Eine Location, drei Zeitpunkte: Um 1800 erscheint eine Landschaft noch nahezu urwaldartig, dicht bewachsen und reich an Arten. 1950 ist das Bild bereits deutlich übersichtlicher, aber noch immer belebt von Bäumen, Pflanzen und Tieren. 2025 bleibt ein verarmter Ausschnitt zurück: wenige Pflanzen, kaum Tiere und sichtbarer Müll. Ein Zustand, der sich an vielen Orten der zivilisierten Erde beobachten lässt.
Die Illustration verdichtet damit ein Phänomen, das für die Biodiversitätsdebatte zentral ist: Jede Generation hält den Zustand, den sie selbst kennt, für normal. Was vorher verschwunden ist, wird oft nicht mehr als Verlust wahrgenommen.
Wissenschaftlich wird dieses Phänomen als Shifting-Baseline-Syndrom bezeichnet. Der Begriff wurde vor allem durch den Fischereibiologen Daniel Pauly bekannt, der 1995 beschrieb, wie jede Generation von Fischereiwissenschaftlern den Zustand der Fischbestände zu Beginn der eigenen Karriere als Referenzpunkt nimmt. Dadurch wird der langfristige Rückgang unterschätzt, weil sich der Vergleichsmaßstab mit jeder Generation verschiebt. Neuere Arbeiten greifen das Konzept breiter auf und beschreiben es als eine Wahrnehmungsfalle im Umgang mit globalem Umweltwandel. (besjournals.onlinelibrary.wiley.com)
Für die Biodiversitätsdebatte ist das zentral. Denn Artensterben und Ökosystemdegradation verlaufen oft nicht als plötzliches Ereignis, sondern als schleichende Veränderung. Was verschwindet, wird irgendwann nicht mehr vermisst. Was fehlt, taucht in keiner persönlichen Erinnerung mehr auf. Genau dadurch kann ein ökologisch stark verarmter Zustand gesellschaftlich als „normal“ akzeptiert werden.
Eine nützliche Illustration, aber kein historisches Protokoll
Die verbreitete Grafik zum Shifting-Baseline-Syndrom macht diese Verschiebung sichtbar. Sie sollte jedoch nicht als exakte ökologische Rekonstruktion gelesen werden. Gerade mit Blick auf Mitteleuropa ist die Vorstellung eines durchgehend intakten Waldes im Jahr 1800 historisch problematisch. In vielen Regionen Europas waren Wälder damals durch Brennholzbedarf, Landwirtschaft, Viehweide, Bergbau, Schiffbau und frühe Industrialisierung bereits erheblich unter Druck. Der Wert der Illustration liegt also nicht in der historischen Genauigkeit einzelner Jahreszahlen, sondern in der Visualisierung eines psychologischen und gesellschaftlichen Mechanismus.
Dieser Mechanismus ist für Biodiversität besonders folgenreich. Wenn der heutige Zustand eines Flusses, eines Waldes, einer Agrarlandschaft oder eines Küstenökosystems als Ausgangspunkt genommen wird, obwohl bereits ein Großteil der ursprünglichen Vielfalt verloren ist, fallen Schutz-, Wiederherstellungs- und Risikoziele zu niedrig aus. Die Baseline ist dann nicht der gesunde Zustand, sondern ein bereits degradierter Zustand.
Biodiversitätsverlust ist kein Randthema der Umweltpolitik
Der globale Befund ist eindeutig. Der Weltbiodiversitätsrat IPBES kam in seinem Global Assessment zu dem Ergebnis, dass rund eine Million Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht sind. Der Bericht nennt außerdem massive Veränderungen von Land- und Meeresflächen durch menschliche Aktivitäten. (files.ipbes.net)
Für die Finanzwirtschaft ist daran entscheidend: Biodiversität ist keine ästhetische Zusatzgröße. Sie bildet die Grundlage zahlreicher Ökosystemleistungen, von Bestäubung über Wasserreinigung, Bodenfruchtbarkeit, Kohlenstoffspeicherung, und Hochwasserschutz bis hin zur Stabilität landwirtschaftlicher Produktion. Wenn diese Leistungen geschwächt werden, entstehen reale ökonomische Risiken.
Die Europäische Zentralbank weist darauf hin, dass der Verlust von Ökosystemleistungen langfristige Folgen für Wirtschaft, Infrastruktur und Finanzstabilität haben kann. Eine aktuelle EZB-Arbeit beziffert die Abhängigkeit der Realwirtschaft im Euroraum deutlich: 72 Prozent der nichtfinanziellen Unternehmen im Euroraum hängen kritisch von mindestens einer Ökosystemleistung ab, rund 75 Prozent der Unternehmenskredite von Banken sind mit solchen Firmen verbunden. (European Central Bank)
Die finanzielle Dimension der verschobenen Baseline
Für Investoren liegt die Gefahr nicht nur im Biodiversitätsverlust selbst, sondern auch in seiner Wahrnehmung. Das Shifting-Baseline-Syndrom kann dazu führen, dass Risiken in Portfolios, Kreditbüchern und Real-Asset-Bewertungen unterschätzt werden.
Ein Beispiel: Eine Agrarregion mit sinkender Bodenfruchtbarkeit, abnehmender Bestäuberleistung und wachsendem Wasserdruck kann über Jahre hinweg noch produktiv erscheinen. Wenn Investoren nur die letzten fünf oder zehn Jahre betrachten, wirkt die Entwicklung möglicherweise kontrollierbar. Im längeren historischen Vergleich zeigt sich jedoch, dass die natürliche Resilienz bereits stark geschwächt wurde. Die Risikoprämie fällt dann zu niedrig aus.
Ähnliches gilt für Immobilien, Infrastruktur und Private Markets. Ein Standort kann heute als attraktiv gelten, obwohl natürliche Schutzfunktionen, etwa durch Feuchtgebiete, Wälder, Flussauen oder Küstenökosysteme, über Jahrzehnte abgebaut wurden. Wird diese historische Degradation nicht berücksichtigt, erscheinen physische Risiken geringer, als sie tatsächlich sind.
Die niederländische Zentralbank DNB zeigte bereits 2020 in der Studie „Indebted to nature“, dass niederländische Finanzinstitute weltweit rund 510 Milliarden Euro an Engagements gegenüber Unternehmen mit hoher oder sehr hoher Abhängigkeit von mindestens einer Ökosystemleistung hatten. Das entsprach 36 Prozent des untersuchten Portfolios. (dnb.nl)
Von Klima zu Natur: Der Regulierungsrahmen erweitert sich
Die Finanzaufsicht beginnt, diese Risiken stärker zu systematisieren. Das Network for Greening the Financial System, ein Netzwerk von Zentralbanken und Aufsichtsbehörden, hat einen konzeptionellen Rahmen für naturbezogene Finanzrisiken entwickelt. Dabei geht es ausdrücklich um die Verbindung von Klima, Biodiversität, Wasser, Landnutzung und weiteren Naturdimensionen. (NGFS)
Auch die Taskforce on Nature-related Financial Disclosures, kurz TNFD, hat Empfehlungen für naturbezogene Offenlegung vorgelegt. Sie orientieren sich in ihrer Struktur an den bekannten vier Säulen Governance, Strategie, Risikomanagement sowie Kennzahlen und Ziele. Die TNFD empfiehlt Unternehmen und Finanzinstituten, Abhängigkeiten, Auswirkungen, Risiken und Chancen im Zusammenhang mit Natur systematisch zu identifizieren und offenzulegen. (Taskforce on Nature Finance)
Damit verändert sich die Erwartung an Finanzmarktakteure. Naturbezogene Risiken werden nicht mehr nur als Nachhaltigkeitsthema behandelt, sondern zunehmend als Bestandteil von Risikomanagement, Kreditprüfung, Standortanalyse, Due Diligence und Reporting.
Warum das Shifting-Baseline-Syndrom für Investoren gefährlich ist
Das Shifting-Baseline-Syndrom kann auf mehreren Ebenen wirken.
Erstens verschiebt es gesellschaftliche Erwartungen. Wenn weniger Natur als normal empfunden wird, sinkt der politische Druck zur Wiederherstellung. Das kann kurzfristig Geschäftsmodelle schützen, langfristig aber Transformationsrisiken erhöhen, sobald Regulierung nachzieht.
Zweitens verzerrt es Dateninterpretationen. Viele Finanzmodelle arbeiten mit relativ kurzen Zeitreihen. Für Biodiversität, Bodenqualität, Wasserverfügbarkeit oder ökologische Resilienz reichen solche Zeiträume oft nicht aus. Ein zehnjähriger Durchschnitt kann stabil wirken, obwohl der Zustand im Vergleich zu vorindustriellen oder auch nur historischen lokalen Referenzen stark degradiert ist.
Drittens beeinflusst es die Bewertung von Naturkapital. Wenn Ökosystemleistungen erst dann eingepreist werden, wenn sie ausfallen, entstehen abrupte Bewertungsanpassungen. Das betrifft etwa Landwirtschaft, Lebensmittelproduktion, Forstwirtschaft, Versicherungen, Infrastruktur, Tourismus, Immobilien und kommunale Finanzierung.
Viertens kann es Greenwashing begünstigen. Ein Unternehmen kann Verbesserungen gegenüber einem bereits geschwächten Ausgangszustand berichten, ohne dass daraus eine echte Annäherung an einen ökologisch tragfähigen Zustand folgt.
Was daraus für Portfolios folgt
Für professionelle Investoren bedeutet das: Biodiversitätsanalyse sollte nicht nur fragen, ob sich ein Unternehmen oder Asset gegenüber dem Vorjahr verbessert hat. Entscheidend ist auch, gegenüber welcher Baseline diese Verbesserung gemessen wird.
Relevante Fragen lauten:
- Welche Ökosystemleistungen sind für das Geschäftsmodell, die Lieferkette oder den Standort kritisch?
- Wie hat sich der Zustand dieser Ökosysteme historisch entwickelt?
- Welche Abhängigkeiten bestehen von Wasser, Boden, Bestäubung, Küstenschutz, Waldsystemen oder stabilen lokalen Klimabedingungen?
- Welche regulatorischen, reputationsbezogenen und physischen Risiken entstehen, wenn degradierte Ökosysteme weiter an Funktion verlieren?
- Welche Datenquellen, lokalen Studien und Satellitendaten können helfen, eine längere Referenzlinie herzustellen?
Der LEAP-Ansatz der TNFD, Locate, Evaluate, Assess, Prepare, bietet hierfür eine praxisnahe Struktur. Er soll Organisationen dabei unterstützen, naturbezogene Themen zu lokalisieren, Abhängigkeiten und Auswirkungen zu bewerten, Risiken und Chancen einzuschätzen und die Ergebnisse in Strategie und Offenlegung zu überführen. (Taskforce on Nature Finance)
Fazit: Die Baseline entscheidet über die Risikowahrnehmung
Das Shifting-Baseline-Syndrom ist mehr als ein Begriff aus der Umweltpsychologie. Für Biodiversität und Finanzen beschreibt es eine strukturelle Fehleinschätzung: Verluste werden unterschätzt, weil der Vergleichsmaßstab selbst beschädigt ist.
Für die Kapitalmärkte ist das relevant, weil Naturverlust nicht erst dann finanziell wird, wenn ein Wald verschwindet, ein Fluss austrocknet oder eine Ernte ausfällt. Das Risiko entsteht früher, nämlich in der schleichenden Erosion von ökologischer Resilienz. Wer nur den heutigen Zustand als Normalität betrachtet, sieht möglicherweise nicht den Vermögenswert, der bereits verloren gegangen ist.
Die zentrale Lehre für Investoren lautet deshalb: Nicht jede stabile Gegenwart ist ein belastbarer Ausgangspunkt. Manchmal ist sie nur die jüngste Stufe eines langen Rückgangs. csa
Bei der Recherche und Erstellung dieses Beitrags kann KI unterstützend eingesetzt worden sein.
Quellenbox
Daniel Pauly und Shifting Baseline Syndrome
https://besjournals.onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1002/pan3.10473
IPBES Global Assessment Report on Biodiversity and Ecosystem Services
https://www.ipbes.net/node/35274
IPBES Summary for Policymakers, Global Assessment
https://ipbes.net/sites/default/files/inline/files/ipbes_global_assessment_report_summary_for_policymakers.pdf
ECB, Economic and financial impacts of nature degradation and biodiversity loss
https://www.ecb.europa.eu/press/economic-bulletin/articles/2024/html/ecb.ebart202406_02~ae87ac450e.en.html
ECB Occasional Paper, Nature at risk: Implications for the euro area economy and banks
https://www.ecb.europa.eu/pub/pdf/scpops/ecb.op380.en.pdf
De Nederlandsche Bank, Indebted to nature
https://www.dnb.nl/en/general-news/news-2020/indebted-to-nature/
DNB Report, Indebted to nature: Exploring biodiversity risks for the Dutch financial sector
https://www.dnb.nl/media/4c3fqawd/indebted-to-nature.pdf
NGFS, Nature-related Financial Risks: A Conceptual Framework to guide Action by Central Banks and Supervisors
https://www.ngfs.net/sites/default/files/medias/documents/ngfs-conceptual-framework-nature-risks.pdf
TNFD Recommendations
https://tnfd.global/recommendations/
TNFD LEAP approach
https://tnfd.global/publication/additional-guidance-on-assessment-of-nature-related-issues-the-leap-approach/
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