Ein Kommentar von Christian Salow, Geschäftsführer der altii GmbH: Die öffentliche Debatte über künstliche Intelligenz kreist erstaunlich oft um Extremszenarien. Ob leistungsfähige Systeme eines Tages außer Kontrolle geraten, wird in Forschungsinstituten ebenso diskutiert wie in Talkshows. Ich halte die Untergangsszenarien, wie sie in der breiten Öffentlichkeit erzählt werden, für überzeichnet, auch wenn die Grundfrage ernsthafte Forschung verdient. Für die Vorstände, Investmentteams und Operations-Verantwortlichen, die in diesen Monaten über den Einsatz von KI entscheiden, liegt das drängendere Risiko jedenfalls an anderer Stelle. Es ist unspektakulär, entsteht schleichend und wird selten beim Namen genannt: die Abhängigkeit von einzelnen Anbietern, die sich ein Haus mit einer schlecht geplanten Strategie einkauft.
Transparenzhinweis: altii entwickelt und betreibt selbst KI-Infrastruktur für Finanzmedien und Finanzdienstleister. Der Autor hat damit ein eigenes wirtschaftliches Interesse an dem Thema dieses Kommentars.
Wie Abhängigkeit entsteht
Kaum ein Asset Manager entscheidet sich bewusst dafür, sich an einen KI-Anbieter zu binden. Die Bindung entsteht aus vielen kleinen, für sich genommen vernünftigen Schritten. Ein Pilotprojekt startet mit dem Modell, das in diesem Quartal die besten Ergebnisse liefert. Prompts, Prüfschritte und Workflows werden auf dessen Eigenheiten abgestimmt. Dokumente, Research-Notizen und Kundendaten wandern in die Plattform des Anbieters, weil die Integration dort am bequemsten ist. Die Mitarbeiter gewöhnen sich an eine Oberfläche. Nach einem Jahr stellt man fest, dass ein Wechsel nicht mehr eine Frage des Vertrags ist, sondern eine Frage des Umbaus.
Diese Abhängigkeit hat mehrere Ebenen, die man auseinanderhalten sollte. Auf der Modellebene bindet man sich an das Verhalten eines bestimmten Systems, dessen Ergebnisse sich mit jedem Update verändern können, ohne dass das eigene Haus etwas dazu beigetragen hat. Auf der Plattformebene bindet man sich an Schnittstellen, Werkzeuge und Abrechnungsmodelle. Auf der Datenebene stellt sich die Frage, wo Informationen liegen, wer Zugriff hat und ob sie sich vollständig wieder herauslösen lassen. Und auf der Prozessebene bindet man sich, weil Arbeitsabläufe und Kontrollen um ein bestimmtes Werkzeug herum gebaut wurden.
Die Folgen sind bekannt, nur eben aus anderen Zusammenhängen. Wer nicht wechseln kann, verhandelt Preise aus einer schwachen Position. Wer die Modellversion nicht kontrolliert, kann Ergebnisse nur eingeschränkt reproduzieren, was bei der Dokumentation von Anlage- und Beratungsprozessen schnell zum Problem wird. Wer Nutzungsbedingungen akzeptieren muss, die der Anbieter einseitig ändert, hat einen Teil seiner Governance abgegeben. Und dass die Verfügbarkeit von KI-Diensten auch politischen Entscheidungen unterliegen kann, ist inzwischen keine theoretische Überlegung mehr.
Was die Regulierung bereits verlangt
Für regulierte Häuser ist das Thema ohnehin keine reine Geschmacksfrage. Mit DORA gilt seit Januar 2025 ein Rahmen, der das Management von Risiken aus IKT-Drittdienstleistern ausdrücklich verlangt, einschließlich eines Informationsregisters, der Bewertung von Konzentrationsrisiken und tragfähiger Exit-Strategien für Dienste, die kritische oder wichtige Funktionen unterstützen. Wer KI in Research, Reporting, Compliance oder Kundenkommunikation einsetzt, wird früher oder später erklären müssen, wie er diese Anforderungen für seine KI-Dienstleister erfüllt. Hinzu kommen die Dokumentations- und Transparenzpflichten aus dem europäischen AI Act, die sich deutlich leichter erfüllen lassen, wenn man versteht, welches System welche Aufgabe übernimmt und wie es sich verändert.
Die Aufsicht wird dabei kaum fragen, ob ein Haus den leistungsfähigsten Anbieter gewählt hat. Sie wird fragen, ob es seine Abhängigkeiten kennt und ob es im Ernstfall handlungsfähig bleibt.
Was vernünftige Planung bedeutet
Nichts davon spricht gegen den Einsatz von KI. Die Effizienzgewinne sind real und in vielen Häusern bereits messbar, etwa bei der Auswertung von Fondsdokumenten, der Vorbereitung von Research, der Erstellung von Reportings oder der Beantwortung wiederkehrender Anfragen. Wer darauf verzichtet, verliert Zeit und Wettbewerbsfähigkeit. Die Frage ist deshalb nicht, ob KI eingesetzt wird, sondern wie die Architektur dahinter aussieht.
Eine vernünftige Planung beginnt damit, den Anwendungsfall vom Modell zu trennen. Wenn ein Prozess so gebaut ist, dass das darunterliegende Modell austauschbar bleibt, verliert ein Anbieterwechsel viel von seinem Schrecken. Diese Austauschbarkeit sollte man nicht nur behaupten, sondern regelmäßig testen, indem man kritische Anwendungen probeweise mit einem zweiten System betreibt. Ebenso wichtig ist die Datenhoheit: Häuser sollten festlegen, welche Daten ein externes System überhaupt sehen darf, wo sie verarbeitet werden und wie sie sich vollständig zurückholen lassen. Und der Exit-Plan gehört vor die Vertragsunterschrift, nicht in die Phase, in der der Wechsel bereits dringend ist.
In der Praxis läuft das oft auf eine gemischte Architektur hinaus. Große Anbieter übernehmen Aufgaben, bei denen ihre Leistungsfähigkeit den Ausschlag gibt und die Daten unkritisch sind. Sensible Prozesse, etwa mit Kunden- oder Positionsdaten, laufen auf Systemen, die das Haus selbst kontrolliert oder bei denen es zumindest die Hoheit über Daten und Modellversionen behält. Zur Fairness gehört dabei auch: Die Bindung an einen großen Anbieter kann eine rationale Entscheidung sein, gerade für kleinere Häuser, für die eigene Infrastruktur unverhältnismäßig wäre. Problematisch ist nicht die Bindung an sich, sondern die Bindung, die niemand bewusst entschieden hat.
Eine Lektion, die die Branche schon kennt
Die Finanzindustrie hat diese Erfahrung schon einmal gemacht, bei Marktdaten, Indexanbietern und Cloud-Infrastruktur. In allen drei Fällen entstanden Abhängigkeiten, deren Kosten sich erst zeigten, als sie sich kaum noch auflösen ließen. Ob sich das bei KI wiederholt, entscheidet sich gerade jetzt, in einer Phase, in der Architekturen noch formbar sind und Verträge noch verhandelt werden. Die Häuser, die heute in Ruhe planen, welche Abhängigkeiten sie eingehen wollen und welche nicht, werden in einigen Jahren die Wahl haben. Die anderen werden feststellen, dass sie diese Wahl längst abgegeben haben, ohne es zu bemerken.
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