Der M&A Markt steht vor einem Wendepunkt. Während geopolitische Risiken, politische Unsicherheiten und der rasante Vormarsch Künstlicher Intelligenz viele Geschäftsmodelle unter Druck setzen, erwarten die Managing Partner und Gründer von ox8 Corporate Finance, Klaus Wagner und Thorsten Hackspiel, für 2026 dennoch einen spürbaren Anstieg der Transaktionsaktivität. Im Gespräch mit Christian Salow von altii erläutern sie, warum KI zum zentralen Prüfstein für Unternehmensbewertungen wird und welche Faktoren künftig über erfolgreiche Deals entscheiden.
altii: Herr Wagner, Herr Hackspiel, Ihr aktueller Ausblick für den M&A-Markt trägt den Titel „KI als Stresstest“. Das klingt nach einem harten Jahr. Sie prognostizieren für 2026 dennoch deutlich mehr Transaktionen als 2025. Wie passt das zusammen?
Klaus Wagner: Danke für die Frage. Der Widerspruch ist nur scheinbar. Das Jahr 2025 war geprägt von politischen Unsicherheiten und geopolitischen Spannungen. Viele Investoren agierten extrem vorsichtig und haben Transaktionen aufgeschoben. Das hat einen „Deal-Stau“ erzeugt. Jetzt, im Jahr 2026, rückt die Substanz in den Mittelpunkt. Die Filterphase ist vorbei, und genau das prägt den Übergang. Wir sehen einen Markt, der zwar aktiver wird, aber zugleich deutlich selektiver bleibt. Die Zahl der Deals wird also steigen, aber nur bei den richtigen Unternehmen.
altii: Sie sprechen von „Substanz“ und „Selektion“. Was sind die entscheidenden Kriterien, über die sich heute entscheidet, ob ein Transaktionsprozess erfolgreich ist oder scheitert?
Thorsten Hackspiel: Der entscheidende Prüfstein ist die Widerstandsfähigkeit des Geschäftsmodells gegenüber technologischen Umbrüchen, allen voran der Künstlichen Intelligenz. KI ist längst kein Add-on mehr, sondern ein Stresstest für Unternehmen. Käufer prüfen heute extrem intensiv, wie angreifbar Wertschöpfung, Prozesse und Margen durch Automatisierung und datengetriebene Lösungen sind. Unternehmen mit klarer technologischer Positionierung, eigener Datenbasis und skalierbaren Strukturen gelten als deutlich robuster und erzielen höhere Bewertungen. Geschäftsmodelle ohne erkennbare Differenzierung geraten schnell unter Druck.
altii: Sie erwähnen den hohen Wettbewerbsdruck. Auf der Käuferseite scheint doch viel Liquidität vorhanden zu sein. Warum führt das nicht zu einem Boom für jeden Verkäufer?
Klaus Wagner: Die Liquidität auf Käuferseite ist tatsächlich hoch und der Anlagedruck steigt. Aber das Angebot an hochwertigen, widerstandsfähigen Unternehmen ist begrenzt. Das Ergebnis ist ein intensiver Wettbewerb um wenige, überzeugend aufgestellte Unternehmen. Wenn ein attraktives Konzept auf den Markt kommt, ist der Run darauf riesig. Investoren greifen also nicht mehr spontan zu, sondern wählen gezielt aus. Qualität wird damit zum zentralen Preistreiber und zum Engpassfaktor. Wer kein klares Profil oder stabile Erträge vorweisen kann, hat es im Verkaufsprozess entsprechend schwer.
altii: Welche Branchen oder Unternehmensprofile profitieren von dieser Entwicklung und gelten 2026 als die „überzeugenden Targets“?
Thorsten Hackspiel: Der Fokus liegt klar auf Branchen, die strukturelle Veränderungen aktiv nutzen. Dazu zählen wir Technologieunternehmen, B2B-Dienstleister, spezialisierte Nischenanbieter und ausgewählte Healthcare-Segmente. Diese Sektoren profitieren von der Digitalisierung und KI, nutzen sie zur Veränderung ihrer Prozesse und Geschäftsmodelle. Gleichzeitig verstärken der demografische Wandel und anstehende Nachfolgeregelungen den Verkaufsdruck in vielen mittelständischen Unternehmen, was das Angebot in diesen Bereichen erhöht.
altii: Die Finanzierungsbedingungen scheinen sich ja zu entspannen. Sinkende Zinsen und rückläufige Inflation sollten den Markt doch zusätzlich befeuern. Reicht das nicht aus, um die Bewertungen für alle zu heben?
Klaus Wagner: Rückenwind kommt von der Finanzierungsseite, das stimmt. Sinkende Zinsen und eine rückläufige Inflation verbessern die Rahmenbedingungen für Übernahmen. Die Zahlungsbereitschaft auf Käuferseite steigt und Finanzierungen werden planbarer. Aber, und das ist ein entscheidendes Aber: Eine günstigere Finanzierung bedeutet nicht automatisch eine höhere Bewertung für alle. Sie verschärft vielmehr den Wettbewerb um jene Targets, die strategisch schon überzeugt haben und langfristig in bestehende Wachstumspfade passen. Käufer agieren weiterhin vorsichtig, und politische sowie wirtschaftliche Spannungen prägen das Marktumfeld.
altii: Was ist dann die zentrale Botschaft für Unternehmer, die 2026 einen Verkauf oder eine Transaktion anstreben? Worauf kommt es an?
Thorsten Hackspiel: Die Botschaft ist eindeutig: Der richtige Zeitpunkt für einen Verkauf bemisst sich nicht allein an der aktuellen Performance, sondern an der Visibilität der zukünftigen Entwicklung. 2026 gewinnt im M&A nicht der Verkaufswille, sondern die gründliche und strukturierte Vorbereitung und die bewusste Wahl des richtigen Partners. Es geht darum, das eigene Geschäftsmodell auf KI-Resilienz zu überprüfen, die technologische Positionierung zu schärfen und die eigene Substanz und Zukunftsfähigkeit klar nachweisbar zu machen. Nur so kann man sich im Wettbewerb durchsetzen.
altii: Herr Wagner, Herr Hackspiel, ich danke Ihnen für dieses klare und aufschlussreiche Gespräch.
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