zunehmender operativer Stabilität schrumpfen könnten.

Bei anhaltendem Wachstum von 20 Prozent monatlich würde Venice in acht bis zehn Monaten eine Größe erreichen, bei der die Token-Burns die Neuemissionen dauerhaft übersteigen. Ab diesem Punkt wäre das Angebot netto deflationär – ein struktureller Bewertungshebel, der über klassische Umsatzmultiples hinausgeht. Der globale Inferenzmarkt, den Gartner bereits heute zur größeren Hälfte der KI-Cloud-Ausgaben zählt, stützt diesen Wachstumspfad.

Risiken liegen in einer möglichen Wachstumsabkühlung, der regulatorischen Einordnung von VVV und DIEM, einem breiteren Krypto-Bärenmarkt sowie der fehlenden vollständigen Transparenz bei Umsatzkennzahlen. Immerhin sind Token-Burns auf der Blockchain verifizierbar und erlauben eine indirekte Umsatzabschätzung.

Die 600-Prozent-Rally spiegelt eine fundamentale Neubewertung wider, nicht bloße Spekulation. Venice.ai vereint reale Umsätze, starkes Nutzerwachstum und eine transparente, deflationäre Token-Mechanik – eine Kombination, die im aktuellen Marktumfeld selten ist. Ob daraus eine weitere Neubewertung entsteht, wird weniger vom Narrativ bestimmt als von der operativen Umsetzung in den kommenden Quartalen.


Dieser Beitrag stellt keine Anlageberatung dar. Kryptowährungen und Token-basierte Investments unterliegen hohen Schwankungen und können zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals führen. Investoren sollten eigene Recherchen durchführen und gegebenenfalls fachkundige Beratung in Anspruch nehmen.