Der US-Militärgeheimdienst Defense Intelligence Agency (DIA) hat Ende Oktober 2026 die dritte Ausgabe seines Berichts „Challenges to Security in Space“ vorgelegt. Im Vergleich mit den Ausgaben von 2019 und 2022 zeigt sich, wie schnell der Orbit vom Unterstützungsraum zum Konfliktraum geworden ist. Für institutionelle Investoren zählt das, weil Kommunikation, Logistik und Zahlungsverkehr auf Satellitendiensten beruhen.
Die drei Berichte stehen auf der Publikationsseite der DIA zur Verfügung. Sie geben die Sicht eines US-Nachrichtendienstes wieder und behandeln nur China, Russland, Iran und Nordkorea. Eigene Fähigkeiten der USA und ihrer Partner sind nicht Gegenstand.
Dieser Beitrag stützt sich für die Bedrohungslage ausschließlich auf die drei DIA-Berichte. Bedrohungsanalysen aus Europa, China oder Russland wurden nicht ausgewertet. Die Darstellung gibt daher eine einseitige Sicht wieder und ist entsprechend zu gewichten.
Welche militärischen Risiken im Weltraum bestehen
Von der Störung bis zur Zerstörung
Die DIA ordnet die Bedrohungen auf einer Skala von umkehrbar bis endgültig. Am unteren Ende stehen Täuschung und elektronische Angriffe. Jamming überlagert Funksignale, Spoofing täuscht Empfängern falsche Positionen vor. Der Satellit selbst bleibt dabei unbeschädigt, der Dienst fällt nur zeitweise aus.
In der Mitte liegen Cyberangriffe, Laser und Satelliten, die sich anderen Satelliten nähern. Sie können Sensoren blenden, Daten manipulieren oder Systeme dauerhaft ausschalten. Am oberen Ende stehen Antisatellitenraketen (ASAT), Angriffe auf Bodenstationen und eine nukleare Explosion im All. Ihre Folgen sind nicht mehr rückgängig zu machen.
Trümmer als Risiko für alle
Zerstörende Angriffe treffen nie nur das Ziel. Nach dem Bericht von 2026 stammt fast die Hälfte der Trümmer im niedrigen Erdorbit aus drei Ereignissen. Das sind Chinas ASAT-Test von 2007, eine Satellitenkollision im Jahr 2009 und Russlands Raketentest von 2021.
Erfasst sind heute über 35.000 Objekte ab zehn Zentimetern Größe (Stand Juli 2026). Im Januar 2022 waren es noch gut 25.000 Objekte. In 1.500 Kilometern Höhe bleiben Objekte nach DIA-Angaben mehr als 10.000 Jahre im Orbit. Ein Angriff mit Raketen schadet also auch dem Angreifer und allen neutralen Betreibern.
Wie sich die Bedrohung seit 2019 entwickelt hat
2019: Doktrinen und Prototypen
Der erste Bericht beschrieb vor allem Absichten. China und Russland hatten 2015 ihre Streitkräfte umgebaut und den Weltraum als Feld moderner Kriegführung definiert. Beide entwickelten Störsender, Laser, Cyberfähigkeiten und bodengestützte Raketen.
Iran und Nordkorea galten als regionale Störer mit Jamming-Fähigkeiten. Damals kreisten nach DIA-Angaben gut 1.800 aktive Satelliten aus über 50 Ländern.
2022: Erste Tests mit Folgen
Die Ausgabe von 2022 mit Informationsstand März 2022 stand unter dem Eindruck des russischen Raketentests. Im November 2021 zerstörte Russland mit dem System Nudol einen eigenen Satelliten. Die DIA zählte damals über 1.500 Bruchstücke, im aktuellen Bericht sind es über 1.700 Stück.
Wie der aktuelle Bericht rückblickend festhält, griff Russland zu Kriegsbeginn auch den kommerziellen Satellitenbetreiber Viasat mit Schadsoftware an. Damit war der kommerzielle Sektor erstmals sichtbar zum Ziel geworden.
2026: Der Ernstfall ist eingetreten
Der aktuelle Bericht beschreibt keine Szenarien mehr, er beschreibt Einsätze. Russland stört kommerzielle Konstellationen über der Ukraine und erklärt Terminals von US-Anbietern zu legitimen militärischen Zielen. Für 2026 berichtet die DIA, dass die USA und Iran im Zuge der Operation „Epic Fury“ gegenseitig Weltraumfähigkeiten angegriffen haben.
Zugleich ist die Zielmenge gewachsen. Addiert man die Orbitangaben der DIA, waren im Juni 2026 rund 15.900 Satelliten im All. Das ist fast das Neunfache des Werts von 2018. Mehr Satelliten bedeuten mehr Redundanz, aber auch mehr Abhängigkeit.
Die Akteure nach Regionen
China: der Aufsteiger
China ist der klare Gewinner der vergangenen Jahre. Im Jahr 2016 absolvierte das Land 22 Starts, im Jahr 2025 waren es 93 Starts. Seine Aufklärungssatelliten wuchsen von über 120 im Mai 2018 auf mehr als 510 Systeme im Juli 2026, wie die DIA berichtet. Diese Flotte kann US-Streitkräfte weltweit beobachten und für Angriffe erfassen.
Die Volksbefreiungsarmee setzt auf ein breites Arsenal: Störsender, Laser, Cyberangriffe und Raketen. Ein Start 2013 auf 30.000 Kilometer Höhe deutet nach DIA-Einschätzung auf eine Waffe gegen den geostationären Orbit hin. Satelliten mit Roboterarm können andere Objekte greifen. Hinzu kommt die zivil-militärische Fusion: Chinesische Unternehmen können verpflichtet werden, Daten an das Militär zu liefern.
Peking nutzt den Weltraum auch als Mittel der Außenpolitik. Nach eigenen Angaben hat China bis Mai 2025 fast 200 Kooperationsabkommen mit über 50 Ländern und Organisationen geschlossen. Über die Belt-and-Road-Initiative exportiert es Satelliten, Navigationsdienste und technische Standards.
Russland: offensiv, aber geschwächt
Russland hat im Wettlauf an Substanz verloren. Sanktionen, Exportkontrollen und die Abwanderung von Fachkräften schwächen seine Raumfahrt. Laut DIA bezieht Moskau inzwischen Bauteile aus China. Die Söldnergruppe Wagner kaufte Bilddaten bei chinesischen Anbietern.
Die offensive Ausrichtung ist geblieben. Russland verfügt über die Abfangrakete Nudol, Laser wie Peresvet und Störsysteme wie Tirada. Seit 2019 verfolgen russische Satelliten wiederholt US-Regierungssatelliten aus geringer Distanz. Einer von ihnen feuerte 2020 ein Projektil in den Orbit.
Das größte Risiko sieht die DIA in einem Satelliten, der eine Atomwaffe tragen soll. Er würde gegen den Weltraumvertrag von 1967 verstoßen. Eine nukleare Explosion im All könnte Tausende Satelliten aller Nationen gleichzeitig beschädigen und Strahlungsgürtel über Jahre hinterlassen.
Iran und Nordkorea: regionale Störer
Iran setzt vor allem auf Jamming. Die DIA nennt die bodengestützten Systeme Nazir, Fajr-3 und Zolfaqar. Im Juni 2026 berichteten mehrere Organisationen von Störungen nahe der Straße von Hormus, die Flugzeuge und Schiffe betrafen. Russland hat für Iran zwei Erdbeobachtungssatelliten gestartet.
Nordkorea betreibt nach DIA-Angaben seit November 2023 einen einzigen Aufklärungssatelliten. Wirksamer ist sein Jamming: Es stört gezielt zivile GPS-Empfänger an der Grenze und an den Küsten. Pjöngjang hat zudem gedroht, US-Satelliten zu zerstören. Seine Interkontinentalraketen könnten laut DIA als einfache Antisatellitenwaffen dienen.
Europa und Deutschland: verwundbar und im Aufbau
Europa erscheint in den Berichten vor allem als Betroffener. Im November 2023 wurde laut DIA der ESA-Radarsatellit Sentinel-1 über der Krim gestört. Die Bundesregierung hat am 19. November 2025 ihre erste Weltraumsicherheitsstrategie vorgestellt. Das Verteidigungsministerium will bis 2030 rund 35 Milliarden Euro für Raumfahrt und Weltraumsicherheit bereitstellen.
Gewinner, Verlierer, Angreifer und Opfer
Wer gewinnt und wer verliert
Gewinner sind nach dieser Lage China und die kommerziellen Betreiber. Der Krieg in der Ukraine hat gezeigt, wie viel militärischen Wert kommerzielle Kommunikation hat. Daraus folgt eine wachsende Nachfrage von Streitkräften.
Russland verliert dagegen an Kapazität und wird abhängiger von China. Verlierer sind zudem alle Betreiber im niedrigen Orbit, denn jede Zerstörung erhöht ihr Kollisionsrisiko.
Wer angreift und wer getroffen wird
Als mögliche Angreifer nennt die DIA China, Russland, Iran und Nordkorea. Diese Liste ist nach unserer Einschätzung nicht vollständig, denn auch die USA haben 2026 iranische Weltraumfähigkeiten angegriffen. Die Rollen hängen also vom Konflikt ab und weniger von festen Lagern.
Klarer ist das Bild bei den Opfern. Getroffen wurden bisher die Ukraine und ihre kommerziellen Dienstleister sowie zivile Nutzer von Navigation in Krisenregionen, etwa Schiffe am Golf. Nach unserer Einschätzung sind kommerzielle Anbieter besonders exponiert, weil sie militärisch genutzt werden, aber kaum geschützt sind.
Was als Nächstes zu beobachten ist
Die DIA erwartet, dass sich die Zahl der Raumfahrzeuge im niedrigen Orbit bis 2030 durch große Konstellationen etwa verdreifacht. Das Kollisionsrisiko steigt nach ihrer Prognose mindestens bis 2040.
Für Investoren rückt damit zunächst die Absicherung von Satellitenbetreibern in den Vordergrund. Hinzu kommt die Abhängigkeit des Zahlungsverkehrs von Satellitendiensten, die die DIA ausdrücklich nennt. Zugleich wachsen die Verteidigungsbudgets für den Weltraum. Ob diese Infrastruktur einen Konflikt zwischen Großmächten übersteht, lässt sich aus den bisherigen regionalen Konflikten nur begrenzt ableiten.
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