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Es rumort in Südamerika – Brasilien

OpinionsEs rumort in Südamerika - Brasilien

Für Anleger gibt es interessante Entwicklungen in Argentinien und Brasilien. Wir haben uns vor Ort umgeschaut, so Adriana Cristea, Macro Strategist, und Guido Chamorro, Co-Head EM Hard Currency Debt, beide Pictet Asset Management.

Die beiden Seiten des Wasserfalls

Die Iguazú-Wasserfälle an der Grenze zwischen Brasilien und Argentinien gehören vielleicht zu den eindrucksvollsten Naturwundern, aber das Tosen der 1,5 Millionen Liter Wasser, die jede Sekunde gegen die Felsen donnern, ist nicht mehr als ein Rumoren im Vergleich zu den wirtschaftlichen Entwicklungen, die zurzeit auf beiden Seiten der Grenze toben. Zwei Mitglieder unseres Emerging Markets Teams haben in beiden Ländern vor Ort recherchiert – Guido Chamorro in Argentinien und Adriana Cristea in Brasilien.

Bei diesen Besuchen standen nicht nur Treffen mit Zentralbank- und Regierungsvertretern auf dem Programm. Mit der Unterstützung, einer Stiftung, die sich für die Jugendförderung einsetzt, haben wir uns in die Dörfer, die Favelas und Barrios begeben, um nach Hinweisen zu suchen, dass die öffentlichen Programme in diesen Volkswirtschaften tatsächlich etwas bewirken. Wir glauben, dass dieser aktive, integrative Ansatz uns zu besseren und verantwortungsvolleren Anlegern macht.

Unsere Erkenntnisse sind in unsere Positionierung eingeflossen. Wir sind im argentinischen Peso und in auf US-Dollar lautenden argentinischen Staatsanleihen und auch leicht im brasilianischen Real übergewichtet und warten die weiteren Entwicklungen ab. Davon machen wir es abhängig, ob wir diese Position ausbauen und möglicherweise zu einer Übergewichtung brasilianischer Lokalwährungsanleihen übergehen.

Dies ist Teil II der kleinen Reihe „Es rumort in Südamerika“, Teil I von Guido Chamorro zu Argentinien finden Sie hier.

Brasilien – Adriana Cristea

von Adriana Cristea, Macro Strategist bei Pictet Asset Management.

In der Favela, die wir mit einer gemeinnützigen Einrichtung besuchten, ist eine der am stärksten benachteiligten in Rio de Janeiro und es herrscht dort eine extrem hohe Gewaltkriminalität – in einem Land, dessen Mordrate ohnehin schon dem Schwellenwert für konfliktbezogene Gewalt der WHO entspricht.

Es gibt aber auch Anlass zu Optimismus. Doch trotz allen Engagements bei der Unterstützung benachteiligter Jugendlicher muss die Hauptlast von den Politikern getragen werden. Auch wenn die Tendenz positiv ist, ist Vorsicht vor zu großer Hoffnung geboten.

Kehren neue Besen besser?

Jair Bolsonaro hat zu Beginn des Jahres sein Amt als neuer Präsident Brasiliens angetreten. Er wollte die altmodische Politik wegfegen und stattdessen eine Fülle wirtschaftlicher und sozialer Reformen auf den Weg bringen. Aber sein Besen gehorcht ihm nicht.

Aufgrund der Zersplitterung des Kongresses und seines gespannten Verhältnisses zur Regierung kommt das so wichtige Gesetz über die Rentenreform einfach nicht durch. Bolsonaros Pläne, die Ausgaben für die Alterssicherung um 1,2 Bio. BRL (ca. 302 Mrd. US-$) signifikant über einen Zeitraum von zehn Jahren zu kürzen, könnten auf etwa 500 Mrd. BRL gestutzt werden, sollten sie von der (traditionellen) politischen Maschinerie abgesegnet werden. Das ist problematisch. Unseren Berechnungen zufolge braucht Brasilien eine Haushaltskonsolidierung von rund 2,5% des BIP – der Großteil davon müsste von der Reform des Sozialversicherungssystems gestemmt werden, der Rest von Privatisierungen, der Streichung des Mindestlohns und vom Kampf gegen Steuerbetrug und -vermeidung –, damit die Wirtschaft auflebt und das Vertrauen der Anleger wiederhergestellt wird. Wir gehen davon aus, dass die Reform des Sozialversicherungssystem nach Möglichkeit bis zu BRL 1 Bio. (USD 255 Mrd.) an Einsparungen bringen muss, damit es mit der Wirtschaft aufwärts geht.

BOLSONAROS SCHWERE LAST

Staatsverschuldung Brasilien im Verhältnis zum BIP, % (Prognose aus 2018)

Quelle: Internationaler Währungsfonds, World Economic Outlook April 2019

Das erklärt auch, warum das Wachstum weiterhin enttäuscht und nach der anfänglichen Begeisterung die Stimmung in der brasilianischen Bevölkerung wieder gedrückt ist. Kein Wunder, dass Bolsonaro in den Umfragen schlecht wegkommt. Der Konsum ist verhalten, eine Folge der ungenutzten Kapazität am Arbeitsmarkt und des langsamen Wachstums der Realeinkommen. Der Unternehmenssektor leidet unter den hohen Fremdkapitalkosten, die durch fehlenden Wettbewerb, Bürokratie, geringe Akzeptanz von Technologie und eine ineffiziente Rechtsprechung verursacht wurden und alle gemeinsam die Wirksamkeit monetärer Entscheidungen hemmen.

Reformorientiert

Sollte Bolsonaro es schaffen, seine Rentenreform durchzubringen, dürfte der Rest seiner Agenda ein Spaziergang sein, da für einen Großteil seiner Themen keine Zustimmung des Kongresses nötig ist. Unter diesem Vorbehalt dürfte die Öffnung des Handels durch Senkung der Zölle, Förderung des Wettbewerbs in diversen Branchen, Privatisierungen, Steuerreform, Arbeitsmarktreform usw. positiven Einfluss auf die Wirtschaft haben. Technokraten aus der Regierung, die ich getroffen habe, machten einen energiegeladenen Eindruck und ihnen ist bewusst, dass sie den Auftrag haben, strukturelle Veränderungen herbeizuführen, damit Brasilien gerechter, offener und produktiver wird. Das Land hat ohne Zweifel noch einen weiten Weg vor sich. Nehmen wir als Beispiel die Bildung. Auch wenn Brasilien pro Schüler viel mehr ausgibt als vergleichbare Schwellenländer, sind die Schulen in benachteiligten Gemeinden überfüllt und es fehlt an lokaler Sicherheit, sodass die Kinder im besten Fall an 80 Tagen im Jahr im Unterricht sitzen.

Vorerst tun ausländische Anleger gut daran, eine vorsichtige Haltung einzunehmen. Die Investitionsströme lassen darauf schließen, dass sie nicht sehr stark in Anleihen oder der Währung des Landes investiert sind. Obwohl sich die Aussichten für das Land gebessert haben und die politischen Spannungen weitgehend abgenommen haben, hängt unserer Meinung nach viel davon ab, wie die Verhandlungen zur Rentenreform voranschreiten und inwieweit die vorgeschlagenen Kürzungen verwässert werden. Die fiskalische Anpassung ist keineswegs eine einfache Aufgabe, doch ist der kurzfristige Schmerz erforderlich, um langfristige für Brasiliens künftige Generationen einen Erfolg zu erzielen. Wir sind im brasilianischen Real zurzeit leicht übergewichtet. Günstige Entwicklungen in Sachen Rentenreform wären für uns ein Grund, diese Position auszubauen und vielleicht auch zu einer Übergewichtung in brasilianischen Lokalwährungsanleihen überzugehen.


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Über die Autoren

Guido Chamorro kam 2005 als Kreditanalyst zum Fixed-Income-Credit-Research-Team von Pictet Asset Management und wurde 2007 Investment Manager für Schwellenländeranleihen mit Spezialisierung auf Unternehmensanleihen. Zurzeit ist er als Senior Investment Manager für weltweite Schwellenländeranleihen-Portfolios verantwortlich. Bevor er zu Pictet kam, hatte er schon sieben Jahre Erfahrung in der Kreditanalyse, nachdem er bei Fitch Inc. in Chicago als Direktor der Latin American Corporate Finance Group und bei Duff & Phelps Credit Rating als Analyst tätig gewesen war. Guido Chamorro erwarb an der Universität Chicago einen BA in Wirtschaftswissenschaften und an der Graduate School of Business der gleichen Universität einen MBA.

Adriana Cristea ist seit April 2018 bei Pictet Asset Management beschäftigt und gehört als Macro Strategist dem Emerging Debt Team an. Sie war sechs Jahre bei DG Partners, einem globalen Macro-Hedgefonds, als Senior Global Macro Research Analyst und Strategist tätig. Ihr Tätigkeitsschwerpunkt lag auf Strategien in den Bereichen Emerging Markets Forex, Rates und Credit. Adriana Cristea besitzt einen BSc in Financial Management der Universität Essex und einen MSc in Finance der Universität Warwick. Zudem hat sie das Investment Management Certificate (IMC) erworben.

Über Pictet Asset Management

Pictet Asset Management ist ein unabhängiger Vermögensverwalter mit einem verwalteten Vermögen von 165 Milliarden EUR, das wir für unsere Kunden in Aktien, Festverzinsliche, alternative Anlagen und Multi-Asset-Produkte investieren. Wir verwalten Einzelmandate und Anlagefonds für einige der größten Pensionsfonds, Finanzinstitute, Staatsfonds, Finanzintermediäre und deren Kunden weltweit. Bei unserem auf Anlagen basierenden Geschäft verfolgen wir einen langfristigen Ansatz mit einer einzigartigen Kundenorientierung. Unser Ziel ist es, der bevorzugte Anlagepartner unserer Kunden zu sein. Wir schenken ihnen unsere ungeteilte Aufmerksamkeit, bieten Pionier-Strategien und fühlen uns der Exzellenz verpflichtet.

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