Schilling greif(f)t auf: Der Crash, der nicht stattgefunden hat

Markets and NewsSchilling greif(f)t auf: Der Crash, der nicht stattgefunden hat

Ein Beitrag von Volker Schilling von Greiff capital management: Der September ist vorbei. Und an der Börse darf gefeiert werden. Nicht, weil etwas Besonderes passiert ist, sondern weil etwas Besonderes nicht passiert ist: der Crash. Dabei waren die Voraussetzungen nahezu perfekt. Der September gilt historisch als schlechtester Börsenmonat. Der Ölpreis stieg zeitweise über 100 Dollar, zehnjährige US-Staatsanleihen rentierten mit fast 5,3 Prozent und dreißigjährige mit mehr als 5,6 Prozent. Die Fed erhöhte erneut die Zinsen und der Konflikt mit dem Iran lieferte täglich neue Gründe, Aktien zu verkaufen. Und was machte der Markt? Er blieb erstaunlich stabil. Der S&P 500 beendete den Monat nahezu unverändert, der Nasdaq legte rund zwei Prozent zu. Lediglich der traditionellere Dow Jones musste mit etwa dreieinhalb Prozent deutlicher Federn lassen. Die Börse verweigerte den Weltuntergang. Und das ist für mich kein Zeichen von Ignoranz, sondern von Stärke. Wenn ein Markt bei schlechten Nachrichten nicht mehr fällt, wartet er meist auf gute, um zu steigen.

„Die Voraussetzungen für einen Crash waren mit teurem Öl, steigenden Anleiherenditen und dem Iran-Konflikt nahezu perfekt. Doch die Börse verweigerte den Weltuntergang. Und das ist kein Zeichen von Ignoranz, sondern von Stärke. Wenn ein Markt bei schlechten Nachrichten nicht mehr fällt, wartet er meist auf gute, um zu steigen.“

Gewinne schlagen Schlagzeilen

Der wichtigste Grund für diese Stabilität sind die Unternehmensgewinne. Solange die Erwartungen steigen, können Aktien auch höhere Zinsen, teureres Öl und politische Unsicherheit verkraften. Insbesondere der KI-Boom hat sich von einer Börsenstory zu einem handfesten Investitionsprogramm entwickelt. Rechenzentren, Chips, Stromversorgung und Datennetze treiben Wachstum und Gewinne. Zwar wird ein wachsender Teil dieser Investitionen inzwischen über Anleihen finanziert. Doch noch überwiegt die Hoffnung, dass die künstliche Intelligenz künftig mehr verdient, als sie heute kostet. Kurse leben nicht von guten Nachrichten, sondern von guten Gewinnen. Hinzu kommt ein zweiter, weniger sichtbarer Stabilisator: Jeden Monat fließt neues Geld in den Aktienmarkt, unabhängig davon, ob gerade Krieg herrscht, die Fed die Zinsen erhöht oder der September seinem schlechten Ruf gerecht werden möchte. Allein im August sammelten ETFs weltweit netto rund 248 Milliarden Dollar ein. Seit Jahresbeginn waren es bereits fast zwei Billionen Dollar. In Kontinentaleuropa werden inzwischen monatlich mehr als 15 Millionen ETF-Sparpläne ausgeführt. Rund 1,9 Milliarden Euro fließen dadurch Monat für Monat automatisiert in den Markt. Der Sparplan kennt keine Angst. Er kennt nur den nächsten Ausführungstermin.

„In Kontinentaleuropa werden inzwischen monatlich mehr als 15 Millionen ETF-Sparpläne ausgeführt. Rund 1,9 Milliarden Euro fließen dadurch Monat für Monat automatisiert in den Markt. Der Sparplan kennt keine Angst. Er kennt nur den nächsten Ausführungstermin.“

Der ETF-Effekt

Diese regelmäßigen Zuflüsse stabilisieren den Aktienmarkt, aber sie verteilen sich nicht gleichmäßig. Viele der beliebtesten ETFs gewichten ihre Unternehmen nach Marktkapitalisierung. Je größer ein Unternehmen bereits ist, desto größer ist sein Anteil am Index und desto mehr erhält es von jedem neu investierten Euro. Allein in der vergangenen Woche flossen 37,6 Milliarden Dollar in amerikanische Aktien-ETFs. Davon gingen 36,6 Milliarden Dollar in großkapitalisierte Unternehmen, während kleinere und mittelgroße Aktien sogar Abflüsse verzeichneten. So entsteht ein sich selbst verstärkender Effekt: Je größer eine Aktie wird, desto mehr ETF-Geld bekommt sie. Und je mehr ETF-Geld sie bekommt, desto größer wird sie. Das erklärt, weshalb die großen Indizes stabil wirken, obwohl es darunter kräftig geruckelt hat. Der gleichgewichtete S&P 500, bei dem jede Aktie denselben Einfluss besitzt, verlor im September rund vier Prozent. Zuletzt erreichten innerhalb des S&P 500 lediglich vier Unternehmen ein neues 52-Wochen-Hoch, während 27 auf ein neues Tief fielen. Weniger als die Hälfte der Indexmitglieder notiert noch über ihrer 200-Tage-Linie. An neun Handelstagen in Folge gab es mehr neue Tiefs als neue Hochs. Der Index hat den September überstanden. Viele seiner Aktien nicht.

Der Crash hat bereits stattgefunden

Darin liegt für mich weniger eine Warnung als eine Chance. Denn vielleicht ist der Crash gar nicht ausgefallen. Vielleicht wurde er von Nvidia, Microsoft, Meta, Broadcom und einigen anderen Schwergewichten nur so gut verdeckt, dass man ihn im Index kaum erkennen konnte. Zahlreiche Unternehmen aus der zweiten Reihe haben bereits deutlich korrigiert, obwohl ihre Geschäftsmodelle intakt sind. Ihre Bewertungen sind gesunken, die Erwartungen niedriger und die Anleger vorsichtiger geworden. Ein erheblicher Teil der Bereinigung hat unterhalb der Indexoberfläche längst stattgefunden. Das schafft die Grundlage für die nächste Aufwärtsbewegung. Stabilisieren sich Ölpreis und Anleiherenditen und verbreitert sich das Gewinnwachstum, könnte Kapital in genau jene Aktien zurückkehren, die bislang vernachlässigt wurden. Die großen Aktien haben den Index verteidigt. Die zweite Reihe könnte ihn jetzt nach oben treiben. Denn ein breiter werdender Markt wäre kein Warnsignal, sondern zusätzlicher Treibstoff für eine Jahresendrally.

„Der September-Crash ist ausgefallen. Die Korrektur vieler Einzelwerte nicht. Deshalb liegen die interessantesten Chancen jetzt möglicherweise dort, wo der Pessimismus bereits in den Kursen steckt. Ich blicke deshalb nicht ängstlich auf den Oktober, sondern bullish auf das vierte Quartal.“

Die Bären hatten im September nahezu alle Argumente auf ihrer Seite: Krieg, Inflation, Öl und Zinsen. Nur die Kurse wollten ihnen nicht folgen. Der September-Crash ist ausgefallen. Die Korrektur vieler Einzelwerte nicht. Deshalb liegen die interessantesten Chancen jetzt möglicherweise dort, wo der Pessimismus bereits in den Kursen steckt. Ich blicke deshalb nicht ängstlich auf den Oktober, sondern bullish auf das vierte Quartal. Die Bären hatten im September ihre beste Gelegenheit. Sie haben sie nicht genutzt. Jetzt sind die Bullen am Zug.

Bild © Greiff Capital

* DE: Die ergänzenden Inhalte können KI-generiert sein. EN: The additional content may be AI-generated.