Agentische KI im Zahlungsverkehr: Warum für Banken die Geldform und die Orchestrierung zur strategischen Frage werden

Digital Investing and CryptoAgentische KI im Zahlungsverkehr: Warum für Banken die Geldform und die Orchestrierung zur strategischen Frage werden

KI-Agenten, die Rechnungen prüfen, Liquidität steuern und Zahlungen selbstständig auslösen, waren das bestimmende Thema der Sibos 2026, die Swift vom 28. September bis 1. Oktober in Miami unter dem Leitmotiv „Digital finance for AI-driven economies“ ausgerichtet hat. In einem Videointerview mit Finextra beschreibt Natasha Lapierre, die bei Bottomline Innovation und Produktstrategie im Financial Messaging verantwortet, wie Banken ihren Zahlungsverkehr mit agentischer KI, Orchestrierung und digitalen Vermögenswerten zukunftsfähig machen können. Die Perspektive ist die eines Technologieanbieters, der Banken eine Plattform verkaufen will. Sie ist trotzdem aufschlussreich, weil sie eine Verschiebung sichtbar macht, die über das einzelne Produkt hinausreicht.

Dass Software-Agenten künftig Zahlungen anstoßen, ist in der Branche weitgehend Konsens. Offen ist dagegen, in welcher Geldform diese Zahlungen abgewickelt werden und wer die Schicht kontrolliert, die zwischen dem Auftrag eines Agenten, der Prüfung und der Abwicklung vermittelt. An dieser Stelle entscheidet sich, ob Banken die Steuerung des Zahlungsverkehrs behalten oder zu Kontoführern werden, deren Infrastruktur andere orchestrieren.

Was Bottomline in Miami gezeigt hat

Bottomline gehört zu den großen Dienstleistern im Swift-Netz und gibt an, jährlich Zahlungen von mehr als 16 Billionen US-Dollar abzuwickeln. Wenige Tage vor der Sibos hat das Unternehmen am 17. September 2026 Global Pay Connect vorgestellt, eine SaaS-Plattform, die Banken über eine Anbindung an Swift, SEPA, SIC, Bacs, CHAPS, CHIPS, Lynx, EBICS und Host-to-Host-Verbindungen anschließt. Zugleich hat Bottomline eine strategische Zusammenarbeit mit Chainlink vereinbart. Über dessen Interoperabilitätsprotokoll sollen Banken mehrere Blockchain-Netzwerke über ihre bestehende Bottomline-Anbindung erreichen, ohne für jedes Netzwerk eine eigene Integration aufzubauen. In einer Vorschau auf die Sibos beschrieb Lapierre das Ziel als Proof of Concept für die Interoperabilität zwischen traditionellen und digitalen Vermögenswerten innerhalb der Systeme, die Banken heute bereits betreiben, ergänzt um KI-Anwendungen am Anfang der Zahlungskette.

Bemerkenswert ist weniger die Technik als die Architektur. Bottomline baut keine weitere eigenständige Plattform für digitale Vermögenswerte. Die bestehenden Nachrichtenstrecken bleiben erhalten, und die Anbindung an Blockchains wird als zusätzlicher Kanal dahinter geschaltet. Aus den veröffentlichten Unterlagen geht nicht hervor, ob über die Plattform bereits produktiv Werte auf Blockchains bewegt werden; das Unternehmen selbst spricht vom Stadium eines Proof of Concept. Die strategische Botschaft an Banken ist dennoch klar: Wer die Orchestrierungsschicht stellt, entscheidet, welche Zahlungswege ein Auftrag nimmt, und genau dort sollen künftig auch Agenten andocken.

Drei Geldformen konkurrieren um dieselben Zahlungsströme

Für Zahlungen zwischen Maschinen gelten andere Anforderungen als für den klassischen Firmenkundenverkehr: sehr kleine Beträge, hohe Frequenz, Verfügbarkeit rund um die Uhr und Programmierbarkeit. Welche Geldform diese Anforderungen am besten erfüllt, wird derzeit von drei Lagern unterschiedlich beantwortet.

BlackRock argumentiert in dem Ende September veröffentlichten Papier „The Machine-Native Economy“, dass Stablecoins für autonome Agenten besonders geeignet seien, weil Karten- und Überweisungsnetze für kleinteilige, hochfrequente Maschinenzahlungen zu teuer und zu langsam abrechnen. Nach Angaben von BlackRock lag der Umlauf von Stablecoins im September 2026 bei über 300 Milliarden US-Dollar. Der Vermögensverwalter räumt zugleich ein, dass agentische Zahlungen heute noch in geringem Umfang stattfinden. Erste Zahlen dazu liefert Chainalysis: Bis zum Ende des Berichtszeitraums im Juli 2026 seien auf der Blockchain Base über 138 Millionen Transaktionen über das Agenten-Zahlungsprotokoll x402 abgewickelt worden, überwiegend Kleinstbeträge.

Die Banken setzen dagegen auf tokenisierte Einlagen, also Buchgeld, das auf Distributed-Ledger-Infrastruktur abgebildet wird und in der Bankbilanz verbleibt. Swift hat am 9. Juli 2026 mitgeteilt, dass sein Blockchain-basiertes Ledger für eine erste kontrollierte Nutzung bereitsteht. 17 Banken, darunter BNP Paribas, Citi, HSBC, UBS und Wells Fargo, bereiten damit grenzüberschreitende Zahlungen in tokenisierten Einlagen rund um die Uhr vor. Das Ledger dient dabei als gemeinsame Orchestrierungsschicht über den Ledgern der einzelnen Banken; die Abwicklung selbst läuft weiterhin über Systeme außerhalb des Ledgers.

Die dritte Antwort kommt aus dem Eurosystem. Am 21. September 2026 hat es Pontes gestartet, eine Lösung, mit der Großbetragstransaktionen in tokenisierten Vermögenswerten in Zentralbankgeld abgewickelt werden können. Zu den ersten 13 Marktteilnehmern gehören mit BayernLB, Deutsche Bank, Deka, DZ Bank, KfW und NRW.BANK auch sechs deutsche Institute. Die EZB will zudem einen kleinen Teil ihrer Eigenmittel in tokenisierte Wertpapiere investieren und diese Käufe über Pontes abwickeln. Pontes zielt auf den institutionellen Wertpapierverkehr, nicht auf Zahlungen von Agenten. Für die Architekturfrage ist der Start dennoch relevant, weil er im Euroraum einen risikofreien Abwicklungsanker für tokenisierte Märkte setzt.

Der Bankenverband kommt in seinem Positionspapier „Next Generation Money“ vom Mai 2026 zu dem Schluss, dass sich kein einheitlicher Standard für tokenisiertes Geld abzeichnet und die Geldformen nebeneinander bestehen werden. Das Papier führt den Agentic Commerce ausdrücklich als Anwendungsfall auf und ordnet offene, globale Anwendungen eher Stablecoins zu, Unternehmensprozesse eher tokenisierten Einlagen und den Interbankenverkehr dem Zentralbankgeld. Daraus folgt für Banken eine unbequeme Konsequenz: Wer Agenten bedienen will, muss mehrere Geldformen parallel unterstützen und zwischen ihnen vermitteln können. Die Orchestrierung wird damit zur eigentlichen Kernkompetenz.

Der wirtschaftliche Druck liegt in den Margen

Wie viel für die Banken auf dem Spiel steht, beziffert der World Payments Report 2027 des Capgemini Research Institute, der am 24. September 2026 erschienen ist. Danach könnten Stablecoins, tokenisierte Einlagen und digitales Zentralbankgeld bis 2030 rund vier Prozent des weltweiten Zahlungsvolumens auf sich vereinen. Das klingt wenig, betrifft aber margenstarke Ertragsquellen: Devisenspreads, Korrespondenzbankgeschäft, Float-Erträge und Transaktionsgebühren. Capgemini schätzt die gefährdeten Zahlungsverkehrserträge auf bis zu 230 Milliarden US-Dollar. Zugleich könnten bis zu vier Billionen US-Dollar freigesetzt werden, die heute auf Abwicklungs- und Liquiditätskonten gebunden sind.

Die Studie zeigt auch, wo die Ausgangsposition der Banken liegt. 71 Prozent der befragten Unternehmen würden tokenisierte Zahlungen bei gleichen Kosten und gleicher Qualität lieber über eine Bank als über ein Fintech abwickeln, und die befragten Bankmanager nennen tokenisierte Einlagen als wichtigste kurzfristige Priorität. Dieser Vertrauensvorsprung ist allerdings an Bedingungen geknüpft. Er hält nur, solange Banken die neuen Geldformen tatsächlich anbieten und in die Abläufe ihrer Kunden integrieren können. Hier schließt sich der Kreis zur Orchestrierung: Ein Treasury-Agent, der Liquidität über Nacht optimiert, wählt den Weg, der technisch verfügbar und am günstigsten ist, unabhängig davon, bei wem das Konto geführt wird.

Regulierung, die einen menschlichen Zahler voraussetzt

Rechtlich ist der agentische Zahlungsverkehr noch nicht abgebildet. Die EU hat ihr Zahlungsverkehrsrecht mit der Payment Services Regulation (PSR) und der dritten Zahlungsdiensterichtlinie (PSD3) neu geordnet; der Rat hat die finalen Kompromisstexte im April 2026 bestätigt und zur Annahme vorgelegt. Die starke Kundenauthentifizierung beruht dort weiterhin auf Wissen, Besitz und Inhärenz, also auf Merkmalen eines Menschen. Die Kanzlei Freshfields hält in einer Analyse vom Mai 2026 fest, dass keine der geltenden Regeln eine nicht-menschlich ausgelöste Authentifizierung ausdrücklich vorsieht. Als praktische Lösungen nennt sie zeitlich und inhaltlich begrenzte Tokens, die eine vorherige Authentifizierung des Kunden bestätigen, und rät Instituten, im Zweifel die Abstimmung mit der Aufsicht zu suchen.

Ungeklärt ist auch die Haftung, etwa wenn ein Agent das vom Kunden gesetzte Limit überschreitet oder ein betrügerischer Auftrag über einen agentischen Ablauf ausgeführt wird. Freshfields verweist auf das britische Erstattungsregime für autorisierte Betrugszahlungen als mögliche Analogie, bei dem die Zahlungsdienstleister den Großteil des Schadens tragen. Würde die Aufsicht ähnlich verfahren, könnte die aggregierte Haftung erheblich werden, weil Agenten Zahlungen in hoher Geschwindigkeit und Menge auslösen. Hinzu kommt ein operatives Problem: Betrugserkennungssysteme schlagen typischerweise bei vielen Zahlungen in kurzer Folge an, also genau bei dem Muster, das ein legitim arbeitender Agent erzeugt. Banken brauchen deshalb Kontrollmodelle, die zwischen einem autorisierten Agenten innerhalb seines Mandats und tatsächlich auffälligem Verhalten unterscheiden können, und eine lückenlose Nachvollziehbarkeit jeder agentischen Transaktion.

Was daraus für Entscheider folgt

Für Verantwortliche im Transaction Banking verschiebt sich die strategische Frage. Es geht weniger darum, ob eine Bank eigene Agenten entwickelt, als darum, wer die Schicht betreibt, über die Aufträge von Agenten auf Konten, Geldformen und Netzwerke verteilt werden. Wer diese Schicht an einen Plattformanbieter auslagert, gewinnt Geschwindigkeit, gibt aber Steuerung ab und baut eine Abhängigkeit auf, die unter Gesichtspunkten der operationellen Resilienz und des Drittparteienrisikos zu bewerten ist. Das gilt für Anbieter wie Bottomline ebenso wie für Gemeinschaftsinfrastrukturen wie das Swift-Ledger.

Für Asset Manager und institutionelle Investoren ist die Entwicklung aus zwei Richtungen relevant. Erstens verändert sie die Liquiditätsverwaltung: Wenn Treasury-Prozesse rund um die Uhr in tokenisierten Einlagen oder Stablecoins laufen, gewinnen tokenisierte Geldmarktfonds als verzinste Liquiditätsreserve an Bedeutung. Deren Volumen ist laut der im Bankenverband-Papier zitierten BIZ von 0,8 Milliarden US-Dollar Ende 2023 auf 9 Milliarden US-Dollar Ende Oktober 2025 gestiegen. Zugleich wird die Wahl des Abwicklungsmittels zu einer Frage des Kontrahentenrisikos, und eine Abwicklung in Zentralbankgeld über Pontes setzt hier einen anderen Maßstab als private Stablecoins. Zweitens berührt sie die Bewertung von Banken und Zahlungsdienstleistern als Anlageobjekte. Die von Capgemini beschriebenen Ertragspools gehören zu den profitabelsten Bereichen des Bankgeschäfts, und ihre Erosion wird sich bei Instituten mit hohem Anteil am Korrespondenz- und Devisengeschäft zuerst zeigen.

Offene Fragen

Mehrere Punkte werden in den kommenden Monaten zeigen, wie schnell sich die Architektur verfestigt. Swift will das Ledger nach der kontrollierten Anlaufphase in Funktion und Verfügbarkeit ausbauen; erst mit realen Volumina wird sichtbar, ob tokenisierte Einlagen verschiedener Banken tatsächlich nahtlos zusammenspielen. Bei PSR und PSD3 stehen die förmliche Annahme und die Veröffentlichung im Amtsblatt aus, und die Aufsicht wird sich zu der Frage äußern müssen, wie eine an einen Agenten delegierte Zahlungsautorisierung rechtlich zu behandeln ist. Ebenso offen ist, ob sich für Agentenzahlungen im Euroraum eher bankgestützte Lösungen oder Stablecoins durchsetzen. Das Plädoyer von BlackRock für Stablecoins und die Präferenz der Banken für tokenisierte Einlagen beschreiben dabei konkurrierende Interessen ebenso wie technische Eignung. Für Entscheider ist es deshalb sinnvoll, Aussagen von Anbietern, Vermögensverwaltern und Verbänden zu diesem Thema stets daraufhin zu lesen, welche Geldform und welche Infrastruktur der jeweilige Absender im Markt etablieren möchte. csa

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