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Inflation in Mittel- und Osteuropa

OpinionsInflation in Mittel- und Osteuropa

Die Inflation in den Schwellenländern ist so niedrig wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Eine Region aber tanzt aus der Reihe und entwickelt sich gegenläufig zum allgemeinen Trend: Mittel- und Osteuropa. Was das für die Anleger bedeutet beantwortet Nikolay Markov, Senior Economist bei Pictet Asset Management.

Zunächst einige allgemeine Bemerkungen zur Inflation: Die durchschnittliche Inflation in den Schwellenländern ist auf 2,9% gesunken – einen Stand wie zuletzt in den 1970ern. Für Anleger in Hartwährungsanleihen sehr erfreulich. 

ABB. 1 – Inflation in Schwellenländern

Quelle: Pictet Asset Management, CEIC, Datastream, Februar 2018.
*Basierend auf 30 Verbraucherpreisindizes in Schwellenländern, BIP-Gewichtet.

Wie an Abb. 2 unten abzulesen ist, hängt der Inflationsabstand zwischen Industrie- und Schwellenländern eng mit den Renditespreads bei Schwellenländer-Hartwährungsanleihen zusammen. Selbst wenn die Inflation in den Schwellenländern leicht ansteigt, gehen wir davon aus, dass sie nicht so stark anziehen wird wie in den Industrieländern. Das lässt auf eine weitere Verengung der Spreads bei Schwellenländer-Hartwährungsanleihen schliessen.

ABB. 2 – Inflationsabstand

QUELLE: Pictet Asset Management, CEIC, Datastream, Februar 2018

Die berühmte Ausnahme von der Regel…

Wie bereits erwähnt, gibt es eine Ländergruppe, die sich gegenläufig zu dem allgemeinen Trend entwickelt – die Rede ist von Mittel- und Osteuropa, genauer gesagt von der Tschechischen Republik, Ungarn, Polen und Rumänien. Das liegt hauptsächlich an dem Lohnwachstum, das in allen vier Ländern gestiegen ist.

ABB. 3 – Nominales Lohnwachstum in Mittel- und Osteuropa

Quelle: Pictet Asset Management, CEIC, Datastream, Februar 2018

Auf die vier Länder der Region Mittel- und Osteuropa entfallen ein BIP von mehr als einer Billion Dollar und rund 80 Millionen Menschen. Polen ist der Wachstumsmotor der Region, auf das Land entfallen die Hälfte des BIP und die Hälfte der Bevölkerung. Das reichste Land im Hinblick auf das BIP pro Kopf ist die Tschechische Republik.

ABB. 4 – Region Mittel- und Osteuropa im Überblick

Bevölkerung, Abhängigkeitsquoten, Arbeitslosigkeit und Pro-Kopf-BIP

Quelle: Pictet Asset Management, CEIC, Datastream

An den Abbildungen unten sind die beiden Hauptfaktoren für das Lohnwachstum in diesen vier Volkswirtschaften abzulesen: Arbeitslosigkeit auf Rekordtief und steigende Mindestlöhne.

ABB. 5A (links) – Arbeitslosenquoten in Mittel- und Osteuropa (%) 
ABB. 5B (rechts) – Nominale  Mindestmonatslöhne in Mittel- und Osteuropa (EUR)

Quelle: Pictet Asset Management, CEIC, Datastream, Februar 2018

Abhängigkeitsbeziehungen

In der Region Mittel- und Osteuropa könnte sich weiter Lohndruck aufbauen,  weil durch alternde Bevölkerungen und steigende Lebenserwartung die Abhängigkeitsquote von Nichterwerbstätigen zu Erwerbstätigen in allen Ländern steigt. Wie aus Abb. 6 hervorgeht, ist dies vor allem in der Tschechischen Republik der Fall.

ABB. 6 – Steigende Abhängigkeitsquoten

Die Abhängigkeitsquote beschreibt den Prozentsatz der Bevölkerung außerhalb des Erwerbsalters: 0-14 Jahre, 65 Jahre+

Quelle: Pictet Asset Management, CEIC, Datastream, Januar 2018

Zentralbanken hinken der Entwicklung hinterher

Was bedeutet das für Anleihenanleger?  Wenngleich steigendes Lohnwachstum in Mittel- und Osteuropa ein Zeichen für ein robustes Konjunkturumfeld ist, stellt die Möglichkeit, dass die Zentralbanken zu spät reagieren, eine Bedrohung für Lokalwährungsanleihen der Region dar.

Insgesamt lassen sich die Zentralbanken in Mittel- und Osteuropa Zeit, auf die Inflation zu reagieren. Vor allem Polen und Ungarn haben noch nicht mit der Straffung begonnen. Die tschechische Notenbank war die erste, die ihre Leitzinsen nach dem Wegfall des EUR/CZK-Floor (Kursuntergrenze) im April 2017 anhob. 

ABB. 7 – Doppelt gestraft – Rumänien am meisten gefährdet 

Leistungsbilanz und Haushaltssaldo Rumänien (% BIP)

Quelle: Pictet Asset Management, CEIC, Datastream. Leistungsbilanz Januar 2017, Haushaltssaldo Januar 2018.

Wenngleich die rumänische Notenbank im Februar 2018 mit Zinsanhebungen begonnen hat, halten wir das Land für am meisten gefährdet. Wie Abb. 7 zeigt, ist Rumänien das einzige Land in der Region mit einem zweifachen Defizit – Handels- und Leistungsbilanz –, das weiter wächst. Wir gehen davon aus, dass sich dadurch der Druck auf die VPI-Inflation erhöhen wird, weil die Währung abwerten dürfte. Hinzu kommt der steigende inländische Inflationsdruck. Wir rechnen in dem vor uns liegenden Jahr mit einem straffen Zinsanhebungszyklus.

Einschätzung unseres Spezialistenteams für Schwellenländeraktien

Von Christopher Bannon, Senior Investment Manager 

Treiber für den Konsumrausch

Die Region Mittel- und Osteuropa boomt. Unserer Ansicht nach lässt sich das am besten an Konsum- und Kreditwerten  wie Banken und Konsumgüterunternehmen ablesen, die von starken Fundamentaldaten profitieren. Die Bewertungen erscheinen hier vernünftig, mit einem kleinen Abschlag zu den westeuropäischen Ländern. Darüber hinaus spiegelt sich unserer Ansicht nach die starke Makro-Wachstumsdynamik in den Prognosen wider. 

ABB. 8. Konsum- und Finanzwerte im Aufschwung

Veränderung bei den Prognosen für das Ergebnis 2019

Quelle: Bloomberg, März 2018 

Wie aus Abb. 8 hervorgeht, sind die Ergebnisprognosen im Finanzdienstleistungs- und Konsumsektor im vergangenen Jahr größtenteils gestiegen. 

Trotz des insgesamt positiven Trends achtet der Markt verstärkt auf die Fundamentaldaten der Unternehmen und belohnt jene mit den besten Wachstumsaussichten. Unserer Ansicht nach ergibt sich aus der zunehmenden Streuung der Renditen auf die Gewinner und Verlierer des Markts ein interessanter Nährboden für Stockpicker.

Marktbeobachtung

Daten zur Marktbeobachtung

28.02.2018

Quelle: Datastream, Bloomberg, Daten vom 28.02.2018, in USD. Angaben zu den Aktienindizes auf Basis der Wiederanlage der Nettodividenden; Angaben zu Anleihen- und Rohstoffindizes auf Basis der Gesamtrendite. Die Entwicklung der Wechselkurse wird als Performance-Berechnung basierend auf den Währungskursen herangezogen.


Über den Autor
Nikolay Markov kam 2013 als Volkswirt zur Fixed Income-Abteilung bei Pictet Asset Management. Davor arbeitete er bei der Geldpolitikanalyse der Schweizer Nationalbank, wo er Untersuchungen zu den Regeln der Geldpolitik für die Schweiz durchführte. Vor dieser Position arbeitete er als Lehr- und Forschungsassistent an der Universität Genf und nahm an internationalen akademischen Konferenzen teil. Nikolay Markov hat einen PhD in Volkswirtschaft von der Universität Genf und erwarb am Studienzentrum der Schweizer Nationalbank in Gerzensee ein PhD-Zertifikat.

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