Iran-Sanktionen: Was hinter Washingtons Krypto-Milliarde steckt

Digital Investing and CryptoIran-Sanktionen: Was hinter Washingtons Krypto-Milliarde steckt

Am 8. Oktober kündigte US-Finanzminister Scott Bessent auf dem NPolicy Summit von Newsmax in Washington an, die Vereinigten Staaten würden voraussichtlich noch in derselben Woche Kryptowerte mit Iran-Bezug im Umfang von rund einer Milliarde US-Dollar beschlagnahmen. Man wisse, wo die Mittel liegen, sagte er laut The Block. Welche Wallets und welche Token betroffen sind, ließ er offen. Eine Bestätigung, dass die Maßnahme erfolgt ist, lag bis Redaktionsschluss nicht vor.

Für sich genommen ist die Ankündigung eine politische Botschaft mit unklarer Zahlenbasis. Relevant für institutionelle Marktteilnehmer wird sie durch den Rahmen, in den sie fällt: Seit dem Frühjahr hat das US-Finanzministerium digitale Vermögenswerte Schritt für Schritt zu einem eigenständigen Sanktionsfeld gegen Iran ausgebaut, mit Instrumenten, die ausdrücklich auch Akteure außerhalb der USA erfassen. Parallel hat ein Untersuchungsbericht des US-Senats den Stablecoin USDT als zentrales Zahlungsmittel des iranischen Schattenbankensystems beschrieben. Beides zusammen verändert, wie Banken, Asset Manager und Verwahrer Kryptoexposures und ihre Gegenparteien bewerten müssen.

Die Milliarde ist eine Ankündigung, keine Bilanz

Die genannte Summe hat eine Vorgeschichte, die zur Vorsicht mahnt. Bereits Ende Mai hatte Bessent auf dem Reagan National Economic Forum erklärt, die USA hätten rund eine Milliarde Dollar in iranischen Kryptowerten beschlagnahmt. Eine Pressemitteilung des Finanzministeriums vom 2. Juni sprach dagegen vom Einfrieren von knapp einer halben Milliarde Dollar an regimenahen Kryptowerten. Ob sich die nun angekündigte Milliarde zu früheren Beträgen addiert oder sie teilweise einschließt, ist offen.

Hinzu kommt eine begriffliche Unschärfe. Im Sanktionsrecht ist das Einfrieren (Blocking) durch das Office of Foreign Assets Control (OFAC) etwas anderes als eine Beschlagnahmung, die in den USA in der Regel ein gerichtliches Einziehungsverfahren des Justizministeriums voraussetzt. Bei Stablecoins kommt eine dritte Ebene hinzu: Der Emittent kann Adressen technisch sperren. Tether gibt an, im Jahr 2026 Maßnahmen unterstützt zu haben, durch die rund 550 Millionen Dollar in USDT mit Iran-Bezug eingefroren wurden, darunter mehr als 344 Millionen Dollar im April. OFAC hatte im April zwei Adressen der iranischen Zentralbank sanktioniert, die nach Analyse des Senats 344,2 Millionen Dollar in USDT hielten. Diese Zahlen überschneiden sich erkennbar. Eine konsolidierte, geprüfte Gesamtsumme veröffentlicht keine der beteiligten Stellen.

Für die Einordnung heißt das: Die Größenordnung von mehreren hundert Millionen Dollar an blockierten Mitteln ist durch Behörden- und Emittentenangaben belegt. Die Milliarde ist eine politische Zielmarke.

Digitale Assets als eigener Sanktionssektor

Substanzieller als die Summe ist die rechtliche Architektur, die Washington seit Jahresbeginn aufgebaut hat. Im Mai stellte OFAC in FAQ 1250 klar, dass iranische Kryptobörsen als iranische Finanzinstitute gelten und damit unabhängig von einer Listung blockiert sind. Am 2. Juni folgte die Sanktionierung von Nobitex, Irans größter Börse, die nach Angaben des Ministeriums 2025 mehr als die Hälfte aller iranischen Krypto-Zuflüsse abwickelte, sowie von Wallex, Bitpin und Ramzinex. Im August kamen Shelbit und Aban Tether hinzu, im September BitBank, die nach Darstellung des Ministeriums zwischen Juni und Juli Bitcoin im Wert von mehreren hundert Millionen Dollar an die Revolutionsgarden (IRGC) transferiert haben soll.

Der für Marktteilnehmer außerhalb der USA entscheidende Schritt erfolgte am 24. August. Mit dem Start der „Operation Economic Outcast“ erließ OFAC eine Sektorbestimmung nach Executive Order 13902, die neben Technologie, Gold, Luftfahrt und Schifffahrt auch den Sektor digitale Assets der iranischen Wirtschaft erfasst. Damit kann OFAC jede Person sanktionieren, die in diesem Sektor tätig ist, unabhängig von ihrem Sitz. FAQ 1257 beschreibt die Folgen für Finanzinstitute: Ausländische Banken, die wissentlich bedeutende Transaktionen für eine sanktionierte iranische Börse abwickeln, riskieren Einschränkungen oder das Verbot von Korrespondenzkonten in den USA.

Ergänzt wird das durch die Finanzaufsicht. In einem Alert vom 11. Mai beschrieb das Financial Crimes Enforcement Network (FinCEN) digitale Assets als ein Standbein des iranischen Schattenbankensystems und nannte Stablecoins wegen Liquidität, einfacher Abwicklung und Wertstabilität als bevorzugtes Instrument. Der Alert verweist zudem auf den Aufruf der FATF, iranischen Krypto-Dienstleistern keine Präsenz und keine Geschäftsbeziehungen zu gestatten.

Der Senatsbericht: USDT als Zahlungsschiene

Am 28. September veröffentlichten Ranking Member Richard Blumenthal und der Minderheitsstab des Permanent Subcommittee on Investigations den Bericht „Tethered to Terrorism“. Die Ermittler werteten die Transaktionen von 846 Wallets aus, die von OFAC oder der israelischen Terrorfinanzierungsbehörde NBCTF wegen Verbindungen zu Iran und dessen Verbündeten sanktioniert oder zur Beschlagnahme ausgeschrieben wurden. Nach ihrer Analyse wickelten 84 Prozent davon ausschließlich oder nahezu ausschließlich Zahlungen in USDT ab. Zwei sanktionierte Ölschmuggler sollen zwischen 2021 und 2025 über 603 Millionen Dollar in USDT bewegt haben, in einem Netzwerk mit Verbindungen zur Hisbollah, den Huthis und iranischen Finanzinstituten. Als Zugänge nennt der Bericht unter anderem große Börsen außerhalb der USA wie Bybit, OKX, Gate und Binance.

Den Kern der Kritik bildet das Freeze-Verhalten des Emittenten. Vor 2024 habe Tether sanktionierte Adressen nicht umfassend und konsequent gesperrt; in einem Fall seien nach der Ausschreibung noch 34,6 Millionen Dollar über betroffene Wallets abgeflossen. Tether bezeichne die Einhaltung von OFAC-Sanktionen als „freiwillig“. Blumenthal hat Finanz- und Justizministerium aufgefordert, Tethers Geldwäsche- und Sanktions-Compliance zu prüfen.

Der Bericht verlangt eine nüchterne Lesart. Er stammt von der Minderheitsfraktion, verbindet die Analyse mit politischer Kritik an der Regierung und ist keine gerichtliche Feststellung. Tether hat am Tag der Veröffentlichung auf seine Kooperation mit Behörden und die eingefrorenen Beträge verwiesen, ohne auf die Vorwürfe im Einzelnen einzugehen. Die Methodik ist allerdings offengelegt, die ausgewerteten Wallets sind im Anhang aufgeführt, und die Kernaussage zur Dominanz von USDT deckt sich mit der Einschätzung von FinCEN.

Was daraus für Entscheider folgt

Die erste Konsequenz betrifft das Verständnis von Stablecoins als Infrastruktur. Die Sperrfunktion eines zentral emittierten Stablecoins ist das Werkzeug, über das staatliche Durchsetzung auf der Blockchain überhaupt greift. Für regulierte Häuser ist das eine Voraussetzung für Compliance. Zugleich bedeutet es, dass die Verfügbarkeit von Beständen von Entscheidungen des Emittenten und von dessen Verhältnis zu US-Behörden abhängt. Bei einem Anbieter, der nach Angaben des Senatsberichts rund 60 Prozent der Stablecoin-Marktkapitalisierung auf sich vereint, ist das ein Konzentrations- und Reputationsrisiko, das in die Bewertung von Liquiditäts- und Abwicklungsketten gehört.

Die zweite Konsequenz betrifft die Gegenparteiprüfung. Europäische Institute unterliegen primär den Sanktionen der EU. Über Dollar-Clearing, Korrespondenzbanken und US-Geschäftsbeziehungen reichen die US-Sekundärsanktionen jedoch faktisch in ihre Bücher hinein. Wer Krypto-ETPs auflegt, digitale Assets verwahrt oder Kunden Handelszugänge bietet, sollte prüfen, welche Börsen, Liquiditätsanbieter und OTC-Desks in seinen Ketten stehen und ob deren Kontrollen indirekte Berührungen mit iranischen Adressen erfassen. FinCEN empfiehlt dafür ausdrücklich Blockchain-Analysen, die auch mittelbare Verbindungen abbilden, sowie die Prüfung von IP- und Geräteindikatoren.

Die dritte Konsequenz ist strategischer Natur. Die Transparenz öffentlicher Blockchains, lange als Argument gegen Kryptowerte als Fluchtwährung angeführt, wird zum Ermittlungsinstrument. Behörden attribuieren Adressen, Emittenten sperren sie, Analysefirmen verfolgen Mittelflüsse über Börsen hinweg. Für institutionelle Anleger stärkt diese Entwicklung tendenziell die regulierten Teile des Marktes. Sie erhöht aber auch den Aufwand, um nachzuweisen, dass die eigenen Ketten sauber sind.

Offene Fragen

Ob die angekündigte Beschlagnahmung tatsächlich erfolgt, in welcher Höhe und auf welcher Rechtsgrundlage, wird sich erst an Gerichtsdokumenten oder OFAC-Veröffentlichungen ablesen lassen. Offen ist ebenso, ob Finanz- und Justizministerium der Aufforderung aus dem Senat folgen und Tethers Compliance formal prüfen; die bekannten politischen und geschäftlichen Verbindungen zwischen Tether und dem Regierungsumfeld machen diese Frage heikel. Für europäische Häuser schließlich bleibt zu beobachten, ob die EU ihre eigenen Iran-Sanktionen und die Aufsicht über Kryptodienstleister in ähnlicher Weise auf digitale Assets zuschneidet oder ob sich der Abstand zwischen US-amerikanischer und europäischer Durchsetzung vergrößert. Die Antwort darauf bestimmt, wie stark US-Sanktionsrisiken künftig in europäischen Compliance-Programmen gesondert abgebildet werden müssen. csa


Quellen

* DE: Die ergänzenden Inhalte können KI-generiert sein. EN: The additional content may be AI-generated.