Monday 3-Oct-2022
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Nicht alles wie erwartet

OpinionsNicht alles wie erwartet

Wenngleich das Resümee für den bisherigen Verlauf des Kapitalmarktjahres 2021 positiv ausfällt, ist bei weitem nicht alles nach Plan verlaufen, so Raiffeisen Capital Management in der neusten Ausgabe von märkte | unter uns.

Im Zuge einer deutlich anziehenden Weltkonjunktur war zu erwarten, dass nach Jahren, in denen der US-Aktienmarkt aufgrund seiner relativ hohen Gewichtung von Technologie- und Wachstumswerten outperformt hat, im heurigen Jahr europäische Aktien und vor allem Emerging-Market-Aktien eine bessere Marktperformance aufweisen werden. Dies war zu Beginn des Jahres auch tatsächlich der Fall, jedoch trübte sich in weiterer Folge die Perspektive für die Emerging Markets aufgrund der Covid-19-Situation und der damit verbundenden schwächeren Wirtschaftsdaten sowie einer Reihe belastender Nachrichten aus China sukzessive ein. Folglich haben die Emerging Markets seit Jahresbeginn gegenüber entwickelten Aktienmärkten sehr klar underperformt. Auch die über einige Monate anhaltende Outperformance von Europa-Aktien ist zuletzt wieder ins Stocken geraten. Dies ist einerseits auf den erneuten Favoritenwechsel von zyklischen Value-Aktien in Richtung defensiver Growth-Aktien und andererseits auf die – entgegen der Konsenserwartung – wieder deutlich rückläufigen Anleiherenditen zurückzuführen. Die damit verbundene Verflachung der Zinskurven lastet auf Finanzwerten, welche in Europa relativ hoch gewichtet sind.

Die Entwicklung des Euro zum US-Dollar ist ebenfalls unerwartet verlaufen. Anders als prognostiziert notiert der US-Dollar seit Jahresbeginn gegen den Euro etwas fester und stützt damit zusätzlich die Performance von US-Assetklassen für Anleger auf Eurobasis.

Aktienmärkte: Positiver Juli trotz Crash in China

Auf den Aktienmärkten war der Juli zwar wieder mehrheitlich positiv, aber deutlich heterogener im Monatsverlauf (signifikante, aber sehr kurze Korrektur Mitte des Monats wegen Delta-Ängsten) und zwischen den Regionen: In Europa und den USA reichte es im Juli trotz zwischenzeitiger Korrektur mehrheitlich für ein respektables Monatsplus und neue Allzeithochs bei einigen Indizes, etwa dem S&P 500. Japan rutschte dagegen ins Minus und liegt jetzt sogar unter den Ständen vom Jahresanfang. Die Emerging Markets kamen dagegen im Juli massiv unter Druck: Zum einen, weil dort angesichts der regional immer noch sehr niedrigen Impfquote die schweren (Delta-)Coronafälle zunehmen. Zum anderen, weil im Juli der Aktienmarkt in China mit –15 % Monatsperformance völlig unter die Räder kam. Und zwar hausgemacht und zum Glück auf China beschränkt: Massive regulatorische Eingriffe bei zahlreichen (insbesondere Internet-) Unternehmen verschreckten dort die Anleger. Damit ist der chinesische Aktienmarkt inzwischen auch zweistellig unter den Niveaus vom Jahresbeginn. Und er zog angesichts der starken Gewichtung von China in asiatischen und EM-Benchmarks auch deren Performance stark nach unten.

Rohstoffe setzen trotz Delta auf Konjunkturerholung

Während Euro und US-Dollar stagnierten, reichten die Aktienmarktturbulenzen Mitte Juli (und die damit etwas größere Anlegervorsicht) aus, um sicheren Häfen wie Schweizer Franken und Japanischen Yen Auftrieb zu geben. Seit Jahresbeginn zählen diese Währungen aber in Summe trotzdem zu den schwächeren Wechselkurspaaren gegenüber dem Euro. Die seit Jahresbeginn sehr festen EM-Währungen legten dagegen im Juli eine Verschnaufpause ein – der Brasilianische Real musste sogar einen beträchtlichen Teil seines Vormonatsgewinns wieder hergeben. Sehr fest (zum Euro) dagegen neuerlich das Britische Pfund.

Bei vielen Rohstoffpreisen (insbesondere Öl) sorgten die Delta-Ängste im Juli zwischenzeitig – ähnlich wie auf den Aktienmärkten – für eine deutliche Korrektur; diese wurde aber auch dort rasch wieder aufgeholt. In Summe konnten Industriemetalle und Energie (sprich: Öl) ihre positive Jahresperformance im Juli weiter ausbauen. In einer Größenordnung, die sich auch gegenüber Aktienmärkten nicht verstecken muss. Edelmetalle treten dagegen weiter auf der Stelle.

Aktienmärkte: Höhere Volatilität, Trend weiterhin aufwärts

Die kleine Aktienmarktkorrektur im Juli sehen wir als Vorgeschmack auf die nächste Phase des Aktien-Bullenmarktes: weniger steil aufwärts als in den letzten 12 Monaten und ruppiger mit zwischenzeitigen Korrekturen. Das stärkste Jahreswachstum bei BIP, Vorlaufindikatoren, Unternehmensgewinnen und Aktienmärkten liegt wohl hinter uns. Allerdings ist üblicherweise auch in dieser nächsten Phase die Aktienmarktperformance auf Jahressicht immer noch klar positiv. Immerhin ist der Konjunkturaufschwung samt neuem Bullenmarkt gerade einmal etwas mehr als ein Jahr alt. Gefährlich hohe Leitzinsen, die die Konjunktur zum Kippen bringen könnten, sind noch weit weg. Gründe für zwischenzeitige kleinere Korrekturen werden sich trotzdem finden: Ob das der Herbst mit Delta ist (angesichts der hohen Impfquoten bei den Risikogruppen wohl ohne Konjunkturschaden machbar), Ankündigungen der US-Notenbank die Anleihekäufe 2022 zu reduzieren (Begleiterscheinung der boomenden Konjunktur), steigende Anleiherenditen (detto) oder etwas ganz Neues. Angesichts auch in den nächsten 12 Monaten wohl zweistellig steigender Unternehmensgewinne bleiben wir aber stark übergewichtet in Aktienmärkten (vs. Staatsanleihen) mit einer Übergewichtung von Europa (und Japan) gegenüber den USA.

Emerging Markets: Einbruch in China als Chance

Obwohl die meisten Emerging Markets (EM) im globalen Impfrennen weiterhin deutlich abgeschlagen sind, was angesichts der neuen Delta-Variante auch wirtschaftlich ein Nachteil ist, haben sich die Unternehmensgewinne heuer auch dort stark gesteigert. Bewertungsseitig hat sich damit vor allem die EM-Region Asien zuletzt massiv verbessert: Auch dort gehen die Unternehmensgewinne heuer steil nach oben und liegen bereits weit über dem Niveau vom Jahresbeginn bzw. von vor Corona. Gleichzeitig notieren die Börsenkurse aufgrund des jüngsten Kurseinbruchs in China inzwischen mehr als 10 % unter dem Jahresstartwert. Wir halten den Abverkauf in China für übertrieben und konzentrieren entsprechend unsere neue Übergewichtung in EM auf China. Auch bei Türkei und Brasilien sind wir kurzfristig übergewichtet – zu Lasten von Indien und den übrigen EM, was in Summe eine neutrale EM-Gewichtung innerhalb der globalen Aktienmärkte ergibt.


Weitere Details finden Sie in der August-Ausgabe von Raiffeisen Capital Management’s “märkte | unter uns”.