Wednesday 28-Sep-2022
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Corona – Versuch einer Einschätzung

OpinionsCorona – Versuch einer Einschätzung

Im Rahmen der Taktischen Asset Allocation wurde die Aktienquote in den Multi Asset Fonds reduziert. Einer der wesentlichen Eckpfeiler für die ursprünglich höhere Aktienquote ist weggefallen, nämlich die Erwartung einer moderaten Belebung der Weltwirtschaft im Jahresverlauf. Das Coronavirus hat uns in dieser Hinsicht einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht. Ein weiterer wichtiger Beweggrund für die Reduktion des Risikos liegt in der Tatsache, dass die Auswirkungen des Coronavirus unabschätzbar sind. In einer solchen Situation steht das Vorsichtsprinzip über Ertragsoptimierung. Dies gilt umso mehr angesichts der ersten Umfrageindikatoren aus China, die sich auf den Februar beziehen. Diese deuten auf eine Einschränkung der Wirtschaftsaktivität hin, die weit stärker ist, als von den meisten Marktteilnehmern erwartet. Auch in der westlichen Welt ist eine solche Entwicklung nicht unwahrscheinlich. Immerhin greifen Behörden (z. B. Verbot von Veranstaltungen), Unternehmen (z. B. Absage von Dienstreisen und Veranstaltungen) und Konsumenten (z. B. Hamsterkäufe, Stornierung von Reisen) zu drastischen Maßnahmen. Diese betreffen nicht zuletzt auch den Dienstleistungsbereich, der in den letzten Jahren die stabile Stütze der Weltwirtschaft war. Diese Maßnahmen können einen selbstverstärkenden Effekt haben. Je vorsichtiger die Behörden und Unternehmen, desto eher wird sich auch der Konsument zurückhalten. Immerhin will sich niemand dem Vorwurf aussetzen, nicht angemessen reagiert zu haben. Dass diese Maßnahmen in vielen Ländern auf ein relativ überschaubares Bedrohungspotenzial treffen, tut dem keinen Abbruch.

Das Virus konnte den Finanzmärkten überraschend lang nichts anhaben. Noch Ende Februar erreichten die Aktienmärkte neue Hochs, obwohl die Nachrichtenlage schon sehr negativ war. Dies deutet darauf hin, dass der Optimismus und die Sorglosigkeit unter Aktieninvestoren nach dem außergewöhnlich guten Aktienjahr 2019 schon extreme Ausmaße erreicht hatte. Die Vehemenz der Kurskorrektur, die mitunter an das Jahr 2008 erinnert, ist zu einem guten Teil auch auf diesen Faktor zurückzuführen. Inzwischen ist die Situation nicht nur abgekühlt. Die einschlägigen Indikatoren für die erwarteten Schwankungen am Aktienmarkt (z. B. VIX Index) haben Panikniveaus erreicht.

„Buy when there is blood in the street“ ist der Ratschlag, der sich auf exakt solche Paniksituationen bezieht. Ob heute, am ersten Handelstag des Monats März, die Zeit für Käufe reif ist, darf jedoch bezweifelt werden. Dies liegt zunächst daran, dass noch Verkäufe von systematischen Anlagestrategien zu erwarten sind. Trendfolgestrategien, Value-at-Risk-Modelle und andere Strategien, die von der Marktvolatilität getrieben werden und/oder auf Wertsicherung abzielen, werden seit der Finanzkrise verstärkt zum Einsatz gebracht, um große Veranlagungsverluste zu verhindern. Gemeinsam haben all diese Ansätze, dass sie prozyklisch agieren. Das bedeutet, dass in den fallenden Markt hineinverkauft wird, was die Abwärtsbewegung verstärkt. All diese Ansätze haben unterschiedliche Parameter und Reaktionszeiten. Einige haben schon reagiert, andere werden in den nächsten Tagen und Wochen noch Aktien verkaufen. Als zweites Argument gegen voreilige Käufe ist das Momentum des Newsflows anzuführen. Bis zuletzt baut sich der Tsunami der negativen Nachrichten immer weiter auf und es ist noch nicht absehbar, wie groß die Welle wird. Erst wenn die Welle bricht und abschätzbar wird, wie groß der Schaden ist, werden sich die Märkte nachhaltig erholen können. Bis dahin ist eine mehrwöchige bis mehrmonatige Phase mit weiterhin starken Schwankungen zu erwarten.

Zu der Erholung werden auch die Notenbanken beitragen. Eine weitere Lockerung der Geldpolitik in der Tradition der letzten Jahre ist sehr wahrscheinlich. Ende Juni, spätestens Ende des Jahres werden die Aktienmärkte nach Einschätzung des Verfassers höher stehen als Ende Februar. Der langfristig orientierte Fondsinvestor hat nicht zuletzt deshalb keine Veranlassung, etwas an seiner Veranlagungsstrategie zu ändern.


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