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Vermeidung von Korruption

OpinionsVermeidung von Korruption

Wenn wir an Korruption denken, gehen unsere ersten Gedanken oft in Richtung sich bereichernder Despoten in weitgehend undemokratischen Staaten. Doch auch in unseren Breiten ist Korruption ein Thema, das von mangelnder Transparenz über Graubereiche bis hin zu schwerwiegender, strafbarer Vorteilsannahme reicht.

Die sich aus weitreichender Korruption ergebenden negativen Folgen sind vielschichtig. Zunächst beeinflusst jegliche Art korrupter Machenschaften die wirtschaftliche Entwicklung und kann außerdem zu ungerechten Verteilungseffekten des Wohlstandes führen. Korruption ist dabei nicht nur moralisch verwerflich – denn jede Art von Bestechlichkeit oder Vorteilsannahme beruht auf dem Ausnutzen einer Machtposition –, sie kostet durch die mit ihr verbundenen Ineffizienzen im Wirtschaftssystem zudem noch jede Menge Geld.

Auf Unternehmensebene ist die individuelle von der systematischen oder institutionalisierten Korruption zu unterscheiden. Die Rolle des nachhaltigen Investors ist es, im Bereich der Korruption die Tatbestände zu analysieren, Lösungen aufzuzeigen und Emittenten oder Investments in Unternehmen mit klaren Verfehlungen zu vermeiden.

Das Nachhaltigkeitsteam von Raiffeisen Capital Management hat sich Unternehmen in Branchen, die typischerweise „korruptionsgefährdet“ sind, genauer angesehen und Fragen rund um das Thema Korruption gestellt.

Korruption

Auch die für das Thema nachhaltiges Investment immer mehr an Bedeutung gewinnenden Ziele für nachhaltige Entwicklung – die so genannten SDGs – der UNO haben die Korruptionsbekämpfung aufgegriffen. Das Ziel 16 formuliert ganz klar, dass „Korruption und Bestechung in all ihren Formen erheblich reduziert werden sollen“. Leider ist die Bereitschaft zur Korruption weit verbreitet. Es handelt sich keineswegs um ein regionales Phänomen: Korruption betrifft sowohl reiche wie auch arme Länder und Regionen. Dabei sind ihre konkreten Erscheinungsformen vielfältig. Korrupte Machenschaften reichen von Bestechung, Unterschlagung, Veruntreuung und Ämterpatronage bis zur Günstlings- und Vetternwirtschaft.

Korruption findet vor allem dort einen günstigen Nährboden, wo Kontrollmechanismen, die Transparenz staatlichen Handelns und Rechenschaftspflichten fehlen. Besonders gefährdete Bereiche sind Infrastruktur, öffentliches und privates Beschaffungswesen sowie das Bau- und Gesundheitswesen.

Zunächst zur staatlichen Ebene: Das wesentlichste Korruptionsrisiko auf politischer Ebene ist die Einkommensumverteilung in die Hände weniger, die letztendlich die Bekämpfung von Armut behindert und unter anderem das Erreichen der SDGs be- oder verhindert. Auf Unternehmensebene liegen die Risiken in der generellen Intransparenz der Strukturen, die die Korruption erst ermöglichen, in Reputationsverlusten und in wirtschaftlichen Nachteilen. Das Thema Compliance spielt bei der Vermeidung von Korruption eine wesentliche Rolle. Im Rahmen der Compliance-Regeln stellen Unternehmen regelmäßig umfangreiche Richtlinien zum Thema Korruption auf und überprüfen diese. In Bezug auf korrupte Machenschaften sind Einzelfälle von systematischer Korruption zu unterscheiden.

Individuelle Korruption ist mitunter schwerer aufzudecken, aber viel einfacher zu bekämpfen als systematische Korruption. Systematische Korruption hingegen kann Unternehmen genauso wie politische Strukturen betreffen. Manchmal entsteht dabei der Eindruck, dass Korruption in einzelnen Ländern als „gängige Praxis“ betrachtet wird.

Auf staatlicher Ebene zeigt eine von Ernst & Young in mehr als 40 Ländern durchgeführte Umfrage aus dem Jahr 2017, dass beispielsweise in Österreich 32 % der befragten Manager annehmen, dass „Bestechung oder andere korrupte Vorgehensweisen“ im eigenen Land zur gängigen Praxis zählen.

Generell weist das vermeintliche Ausmaß der Korruption gemäß den Umfrageergebnissen innerhalb Europas ein starkes regionales Gefälle auf:

Während der Wert für Deutschland mit 43 % im Mittelfeld liegt und jener der Schweiz mit 18 % vergleichsweise niedrig ist, ist die Annahme von Korruption seitens der Manager in Ländern wie Italien (71 %) und Griechenland (81 %) deutlich höher. Eine oft zitierte Quelle zum Vergleich der Korruption zwischen einzelnen Ländern ist der Korruptionswahrnehmungsindex, der seit 1995 von Transparency International erhoben wird.

Derzeit werden knapp 180 Länder erfasst, der Index weist einen Wert von null bis 100 Punkten auf (wobei hier eine hohe Punkteanzahl für weniger Korruption steht). Im Ranking aus dem Jahr 2017 liegt die Schweiz mit 85 Punkten auf Rang drei. Deutschland hingegen schneidet mit Rang zwölf (81 Punkte) besser ab als Österreich, das mit 75 Punkten den 16. Platz einnimmt. Den 180. und damit letzten Rang belegt Somalia mit neun Punkten, hinter dem Südsudan mit zwölf Punkten. Korruption auf politischer Ebene hat negative wirtschaftliche Folgen, weil öffentliche Ressourcen verschwendet werden. Außerdem kann Korruption die Entwicklung des Privatsektors hemmen und Investoren abschrecken. Ein Wirtschaftsstandort mit hoher Korruptionsneigung leidet unter Rechtsunsicherheit, verzerrten Wettbewerbsbedingungen und erhöhten Kosten. Zudem gefährdet Korruption auch die Entwicklung demokratischer Strukturen und stellt letztlich die staatliche Legitimität infrage.

Auf Unternehmensebene wurde Korruption früher vor allem als Reputationsrisiko für die betroffenen Gesellschaften interpretiert. Mittlerweile steht, nicht zuletzt wegen verhängter Rekordstrafen gegen korrupte Unternehmen, nicht nur die ethische Seite, sondern auch die potenziell negative finanzielle Seite im Mittelpunkt der Betrachtung.

Zurück zur Unternehmensebene: Die unterschiedlichen Dimensionen, in denen ein Unternehmen in das Thema Korruption verstrickt sein kann, beginnen bei Korruptionstatbeständen in der geringsten Ausprägungsstufe in Form von Vorwürfen ohne gerichtliche Anklagen oder auch isolierten Fällen in einzelnen Unternehmensbereichen oder einzelnen Ländern. Sie reichen letztlich bis zur systematischen, vom Unternehmen institutionalisierten Korruption.

Schwere Fälle von systematischer Korruption sind meist gekennzeichnet durch die Involvierung des Topmanagements. Weitere Indizien sind die Anhäufung von Verstößen und die Verwicklung von mehreren Geschäftsfeldern oder Ländern. Korruptionsskandale, auch solche der Vergangenheit, bedeuten für Unternehmen die Gefahr eines beträchtlichen Reputationsverlustes. Die unternehmensinterne Antwort auf aufgedeckte Skandale sollte daher eine möglichst schnelle und gründliche Aufarbeitung sein.

Andererseits gibt es viele Beispiele aus der Vergangenheit, in denen Skandale die Bereitschaft und die bedingungslose Unterstützung bei der Schaffung von geeigneten Antikorruptionsstrukturen verstärkt haben.

Ein Vergleich von Korruption auf Länder- und Unternehmensebene zeigt, dass Korruption in der Politik mitunter schwerer zu bekämpfen ist als in einzelnen Betrieben, wobei das Thema Transparenz eine wesentliche Rolle spielt. Vorstand, Aufsichtsrat und Aktionäre bilden prinzipiell ein System, das Transparenz und Überwachung auf Unternehmensebene sicherstellen sollte.

Auf der politischen Seite sind demokratische Wahlen neben dem Beitritt und der aktiven Arbeit in einer Partei die einzige Möglichkeit, korrupte Strukturen abzuwählen. Sie finden im Vergleich zu Hauptversammlungen aber in viel längeren Intervallen statt. Ein weiterer Unterschied ist, dass Unternehmen auf Dauer eine geeignete Performance zeigen und Gewinne erwirtschaften müssen. Sie können sich Korruption – auch wegen verschärfter Transparenzbestimmungen – somit möglicherweise auf Dauer nicht leisten.

Ein derartiger Performancedruck lastet auf den Politikern in der Regel nicht. Manchmal scheint es für Unternehmen unerlässlich, in bestimmten Regionen oder Staaten ein gewisses Maß an Korruption zu akzeptieren und zu praktizieren, um überhaupt Geschäfte machen zu können.

Allerdings wird bei internationalen Ausschreibungen das Vermeiden von Korruption ein zunehmend bedeutenderes Thema. Dabei erscheint die Vermeidung von Korruption in einigen Schwellenländern, die bezüglich Korruption oft ein sehr schlechtes Ranking aufweisen, nicht immer einfach. Dies gilt vor allem für Projekte mit einer Vielzahl an Bietern und keinen speziellen Technologieerfordernissen.

Ein Sektor mit hohen Korruptionsrisiken ist beispielsweise der Großanlagenbau. Tatsächlich haben einige international tätige Konzerne die Arbeit in Ländern mit hoher Korruption inzwischen eingestellt.

Zu den bekanntesten internationalen Initiativen zur Bekämpfung von Korruption zählen die OECD-Anti-Korruptions-Konvention aus dem Jahr 1999 und die UN-Konvention gegen Korruption aus dem Jahr 2005. Auf regionaler Ebene sind der UK Bribery Act von 2010 und der US Foreign Corrupt Practices ACT, ein Gesetz, das bereits 1977 erlassen wurde, zu erwähnen.

Weitere Initiativen zur Bekämpfung von Korruption umfassen spezifische Branchenvereinigungen wie das Global Infrastructure Anti-Corruption Centre, die Extractive Industries Transparency Initiative oder das Water Integrity Network.

Andererseits sind viele internationale Initiativen, Organisationen oder NGOs bemüht, den Kampf gegen Korruption zu unterstützen. Hierzu zählen etwa Global Compact, das World Economic Forum, die International Chamber of Commerce oder Transparency International.

Fazit: Für Raiffeisen Capital Management ist die Vermeidung von Korruption ein wesentliches Thema.

Auf Länder- wie auch auf Unternehmensebene werden eine Vielzahl von Emittenten oder Unternehmen von jeglichem Investment in Nachhaltigkeitsfonds ausgeschlossen.

Auf Unternehmensebene sind die Branchen Infrastruktur, Bauwesen und Pharma besonders betroffen. Länder mit einem Korruptionswahrnehmungsindex von unter 40 werden als inakzeptabel für Investitionen betrachtet.

Nachhaltigkeitsbewertung

Korruption ist auch für börsennotierte Unternehmen ein wichtiges Thema, eine Reihe von gelisteten Firmen hat auf die Herausforderungen der letzten Jahre mit verschärften Compliance-Strukturen und Antikorruptionsmaßnahmen reagiert. Transparenz gewinnt an den Börsen generell stets mehr an Bedeutung, auch der Gesetzgeber fordert von den Unternehmen die Veröffentlichung eines immer umfangreicheren Sets an über die rein finanzielle Dimension hinausgehenden Informationen.

Generell weisen börsennotierte Gesellschaften einen hohen Grad an Transparenz auf. Um Korruption so gut wie möglich zu vermeiden, starten Unternehmen bei der Einführung von Antikorruptionsmaßnahmen meist mit einer Risikoanalyse.

Neben einer Antikorruptionsstrategie werden einerseits Maßnahmen zur Prävention und andererseits Maßnahmen zur Reaktion auf Korruptionstatbestände gesetzt.

Zu den einfachsten risikoabsichernden Schritten zählen die Einführung eines Vier-Augen-Prinzips und die Sicherung größtmöglicher Transparenz in allen Entscheidungsprozessen. Große Bedeutung haben auch die Personalauswahl in Risikobereichen, Trainings zur Korruptionsvermeidung und regelmäßige Überprüfung der Antikorruptionsstrategien und Antikorruptionsmaßnahmen.

Wie bereits dargestellt, zählen Infrastruktur, Bau- und Gesundheitswesen bezüglich Korruption zu den besonders gefährdeten Sektoren. Die Hintergründe sind einerseits der Versuch, in sehr kompetitiven Märkten zum Zug zu kommen, und andererseits nicht immer transparente Entscheidungsstrukturen, die gleichzeitig große Auftragsvolumina oder Umsätze in einzelnen Produktsparten bewegen.

Im Zusammenhang mit dem Thema Korruption umfasst der Unternehmensdialog des Nachhaltigkeitsteams von Raiffeisen Capital Management einige der bedeutendsten Unternehmen der drei genannten Branchen.

  • Sehen Sie den Sektor, in dem Ihr Unternehmen tätig ist, generell als gefährdet an, was das Thema Korruption betrifft?
  • Hat sich das Umfeld für Korruption in den letzten Jahren spürbar verändert? Welche Entwicklungen in regulatorischen oder anderen Bereichen haben diese Veränderungen wesentlich beeinflusst?
  • Wie versucht Ihr Unternehmen, das Thema Korruption konkret zu adressieren?
  • Welche Maßnahmen zur Korruptionsbekämpfung wurden von Ihrem Unternehmen in den vergangenen Jahren gesetzt?
  • Mithilfe welcher internen Regelungen versucht Ihr Unternehmen, Korruption zu verhindern?
  • Welche Bedeutung messen Sie der Rolle der Whistleblower zu?
  • Gab es in Ihrem Unternehmen in der jüngeren Vergangenheit Verstöße in Richtung Korruption?
  • Wie hat das Unternehmen auf diese Verstöße reagiert?

Der Tatbestand der Korruption ist bei den befragten Unternehmen in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen. Unternehmen wie Merck KGaA sehen Korruption sowohl als finanzielles als auch als Reputationsrisiko. Als Grund für den Rückgang wird insbesondere eine strengere Gesetzgebung, vor allem auch in den sich entwickelnden Volkswirtschaften, genannt. Zur Vermeidung von Korruption sind vor allem ein entsprechender Code of Conduct und andere vom Unternehmen beschlossene Grundsätze von Relevanz.

Derartige Grundsätze betreffen zum Beispiel eine strenge Richtlinie gegen Korruption, die Bestechlichkeit auf der Ebene des eigenen Unternehmens oder im Umgang mit Unternehmen, mit denen Geschäftskontakt besteht, regelt. Globale Compliance-Programme umfassen neben den bereits erwähnten Grundsätzen die Bereiche Training, Beratung, Monitoring und die Untersuchungen respektive Maßnahmen im Fall des Auftretens eines Problems.

Das spanische Bauunternehmen ACS will ab 2018 mit einem spanischen und einem internationalen Standard konform sein, es sind dies UNE 19601 (Zertifikat für Compliance im Zusammenhang mit kriminellen Machenschaften) und UNE-ISO 37001 (internationales Zertifikat für ein Managementsystem gegen Bestechung).

Novartis hat 2018 das neue „Values & Behaviors“-Regime eingeführt, das sich von der regelbasierten Entscheidung entfernt und in Richtung eines prinzipienbasierten Ansatzes geht. Fraport hat bereits 2002 seinen ersten Corporate-Governance-Code eingeführt und diesen mittlerweile laufend ergänzt und verbessert. Außerdem regeln zwei Codes of Conduct das Verhalten von Mitarbeitern und Lieferanten.

Das Thema Korruption sollte sich an möglichst prominenter Position in der Hierarchie wiederfinden. In diesem Sinn hat Novartis einen Chief Ethics & Compliance Officer etabliert. Trainingsprogramme für alle Mitarbeiter sind ein weiteres wichtiges Tool. Wesentliche Faktoren für deren Bewertung sind relevante Inhalte und die Höhe der Abschlussquote – bei Novartis liegt diese zwischen 97 % und 98 %. Fraport hat 2009 ein elektronisches Whistleblower-System eingeführt. Außerdem existiert eine „Ombudswoman“ in Form einer externen Rechtsanwältin.

Verstöße in der Vergangenheit müssen zu harten Konsequenzen führen. Auf der anderen Seite ist eine bedingungslose Zusammenarbeit mit den ermittelnden Behörden notwendig. Novartis hat seine Compliance-Struktur nach Korruptionsfällen in Korea völlig neu aufgestellt.