Warum der deutsche Leitindex nicht trotz, sondern wegen der Krisen steigt
Krieg, hohe Ölpreise, geopolitische Spannungen, eine schwache deutsche Wirtschaft und der DAX erreicht ein neues Allzeithoch. Das scheint auf den ersten Blick nicht zusammenzupassen. Schließlich gilt die Börse als Seismograf der Wirtschaft. Doch möglicherweise zeigt dieser Seismograf gerade etwas ganz anderes an, als viele in ihm lesen wollen.
In Frankfurt notiert, in der Welt zu Hause
Der erste Denkfehler besteht darin, den DAX mit der deutschen Wirtschaft gleichzusetzen. Der DAX ist zwar in Frankfurt notiert, aber nicht in Deutschland zu Hause. Seine 40 Unternehmen haben ihren Börsenplatz zwar in der Mainmetropole, ihre Geschäfte machen sie aber überwiegend in der Welt. Nur rund 18 Prozent ihrer Umsätze stammen aus Deutschland. Der DAX ist deshalb längst weniger ein deutsches Konjunkturbarometer als ein globales Unternehmensportfolio mit deutscher Adresse.
Steigende Unternehmensgewinne unterfüttern Rally
Der zweite Denkfehler liegt in der Annahme, schlechte Nachrichten müssten automatisch zu fallenden Kursen führen. An der Börse wird nicht über die Stimmungslage einer Volkswirtschaft abgestimmt, sondern über die künftige Gewinnlage ihrer Unternehmen. Die europäische Berichtssaison fällt deutlich besser aus als noch vor wenigen Wochen erwartet. Auch zahlreiche DAX-Konzerne übertreffen die Prognosen oder erhöhen ihre Ausblicke. Noch vor wenigen Monaten hatten Analysten deutlich weniger erwartet. Die Rally ist deshalb nicht nur von Hoffnung, Liquidität oder Charttechnik getragen. Sie wird zunehmend durch Unternehmensgewinne unterfüttert.
Krisen sind längst Teil des Geschäftsmodells
Der interessanteste Grund für das Rekordhoch liegt jedoch noch tiefer: Der DAX steigt nicht nur trotz der Krisen, sondern teilweise wegen der wirtschaftlichen Reaktionen auf sie. Krieg und geopolitische Unsicherheit führen zu höheren Verteidigungsausgaben. Energieknappheit erzwingt Investitionen in Netze, Versorgungssicherheit und neue Kapazitäten. Der globale KI-Boom benötigt Halbleiter, Rechenzentren, Strom und industrielle Ausrüstung. Marode Infrastruktur schafft politischen Handlungsdruck und schließlich staatlich finanzierte Aufträge. Im DAX sitzen viele Unternehmen, die genau an diesen Investitionszyklen verdienen. Die Krise steht also nicht außerhalb des Index. Sie ist längst Teil seines Geschäftsmodells. Was volkswirtschaftlich zunächst Kosten verursacht, kann sich in den Auftragsbüchern einzelner Konzerne als Wachstum niederschlagen.
Nicht Euphorie, sondern Skepsis treibt die Kurse
Das bedeutet nicht, dass die Probleme des Standorts gelöst wären. Deutschlands Wirtschaft dürfte 2026 real kaum mehr als ein halbes Prozent wachsen. Hohe Energiepreise, Bürokratie, demografischer Wandel und der zunehmende Wettbewerbsdruck aus China bleiben strukturelle Belastungen. Doch der Aktienmarkt bewertet nicht die Gegenwart eines Landes, sondern die erwarteten Zahlungsströme seiner Unternehmen. Und zwischen beidem kann eine erstaunlich große Lücke liegen. Dass die Rally trotzdem ungeliebt bleibt, ist kein Widerspruch, sondern Teil ihrer Stärke. Sie wird weder von Euphorie noch von breitem Optimismus getragen. Viele Anleger zweifeln an jedem neuen Hoch, warten auf den längst fälligen Rückschlag oder bleiben angesichts attraktiver Anleiherenditen unterinvestiert. Der DAX erklimmt seine Rekorde deshalb nicht im Sprint, sondern Schritt für Schritt, begleitet von mehr Kopfschütteln als Begeisterung.
27.500 Punkte bis zum Jahresende möglich
Das Allzeithoch ist kein Beweis dafür, dass in Deutschland alles gut läuft. Es zeigt vielmehr, dass Kapitalmärkte Probleme häufig schneller in neue Geschäftsmodelle übersetzen, als die Politik sie lösen kann. Der DAX ist derzeit kein Zeugnis deutscher Stärke. Er ist der Kurszettel einer Welt, die sehr viel Geld ausgeben muss, um ihre Probleme wenigstens beherrschbar zu machen. Geht diese Rally weiter? 27.500 Punkte halte ich bis zum Jahresende für machbar. Für 30.000 Punkte und mehr müsste aus der ungeliebten Rally allerdings eine geliebte werden.
Bild © Greiff Capital
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