Zwischen KI-Schock und Golfkrise: Wie Anleger jetzt navigieren

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Ein Marktkommentar von Joel Frick, Executive Director, Wealth Management der BENDURA BANK AG: Der Februar 2026 hat Investoren schonungslos vor Augen geführt, wie schnell sich Marktnarrative wandeln können – und wie gefährlich es ist, in nur einem Thema investiert zu sein. Was als technologiegetriebene Korrektur begann, entwickelte sich binnen Wochen zu einem doppelten Schock: erst ein KI-bedingter Ausverkauf, dann ein geopolitischer Einschlag mit weitreichenden Folgen für Inflation, Zinsen und Portfolioallokation.

Der KI-Schock kam von innen

„Ausgelöst durch Spekulationen über neue KI-Fähigkeiten und die Ankündigung gemeinsamer Kapitalausgaben der großen Technologiekonzerne von rund 660 Milliarden US-Dollar für 2026 erfasste eine Verkaufswelle den gesamten Softwaresektor“, sagt Joel Frick, Executive Director, Wealth Management der Bendura Bank AG. In der Spitze wurden dabei rund 900 Milliarden US-Dollar an Börsenwert vernichtet – ein Zeichen dafür, wie stark Erwartungen und nicht nur Fundamentaldaten den Sektor derzeit treiben. Der iShares Expanded Tech-Software ETF verlor seit Jahresbeginn 22,8 Prozent. Die Sorge dahinter ist nicht irrational: Wenn KI Wissensarbeit in großem Maßstab ersetzt, stehen viele etablierte Softwaregeschäftsmodelle zur Disposition – und der Markt beginnt, das einzupreisen.

Bemerkenswert war jedoch, was gleichzeitig passierte. Der gleichgewichtete S&P 500 legte im Februar 3,5 Prozent zu und übertraf den klassischen, kapitalgewichteten Index zum vierten Mal in Folge. Das Kapital floss nicht aus dem Markt – es rotierte. In Richtung Zykliker, Industrie und Rohstoffe. Eine Botschaft, die Anleger ernst nehmen sollten.

Der Stoxx 600 erreichte neue Allzeithochs und verbuchte den achten Monatsgewinn in Folge – die längste Gewinnserie seit 2013. Globale Investoren lenkten Rekordsummen nach Europa, um ihre Abhängigkeit vom volatilen US-Technologiesektor zu reduzieren. Allein in zwei aufeinanderfolgenden Wochen flossen jeweils rund zehn Milliarden US-Dollar in europäische Aktienfonds. Europas Marktstruktur – geprägt von Banken, Industriewerten und Rohstoffunternehmen – erwies sich als strategischer Vorteil. Der britische FTSE 100 stieg seit Jahresbeginn um fast sieben Prozent.

Der 28. Februar als neuer Ausgangspunkt

Am 28. Februar starteten die USA und Israel umfangreiche Angriffe auf Iran. Die iranische Antwort – Raketen und Drohnen auf Israel sowie mehrere Golfstaaten – traf eine der sensibelsten Engstellen der Weltwirtschaft: die Straße von Hormus, durch die rund 20 Prozent der globalen Öl- und Gasströme fließen.

Für Anleger ist dieses Ereignis weniger als isolierter geopolitischer Schock zu verstehen, sondern als neuer Rahmen für die nächsten Monate. Der unmittelbare Preissprung bei Brent-Rohöl auf über 119 US-Dollar je Barrel – den höchsten Stand seit 2022 – verschiebt die makroökonomische Ausgangslage spürbar.

In den USA trifft dieser Energieschock auf eine ohnehin fragile Konstellation: eine steigende Arbeitslosenquote von 4,4 Prozent bei gleichzeitig robustem Lohnwachstum von 3,8 Prozent. Die Federal Reserve steht damit vor einem klassischen Stagflationsdilemma – und genau diese Kombination ist für die Kapitalmärkte entscheidend.

Was bedeutet das für Portfolios?

Der Ölpreis wird zum zentralen Taktgeber. Seine Entwicklung entscheidet darüber, ob sich die Inflationserwartungen weiter verfestigen und wie stark sie den Spielraum der Zentralbanken einschränken.

In einem solchen Umfeld gewinnen reale Assets und Absicherungsinstrumente an Bedeutung. Gold bleibt strukturell unterstützt – nicht nur durch geopolitische Unsicherheit, sondern auch durch die anhaltende Nachfrage von Zentralbanken, die ihre Dollar-Reserven diversifizieren. Jedoch hat sich auch gezeigt, dass die Investoren aktuell die schnell steigenden Opportunitätskosten von Gold höher gewichten, als der Status Safe-Haven.

Unabhängig davon spricht die aktuelle Marktstruktur für eine Fortsetzung der sektoralen Rotation. Europäische Aktien profitieren weiterhin von ihrer Ausrichtung auf Industrie, Banken und Rohstoffe und bleiben attraktiv, solange Kapital aus US-Technologiewerten umgeschichtet wird.

Umgekehrt erscheint die Erwartung einer schnellen Erholung großer Technologiewerte zunehmend anspruchsvoll. Die Kombination aus steigenden Investitionen, wachsendem Wettbewerb und strukturellen Unsicherheiten rund um KI spricht für anhaltenden Gegenwind.