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Protektionismus: Droht ein Handelskrieg mit den USA?

OpinionsProtektionismus: Droht ein Handelskrieg mit den USA?

von Gerhard Winzer, Chefvolkswirt der Erste Asset Management.

Die Ankündigung des US-Präsidenten, Donald Trump, Importzölle auf Stahl und Aluminium mit 25% beziehungsweise 10% einzuheben, hat Wellen geschlagen. Kann das günstige volkswirtschaftliche Umfeld mit der aktuellen 1) Boom Phase, 2) niedrigen Inflation und 3) graduellen Reduktion der stark unterstützenden geldpolitischen Haltung, umgestoßen werden? 

Maßnahme ist nicht überraschend

Schon während des Wahlkampfes hat sich der Präsident gegen einen freien Welthandel ausgesprochen. Einige Kernaussagen können mit a) Nationalismus („America First“) und b) gegen multilaterale Regeln zusammengefasst werden. Die wichtigsten vorgebrachten Argumente sind:

  1. Ein Leistungsbilanzdefizit ist generell schlecht. Das ist volkswirtschaftlich allerdings nicht belegbar. Soll ein Land wirklich alle benötigten Güter und Dienstleistungen selber produzieren? Empirische Belege dafür gibt es keine.
  2. Einige Handelspartner gehen unfair vor. Hierbei war vor allem China gemeint. Dieser Punkt hat immerhin etwas Substanz. Über Jahre hat China mit staatlich gestützten überschüssigen Kapazitäten den Weltmarkt mit Gütern geflutet.
  3. Internationale Organisationen und multilaterale Verträge sind wenig brauchbar. Das betrifft auch die Welthandelsorganisation WTO. Tatsächlich konnten sich die Staaten seit nunmehr zwanzig Jahren auf keine Neuerung des Regelwerks einigen. Der Bedarf dafür ist groß. Die Folgerung, dass deshalb eine unilaterale Vorgehensweise besser ist, ist nicht belegt.
  4. In den USA sind protektionistische Maßnahmen populär.

Verstörende Vorgehensweise

Das Vorgehen der US-Regierung ist aus drei Gründen verstörend:

  1. Nach den Regeln der Welthandelsorganisation können in bestimmten Fällen Schutzzölle eingehoben werden. Stark ansteigende Importe, Subventionen oder Verkaufspreise unter den Kosten. In Ausnahmefällen kann auch eine Gefahr für die nationale Sicherheit angebracht werden. Weil die „normalen“ Punkte nicht gelten, hat die US-Administration tatsächlich Letzteres angeführt. Die Plausibilität der Begründung ist herausgefordert.
  2. Denn die überwiegende Mehrheit der Importe von Stahl und Aluminium erfolgt aus befreundeten Staaten, teilweise sogar von NATO-Mitgliedern.
  3. Die Aussage des US-Präsidenten, wonach Handelskriege gut und einfach zu gewinnen seien, hat viele vor den Kopf gestoßen.

Risiko Eskalation

Das Risiko einer Eskalation ist angestiegen. Die Strategie „Wie du mir, so ich dir“ kann leicht aus dem Ruder laufen.

  1. Die von den US-Zöllen betroffen Länder könnten Zölle auf andere Güter aus den USA einheben.
  2. Andere Länder als die USA könnten Zölle auf Stahl und Aluminiumimporte einheben, um den heimischen Sektor zu schützen.
  3. Wenn den wahrscheinlichen Klagen gegen die US-Maßnahmen vor dem WTO-Gericht nicht stattgeben wird, könnten auch andere auf die Idee kommen, aus Gründen der nationalen Sicherheit Zölle auf Güter einzuheben.
  4. Das würde das gesamte WTO-Regelwerk in Frage stellen.

Stagflationäre Wirkung

Generell erhöhten Zölle auf bestimmte Produkte das Preisniveau der Importe. Den Produzenten von Stahl und Aluminium im US-Inland wird dadurch geholfen. Theoretisch gesehen könnten deshalb die Absatzpreise bzw. die Gewinne der Produzenten von Stahl und Aluminium außerhalb der USA unter Druck geraten. Aber zu einem bestimmten Teil werden in den USA die Importpreise bzw. die Kosten für andere Unternehmen, die Stahl und Aluminium verarbeiten, ansteigen.

Teilweise wird das zulasten der Gewinne dieser Unternehmen gehen, teilweise werden auch die Konsumentenpreise ansteigen. Weil die Erträge der Unternehmen beziehungsweise die Einkommen der Konsumenten nicht im selben Ausmaß ansteigen, sinkt das verfügbare Einkommen. Das Wirtschaftswachstum wird gedämpft. Das Ergebnis: höheres Preis-, niedrigeres Produktionsniveau.

Direkte Effekte nicht relevant

Gemessen am Bruttoinlandsprodukt sind die angekündigten Maßnahmen nicht relevant. Im vergangenen Jahr betrug die Summe der produzierten Güter und Dienstleistungen rund US Dollar 19738 Milliarden (Quelle: OECD). Die Industrien Stahl und Aluminium tragen rund 0,3% zum Bruttoinlandsprodukt bei.

Die Stahl- und Aluminiumimporte liegen bei knapp 0,3% des BIP. Da die NAFTA-Partner Kanada und Mexiko sowie Australien zumindest temporär von den Zöllen ausgenommen sind, verringern sich diese Werte nochmals. Immerhin hat Kanada den größten Importanteil bei sowohl Stahl als auch Aluminium. Australien ist nicht von Bedeutung.

Schlussfolgerung

Die Zölle auf Stahl und Aluminium werden auf die volkswirtschaftlichen Kategorien Wirtschaftswachstum und Inflation keine signifikanten Auswirkungen haben. „Lediglich“ die Vorgehensweise ist verstörend. Das Risiko liegt in einer Eskalation.


Wichtige rechtliche Hinweise:
Prognosen sind kein zuverlässiger Indikator für künftige Entwicklungen.

Über den Autor
Gerhard Winzer ist seit März 2008 bei der Erste Asset Management tätig. Bis März 2009 war er Senior Fondsmanager im Bereich Fixed Income Asset Allocation, seit April 2009 ist er Chefvolkswirt.
Er hat einen HTL Abschluß und studierte an der Universität Wien Volkswirtschaft und Betriebswirtschaftslehre mit einem speziellen Fokus auf Finanzmärkte. Er ist CFA-Charterholder und war von 2001-2003 Teilnehmer des Doktoratsprogramms für Finanzwirtschaft im Center for Central European Financial Markets in Wien.
Von Juli 1997 bis Juni 2007 war er in der CAIB, Bank Austria Creditanstalt, UniCredit Markets & Investment Banking im Research tätig. Die letzte Position war Direktor für Fixed Income/FX-Research und Strategie. Von Juli 2007 bis Februar 2008 verantwortete er die Asset-Allocation im Research der Raiffeisen Zentralbank (RZB) in Wien.

Dieser Beitrag erschien zuerst im Blog der Erste Asset Management.

Mehr Informationen zur Produktpalette der Erste Asset Management finden Sie unter www.erste-am.at.