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1 Marktmeinung: Wahlen in Großbritannien – Muss Theresa May vor dem Brexit zurücktreten?

von Christophe Bernard, Vontobel-Chefstratege.

Das schlechte Abschneiden der konservativen Partei von Premierministerin Theresa May bei der britischen Parlamentswahl zieht ihre «starke und stabile» Führung in Zweifel. Das Ergebnis schwächt die Position Großbritanniens bei den wichtigen Brexit-Verhandlungen mit der Europäischen Union. Außerdem bedeutet es nichts Gutes für die Zukunft von Theresa May an der Spitze der Konservativen – und des Landes.

Am 18. April kündigte Theresa May trotz vorangegangener gegenteiliger Erklärungen vorgezogene Neuwahlen an. Als Rechtfertigung gab sie an, sie benötige vor den schwierigen Brexit-Verhandlungen ein klares Regierungsmandat. Doch ihre Rechnung ging nicht auf. Die konservative Partei verfehlte die Mehrheit im britischen Parlament. Nun ist sie auf einen Koalitionspartner angewiesen oder muss als Minderheitsregierung antreten. Die Konservativen unter Premierministerin Theresa May verloren 11 Sitze, während Labour unter Jeremy Corbyn 29 Sitze gewann.

Ein möglicher Koalitionspartner wäre die Democratic Unionist Party (DUP), die führende Partei in Nordirland. Zusammen hätten beide Parteien 329 Sitze, drei Sitze mehr als die absolute Mehrheit. Da die meisten Wahlkreise in Nordirland 2016 im Brexit-Referendum für einen Verbleib in der EU stimmten und angesichts der engen Verbindungen zwischen Nordirland und der Republik Irland wird die DUP im Gegenzug für ihre Unterstützung einen «weichen» Brexit fordern. Gleichzeitig könnten aber auch Brexit-Hardliner in der konservativen Partei ihre Muskeln spielen lassen. Folglich hat die politische Ungewissheit darüber, wie Großbritannien die Brexit-Verhandlungen handhabt, die in zehn Tagen starten sollen, zugenommen.

Forderungen nach einem Rücktritt von May

Angesichts des schlechten Abschneidens bei der Wahl stellen verschiedene führende Mitglieder der konservativen Partei bereits die Rolle von Theresa May als Parteichefin infrage. Sollte sie zurücktreten oder sollte das Kabinett umgebildet werden, dann könnte es auch im Team, das die Verhandlungen mit der EU führt, zu entscheidenden Änderungen kommen. Sollte es außerdem nicht möglich sein, eine Koalitionsregierung zu bilden, dann müssen die Konservativen mit einer Minderheit im Parlament regieren und benötigen für sämtliche neuen Gesetze die Zustimmung anderer Parteien. Dies wird sicherlich zu einem «weicheren» Brexit führen und die Verhandlungsmacht Großbritanniens schwächen.

Wolken am britischen Wirtschaftshorizont

Nachdem sich die Briten im Brexit-Referendum mehrheitlich für den EU-Austritt entschieden hatten, konnte sich die britische Wirtschaft überraschend gut behaupten. Im dritten und vierten Quartal des vergangenen Jahres wuchs die Wirtschaft um 2 bzw. 2,7 Prozent (gegenüber dem Vorquartal, annualisiert). Auftrieb erhielt die Wirtschaft vom lebhaften privaten Konsum. Einige «Brexiteers» sahen dies als Beweis dafür an, dass die britische Wirtschaft außerhalb der Europäischen Union (EU) stärker wachsen würde. Doch das BIP-Wachstum im ersten Quartal 2017 enttäuschte. Das Wachstum des privaten Konsums halbierte sich auf 1,4 Prozent. Zugleich belasteten rückläufige Nettoexporte das BIP-Wachstum. Das britische Pfund verbilligte sich zwischen dem Brexit-Referendum und November 2016 handelsgewichtet um 16 Prozent. Diese Abwertung führte zu einem Inflationsanstieg von 0,5 Prozent im Juni 2016 auf 2,7 Prozent im April 2017. Diese höhere Teuerungsrate schmälerte die Kaufkraft der Löhne und Gehälter erheblich. Im Juni 2016 hatten die Reallöhne noch um jährlich 2 Prozent zugelegt, im März2017 lag das Plus dagegen bei nur noch 0,1Prozent. Wir gehen davon aus, dass diese Konsumschwäche anhalten wird. Auch die Investitionstätigkeit könnte an Schwung verlieren, denn die schwierigen Brexit-Verhandlungen könnten das Geschäftsklima weiter verschlechtern. Ausserdem scheint das britische Pfund den Nettoexporten nicht wirklich Auftrieb zu verleihen.

Zweifel am Brexit-Plan Großbritanniens

Die Strategie der Regierung von Theresa May vor den Brexit-Verhandlungen ist nach wie vor unklar. Wir kennen nur den Zwölf-Punkte-Plan, den die Premierministerin in einer Rede im Januar vorgestellt hat. Einige Kernpunkte: (1) Die Rechte britischer Staatsbürger, die in anderen EU-Staaten leben, sowie die Rechte von EU-Bürgern, die im Vereinigten Königreich leben, sind garantiert (dies deckt sich mit der EU-Richtlinie zum Brexit). (2) Die britische Regierung strebt keine Mitgliedschaft im Binnenmarkt an (so wie Island, Liechtenstein und Norwegen, die Mitglieder des Europäischen Wirtschaftsraumes sind), sondern nur ein Freihandelsabkommen mit der EU. (3) Die Regierung will mehrere Handelsabkommen mit Ländern im Rest der Welt (außerhalb Europa) schließen. (4) Das bestehende EU-Recht («Acquis Communautaire») wird an dem Tag, an dem Großbritannien die EU verlässt, unverzüglich in britisches Recht umgewandelt. Nach dieser Wahl könnte dieser Plan jedoch überarbeitet werden.

Klar sind bisher die Richtlinien der EU für die Verhandlungen über den Austritt Großbritanniens. Der Rat wies den Verhandlungsführer an, zunächst den Status und die Rechte der EU-Bürger in Großbritannien sowie der Briten in der EU zu klären (dies deckt sich mit dem Brexit-Plan von Premierministerin May). Dann sollten die Verhandlungen die Vermögenswerte und Verbindlichkeiten Großbritanniens in der EU ermitteln und eine abschließende «Brexit-Rechnung» erstellen, denn Großbritannien hat nach wie vor finanzielle Verpflichtungen, die eine EU-Mitgliedschaft mit sich bringt. Drittens will die EU sicherstellen, dass der Austritt Großbritanniens den Menschen auf beiden Seiten der Grenze zwischen Irland und Nordirland nicht schadet (auch dies steht im Einklang mit dem Brexit- Plan von Theresa May). Viertens strebt die EU Klarheit in der Frage der gerichtlichen Instanzen an, die für die Beilegung noch verbleibender Streitigkeiten zuständig sein werden. Außerdem soll auch der Europäische Gerichtshof weiterhin Bestand haben. Erst nach Klärung dieser Fragen will die EU Gespräche über zukünftige Vereinbarungen über den Handel mit Waren und Dienstleistungen aufnehmen. Verschiedene führende Politiker der größeren EU-Länder haben bereits klar gemacht, dass es keinen freien Zugang zum Dienstleistungs- und Warenmarkt gibt, wenn Großbritannien nicht die «anderen beiden Freiheiten» des EU-Binnenmarktes, die Freizügigkeit des Kapitalverkehrs und von Arbeitskräften, akzeptiert. Leider gilt der Brexit in Großbritannien im Allgemeinen als Mittel, um die Einwanderung– auch von EU- Bürgern – zu beenden.

Verschiedene britische Regierungsmitglieder haben bereits erklärt, dass die Ansichten der britischen und der EU-Delegation nicht in Einklang zu bringen sind. Großbritannien weiss, dass die Verhandlungen schwierig werden und dass weniger als zwei Jahre bleiben, um zu einer Einigung zu kommen. Daher würde es lieber mehrere Punkte gleichzeitig verhandeln und nicht jeden Punkt einzeln besprechen. Einigkeit scheint nur darin zu herrschen, dass die Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland «weich» bleiben soll.

Unklare politische Lage verstärkt andere Probleme

In anderen Punkten, beispielsweise in der Frage der Rechte von EU-Bürgern in Großbritannien und der verbleibenden finanziellen Verpflichtungen des Landes, weichen die Meinungen erheblich voneinander ab. Verschiedenen Studien zufolge könnte auf Großbritannien eine «Brexit-Rechnung» von 25 bis 75 Milliarden Euro zukommen (wobei die EU darauf besteht, dass der Betrag in Euro zu zahlen ist, was darauf hindeuten könnte, wer nach ihrer Ansicht in der stärkeren Position ist). Ein weiteres mögliches Problem für Großbritannien könnte die Verlagerung von Arbeitsplätzen sein, insbesondere im Bankensektor. Laut Zeitungsberichten könnten Banken mehr als 12.000 Stellen aus London abziehen. Alles in allem werden die «Brexit-Rechnung», der Verlust von Arbeitsplätzen und die politischen Schwierigkeiten nach den vorgezogenen Neuwahlen der britischen Wirtschaft einen eher schmerzlichen Brexit bescheren. Das Mantra von Theresa May, dass kein Deal besser als ein schlechter Deal sei, hat ohnehin nie ganz verfangen, denn Großbritannien hängt wirtschaftlich viel stärker von der EU ab als umgekehrt und Handelsbarrieren würden die Wirtschaftsentwicklung in Großbritannien ganz klar bremsen.

Verzweifelte Suche nach Verhandlungsführern

Unserer Ansicht nach unterschätzen die Brexit- Befürworter, wie schwierig es sein wird, Handelsabkommen sowohl mit Europa als auch dem Rest der Welt zu schließen. Man darf nicht vergessen, dass nach dem Brexit alle Handelsabkommen, die unter dem Dach der EU geschlossen wurden, für Großbritannien nicht mehr gelten – und die Rede ist hier von Vereinbarungen mit knapp 50 Ländern. Ein weiteres unerwartetes Problem für Großbritannien ist der Mangel an hoch qualifizierten Arbeitskräften. Wie verzweifelt die Regierung nach Handelsexperten sucht, sieht man auf einer Website mit Stellenanzeigen: Das Gehalt, das hochrangigen internationalen Verhandlungsführern in Handelsfragen geboten wird, liegt über dem der Premierministerin.

Wir sind nicht direkt in Großbritannien engagiert

Wir haben keine direkten, expliziten Positionen in britischen Vermögenswerten. Es stimmt, das britische Pfund ist gemessen an der Kaufkraftparität gegenüber dem Schweizer Franken, dem US-Dollar und dem Euro unterbewertet. Doch unseres Erachtens rechtfertigt die politische Unsicherheit hinsichtlich der Brexit- Verhandlungen einen gewissen Abschlag auf die britische Währung. Außerdem hat die britische Wirtschaft ein Wettbewerbsproblem, denn obwohl das britische Pfund seit 2015 stark an Wert verloren hat, konnte die Wirtschaft das Leistungsbilanzdefizit nicht verringern.

2 Marktmeinung: This also creates significant uncertainty around Brexit negotiations

Salman Ahmed, Chief Investment Strategist at Lombard Odier Investment Managers, comments on the outcome of the 2017 UK General Election:

“UK politics has thrown another electoral surprise as the Conservative party has lost its majority, contrary to the predictions of most pre-election polls.”

“The early election gamble from the Conservative Prime Minister Theresa May seems to have backfired - rather than delivering a stronger mandate for the Conservative party it has resulted in a major setback, both for May's standing and her party's position.”

“We have been highlighting for some time that pre-election polls are unreliable and volatile and that markets remain overly benign in the run-up to elections. Our fears regarding downside risk to Sterling have also been realised, with the pound taking a knock on the prospect of a hung parliament.”

“At this stage, it is unclear what the future make-up of UK government might look like and whether we will have another election. This also creates significant uncertainty around Brexit negotiations, including timelines. Given May's hard Brexit stance, it appears that the change in political support will be read as a desire for a more pragmatic approach to an exit from the EU. That said, the picture remains confusing with no clear support for any specific agenda." 

“We think that Sterling will remain under pressure in the days ahead and are watching the 1.25 level carefully as we noted pre-elections. UK equities are likely to fare better, in our view, helped by currency depreciation. However, we believe that upside potential remains capped, especially relative to continental Europe where fundamentals seem to be improving fast alongside a very dovish ECB; continental Europe remains our core value call in the equities space.”

“Broadly, we see this election result as having little impact on global risk sentiment and we remain positive on emerging market local currency debt and equities.”

3 Marktmeinung: Observations on the UK General Election

No single party has secured enough seats to form a majority government in the UK general election, countering the consensus of an outright victory for the incumbent Conservative Party. The Conservatives won the most seats, but Labour performed more strongly than anticipated as the Scottish National Party weakened. The Conservative Party may seek to form a coalition, or a minority government with the support of independent candidates.

This outcome is a blow to the Conservative leadership, given initial expectations for a landslide win. Prime Minister Theresa May surprised many in April by calling an early election, which was intended to capitalize on favourable polls to secure her party a more comfortable majority.

We await further clarity on the results, but we believe this outcome will complicate negotiations on the UK’s exit from European Union (EU). We expect a period of uncertainty that could weigh on UK assets and add to economic headwinds.

UK markets fluctuated as polling tightened ahead of the election, and we reduced some of our UK risk exposure. Looking ahead, we think:

  • Volatility in UK markets could pick up, weighing particularly on the British pound. This unexpected result will likely drive sharper depreciation in the pound, which surged when the election was called on the expectation of a Conservative landslide, and subsequently wavered in line with polls. We are underweight the currency, though we had reduced exposure ahead of the election. We also see potential pressure on UK government bonds if progress on fiscal consolidation encounters further setbacks, and we are currently positioned for UK rates to rise relative to other developed markets.
  • In the near term, political uncertainty could exacerbate economic risks. As noted in our Q2 Fixed Income Outlook, we think currency weakness and a lack of clarity on Brexit are likely to weigh on household disposable incomes and business investment decisions this year. The coming months of political reorganization could compound this effect and the implications for growth. We see opportunities in select UK large cap equities, but our exposure to the domestic UK economy is limited given the high proportion of revenue among FTSE 100 companies that comes from abroad. We are cautious on UK small cap equities, which have a more domestic orientation.
  • A 'soft Brexit' may now be more possible, but the path is less certain. Prime Minister May pledged a so-called 'hard Brexit' that would prioritize immigration control and remove Britain from the single market and customs union. Given the pro-EU stance of most potential partners, a coalition may entail compromise and a greater willingness to accept free movement of labour on the condition of retaining access to the EU single market. We believe this scenario would be supportive of growth over the longer term.

Über Goldman Sachs Asset Management
Goldman Sachs Asset Management ist der Asset-Management-Bereich der Goldman Sachs Group, Inc. (NYSE-Symbol: GS). Per 31. Dezember 2016 belief sich das von diesem Geschäftsbereich verwaltete Vermögen auf 1,178 Billionen US-Dollar. Goldman Sachs Asset Management bietet seit 1989 diskretionäre Anlageberatungsleistungen an und beschäftigt Investment-Spezialisten an allen großen Finanzplätzen der Welt. Das Unternehmen bietet institutionellen Investoren und Privatkunden auf der ganzen Welt Investmentstrategien, die sich auf eine breite Palette von Anlageklassen erstrecken. Goldman Sachs wurde 1869 gegründet und gehört zu den führenden, global tätigen Investmentbanking-, Wertpapier- und Vermögensverwaltungshäusern. Sie betreut weltweit einen breit gefächerten Kundenstamm, zu dem Unternehmen, Finanzinstitutionen, staatliche Stellen und vermögende Privatpersonen gehören.

4 Marktmeinung: Anleger sollten sich nach Wahl in Großbritannien auf unsichere Zeiten einstellen

Der Schachzug der britischen Premierministerin Theresa May, Neuwahlen für den 8. Juni anzusetzen, sollte ihre Position innerhalb ihrer häufig zerstrittenen konservativen Partei stärken. Aber in der Politik kann ein Monat eine sehr lange Zeit sein. Denn je mehr die Labour-Partei, die mit ihrer Wahlkampagne offenbar einen Nerv bei jüngeren Wählern trifft, an Zustimmung gewinnt, desto stärker schwindet Mays Vorsprung. Einige Umfragen deuten sogar den Verlust ihrer bisherigen Mehrheit an.

Carsten Roemheld, Kapitalmarktstratege bei Fidelity International, kommentiert, was die verschiedenen drei Szenarien für Anleger bedeuten könnten:

Szenario 1 – Mehrheit für die Konservativen

Eine komfortable Mehrheit für die Tories wäre sicher das von den Märkten bevorzugte Szenario. In diesem Fall wäre unter sonst gleichen Bedingungen wohl mit keinen Kursausschlägen an den Märkten zu rechnen. Selbst eine knappe Mehrheit für die Konservativen würde Kontinuität bedeuten und daher vermutlich für gewisse Erleichterung sorgen.

Aus Anlegersicht würde eine von den Tories geführte Regierung vermutlich das Pfund stärken oder zumindest stabilisieren. Damit könnte jedoch der Höhenflug von an der Londoner Börse notierten Firmen mit Erträgen außerhalb Großbritanniens enden.

Zudem werden Anleger nach der Wahl ihre Aufmerksamkeit auf die Verhandlungen mit der Europäischen Union richten. Und die dürften eine harte Nuss werden. Als Folge sind deshalb erhebliche Schwankungen an den Devisen- sowie den Aktienmärkten sehr wahrscheinlich.

Szenario 2 – Pattsituation im Parlament

Unklare Mehrheitsverhältnisse im britischen Unterhaus bringen Unsicherheit. Und Märkte verabscheuen Unsicherheit. Als Reaktion würde es zu einem Auf und Ab an den Devisen- und Kapitalmärkten kommen. Denn Anleger müssten die Zugeständnisse zwischen Parteien – gleich welcher Couleur – beim Versuch einer Regierungsbildung ins Kalkül ziehen.

Sollte die Schottische Nationalpartei oder die Liberaldemokratische Partei in einer Koalition ein gewichtiges Wort mitreden, würde ein neuerliches Brexit-Referendum unvermittelt zu einer realen Möglichkeit werden. Anleger müssten dann ihre Annahmen zu Britannien und der EU überdenken.

In dieser Konstellation werden die Marktakteure voraussichtlich mit wichtigen Anlageentscheidungen warten, bis klar ist, welche Regierung sich aus der Pattsituation im Parlament bildet.

Szenario 3 – Mehrheit für die Labour-Partei

Bei einem solchen Überraschungs-Coup würden sich die Märkte zunächst auf das von den Anlegern vermutlich als schlimmstes eingestuftes Szenario einer Labour-Regierung konzentrieren. Viele Labour-Wahlversprechen zielen darauf ab, die Unternehmen stärker zur Kasse zu bitten und einen größeren Teil der Wirtschaftsleistung über Steuern zur Finanzierung öffentlicher Ausgaben zu verwenden. Auch mit der Möglichkeit von Verstaatlichungen in bestimmten Industriezweigen müssten sich die Marktteilnehmer auseinandersetzen.

Erhebliche Schwankungen an den Devisen- und Aktienmärkten wären vermutlich die Folge, denn britische und internationale Anleger würden ihre Portfolios in Erwartung weniger profitabler britischer Unternehmen unter einer Labour-Regierung anpassen.

5 Marktmeinung: UK-Wahlen als Nebenschauplatz der Brexit-Verhandlungen

von Alastair Gunn und Rhys Petheram, Fondsmanager bei Jupiter Asset Management.

Die Parlamentswahlen in Großbritannien stehen kurz bevor, doch das Ergebnis wird die bestehende Verunsicherung kaum abmildern. Grund sind die Brexit-Verhandlungen, die wie ein Damoklesschwert über den Märkten schweben. Eine deutliche Mehrheit für die Konservativen von über 50 Sitzen könnte britischen Aktien eine kurzlebige Rally verschaffen. Bei einem wenig wahrscheinlichen Labour-Sieg müssten wir von dramatischeren Ausschlägen ausgehen. Doch der Brexit würde weiterhin die Stimmung trüben.

Während der Urnengang in Großbritannien näher rückt, hat es die britische Währung derzeit schwer1. Der Vorsprung der Konservativen gegenüber der Labour-Partei scheint zu schrumpfen. Vor dem Hintergrund reflektiert die Abwertung des britischen Pfunds die Sorge, dass die konservative Partei unter der Führung von Theresa May möglicherweise nicht die überwältigende Mehrheit erreichen könnte, die sie benötigt, um bei den Brexit-Verhandlungen stark aufzutreten. Und dies ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, an dem die britische Wirtschaft sich spürbar verlangsamt. Statt einer Mehrheit von mindestens 100 Sitzen, die manche den Konservativen zugetraut hatten, preisen die Märkte inzwischen ein bescheideneres Ergebnis ein – eine Mehrheit von 50 Sitzen oder mehr. Doch der Vorsprung könnte in der verbleibenden Zeit noch weiter schrumpfen.

Dieser Schaden ist jedoch in gewisser Weise selbstverschuldet. Das Wahlprogramm der Konservativen ist ungewöhnlich, denn es enthält wenig von dem, was den traditionellen Anhängern der Partei in der Regel gefällt. Es lässt die Möglichkeit von Steuererhöhungen offen und der Vorschlag, dass Rentner für ihre Sozialfürsorge selbst aufkommen mögen, scheint ein schwerwiegender Fehltritt zu sein.

Die Labour-Partei unter Jeremy Corbyn hat hingegen ein Wahlprogramm aufgestellt, das ihre Kernwählerschaft direkt anspricht. Es wird die Anhänger des Labour-Spitzenvertreters vermutlich mobilisieren und für ein hohes Wahlergebnis zu seinen Gunsten sorgen. Kurz gesagt stellen wir uns nun auf ein engeres Rennen ein, als es zu Beginn der Wahlkampagne zu erwarten war.

Das britische Pfund im Zentrum der Aufmerksamkeit

Dennoch scheint es immer noch so, dass Theresa May und ihre Partei voraussichtlich eine größere Mehrheit als zuvor erhalten dürften. Die Märkte werden positiv auf diese Nachricht reagieren und das Pfund dürfte sich ein wenig erholen. Die Folgewirkung könnte eine moderate Aktienrally von Unternehmen sein, die einen Großteil ihrer Geschäfte in Großbritannien abwickeln. Die Abwertung des Pfunds nach dem Brexit-Votum hat für eine Verteuerung der importierten Rohstoffe gesorgt. Viele der Unternehmen benötigen Rohstoffe für die Produktion der Güter, die sie an Großbritannien verkaufen und es herrschte Druck, diese höheren Kosten an den Endverbraucher weiterzugeben. Eine Aufwertung des Pfunds könnte den britischen Verbraucher in einer Zeit real sinkender Einkommen vor einem solchen Preisanstieg schützen. Wir möchten jedoch darauf hinweisen, dass die Aufwertung des Pfunds bescheiden ausfallen könnte – nicht mehr als 1–2 Prozent bei einer Mehrheit von mindestens 50 Sitzen für die Konservativen, vielleicht 3–4 Prozent bei einem deutlicheren Gewinn. In diesem Zusammenhang sollten wir allerdings berücksichtigen, dass das schwache Pfund ein Segen für multinationale Unternehmen mit Hauptsitz in Großbritannien war. Ein Beispiel stellt Unilever dar, bei denen die in Euro und US-Dollar erzielten Auslandseinkünfte aufgrund des günstigen Umrechnungskurses die Bilanzen aufbesserten.

Im Falle eines Sieges der Labour-Partei wäre die Entwicklung des Pfunds weniger klar. Es könnte sich ein Trump-Effekt einstellen, bei dem die Wahrscheinlichkeit höherer staatlicher Investitionen Druck von der Bank of England nimmt. Die kurzfristigen Zinsen könnten in der Erwartung, dass auch die Vergleichszinssätze schneller als erwartet steigen, in die Höhe schnellen. Eine solche Entwicklung würde das britische Pfund vermutlich stärken. Als Gegengewicht dazu dürften der mit der Politik von Corbyn verbundene potenzielle Inflationsdruck und die allgemeine Unsicherheit über das Vorgehen einer Labour-Regierung das Pfund belasten.

Wunschdenken

Genau in Letzterem liegt unserer Meinung nach das Problem. Es ist unklar, wie Jeremy Corbyn die zusätzlichen Steuereinnahmen generieren will, um die geplanten Staatsausgaben auszugleichen. Labour hat versprochen, die Steuern für Besserverdienende zu erhöhen. Doch die Geschichte lehrt uns, dass sich die erhofften Mehreinnahmen häufig nicht einstellen, da die Menschen ihre Finanzen neu organisieren, um ihre Einkünfte zu sichern. Genau dies trat ein, als der ehemalige Finanzminister George Osborne den Spitzensteuersatz von 45 Prozent auf 50 Prozent anhob und die Steuereinnahmen nicht wesentlich anstiegen.

Was eine Erhöhung der Unternehmenssteuern betrifft, so könnte sich ein solcher Schritt zu einem Zeitpunkt, an dem wir unseren Austritt aus der Europäischen Union vorbereiten, als kontraproduktiv erweisen. Im gegenwärtigen Umfeld benötigt Großbritannien einen Anreiz für Unternehmen, ihren Sitz hierher zu verlagern, doch eine Erhöhung der Unternehmenssteuer scheint uns nicht das richtige Signal dafür zu sein. Angesichts der Bedrohung, die der Brexit für die Finanzdienstleistungsbranche des Landes darstellt, sind Gespräche über eine Einführung der Finanztransaktionssteuer ebenfalls wenig hilfreich.

Eine harte Landung steht bevor

Für die Geschäftswelt und für uns als Anleger in britische Unternehmen sollte der Fokus darin liegen, einen Plan aufzustellen, der durch das potenzielle Minenfeld namens Brexit führt. Ein „harter“ Brexit, bei dem wir nicht in der Zollunion verbleiben, wäre das wahrscheinliche Ergebnis sämtlicher Verhandlungen unter der Führung einer neuen konservativen Regierung. Je eher wir die Spielregeln für den künftigen Handel mit dem restlichen Europa erfahren, desto besser für alle Beteiligten. Die jüngste Welle des Populismus, die offenbar viele westliche Industrieländer erfasst hat, war ein äußerst destabilisierender Faktor für die Wirtschaft. Ganz gleich, welche Partei an die Macht kommt, sie muss eine Situation schaffen, die für die britische Wirtschaft konstruktiver ist. Das wiederum beinhaltet die Schaffung eines Rahmenwerks, das Großbritannien zu einem attraktiveren Wirtschaftsstandort macht.

Wäre die Labour-Partei eher in der Lage, ein solches Rahmenwerk im Falle eines Sieges zu schaffen? Unwahrscheinlich. Beim Brexit würde eine neue Labour-Regierung bei Null anfangen. Sie hätte sogar weniger Zeit als die Konservativen, ein gutes Ergebnis für Großbritannien zu verhandeln, selbst wenn es ihr gelänge, von all der bereits für die Vorbereitung der Brexit-Gespräche investierten Arbeit der Staatsbediensteten zu profitieren. Eine vernünftige Übergangslösung wäre das Beste, was wir uns erhoffen können. Dies dürfte auch ein wahrscheinlicher Ausgang der Verhandlungen mit den Konservativen sein, obwohl man hoffen sollte, dass die Partei von Theresa May schon ein Stück weiter ist in ihrem Verständnis dessen, was sie erreichen möchte.

Zusammengefasst ändert das Ergebnis der am Donnerstag stattfindenden Wahlen wenig an unserer Einschätzung, dass sich die Unternehmen, in die wir investieren, auf einen vollständigen Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union vorbereiten müssen. Übergangslösungen, bei denen wir Handelsabkommen auf Sektorenebene sehen, könnten die Landung abfedern. Eine volle Zollunion scheint angesichts des Bestehens der EU darauf, dass eine uneingeschränkte Freizügigkeit ihrer Bürger die unabdingbare Voraussetzung für die Erlangung dieses Privilegs ist, allerdings unerreichbar.

Quellen:
(1) FT, “Pound losses deepen as UK election polls narrow”, 26.05.17

6 Marktmeinung: The UK Election and Its Impact on Brexit

by Ben Kottler, Institutional Portfolio Manager at MFS Investment Management.

As the United Kingdom’s general election campaign enters its final days, recent polls have shown the race tightening somewhat. However, the ruling Conservative Party, led by Prime Minister Theresa May, is expected to maintain or even increase its majority in the House of Commons on 8 June. What is in doubt is the impact the election will have on the Brexit negotiations, which are set to begin in earnest 11 days later.

According to pollsters, the most important issue for voters at the time the election was called was who should lead the Brexit negotiations. On that score, May currently has a great deal of public support, outpolling Jeremy Corbyn, leader of the Labour Party, by roughly three to one. The Conservatives have campaigned on the idea that ‘strong and stable’ May is better suited to the task of negotiating Brexit than Corbyn and that with a narrow negotiating window ahead, now is not the time to change governments.

The conventional wisdom is that May, after surveying the political landscape, called an early election to increase the Tories’ majority in order to improve her hand in Brexit negotiations. It is thought that this would strengthen the prime minister’s hand against a small group of eurosceptic Conservative Members of Parliament (MPs), who would gladly give up access to the European Union’s single market in exchange for having control over the UK’s borders and trade deals.

There is little evidence, however — beyond her seemingly tepid support for the Remain camp during the referendum — that May favours a ‘soft’ Brexit. Indeed, the few public statements she has made since declaring that ‘Brexit means Brexit’ suggest that she is now more in the ‘hard’ Brexit camp. For example, May repeated her call for low immigration targets in the election manifesto — targets that were not achieved by the government when she was home secretary. Yet to be seen is which way new Conservative MPs will lean if she does indeed garner a larger majority. For the Conservatives, one potential benefit of an early election is that it would reset the clock for another five-year fixed term. Assuming Brexit negotiations stretch on for two years, May’s party would have three years to finalise a trade agreement and adapt to the new UK-EU relationship before having to face the voters again.

Now’s not the time for nuance

At this stage, with negotiations with the EU to begin in mid-June — and the UK election underway — one should not expect much nuance from either side of the negotiating table. At the outset of any negotiation, positions tend to be at their most extreme. Essentially, we are now in the posturing stage, with each side appealing to their own constituents. For example, on one side you have the EU saying that the UK will owe as much as €100 billion upon Brexit, and on the other side you have the UK saying it could owe nothing and that it will walk out of talks if the EU demands too much. The odds are that there will be an agreement that sets terms somewhere between these two extreme positions.

Similarly, it is the UK’s stance that the terms of Brexit can be negotiated while future EU/ UK trade agreements are being worked out. The EU’s viewpoint is that discussions about future trade in services should not begin until there has been progress on the UK’s nancial contributions to the EU, on the border between the Republic of Ireland and Northern Ireland and on the rights of EU citizens living in the UK and UK citizens living in the EU.

So what kind of Brexit will it be? A smooth Brexit process, after all, is not in the EU’s interest since that could potentially encourage other EU member states to leave. To illustrate the point, a Bundesbank of official recently said that Britain faces ‘either a hard Brexit or a very hard Brexit.’ The trick for the EU will be to set terms that don’t encourage other nations to follow in the UK’s footsteps, but without creating an environment that will significantly interfere with European trade bound for the UK. Although the failure of talks would potentially hit the UK hard, disruption in the EU would also be unpalatable.

At the outset of the negotiations, an agreement looks a long way off. But let’s not forget that the EU has managed to forge agreements during periods of crisis throughout its history, even when consensus looked unlikely. History suggests it will be able to do so in the end, but it also suggests that any agreement will come at the very last moment.

What are the two sides’ best bargaining chips? For the EU, it is the significant trade imbalance between it and the UK. Of the EU countries, the UK only has a trade surplus with Ireland. The UK’s best bargaining chip is that it can potentially make a significant exit payment to ease the loss of annual payments to Brussels. There’s also an implicit threat to reduce UK participation in European security arrangements, although it is hard to see how this would be in the UK’s interests and leaves an unpleasant taste in the mouth, particularly after the recent terrorist attack in Manchester.

Winners and losers

With the two sides miles apart in their public stances, and emotions running high, it is difficult to say who stands to gain or lose the most from these negotiations. There is intense media interest in how London’s role as the nancial capital of Europe will change. Dublin, Luxembourg and Frankfurt would likely pick up some of the jobs that could leave the British capital, but we question whether any city or country would even want to assume London’s role as a nancial capital, given the enormous regulatory infrastructure — not to mention systemic risks — that come with the territory. Ironically, New York may end up benefiting more than any of the European alternatives as US investment banks bring London-based jobs back to their headquarters.