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Cyberkriminalität, KI und Geopolitik: Auswirkungen auf Investmententscheidungen

Markets and NewsCyberkriminalität, KI und Geopolitik: Auswirkungen auf Investmententscheidungen

Die aktive Gestaltung der neuen Ära der Deglobalisierung, der politischen und militärischen Konflikte, des Klimawandels und der Konzentration auf die nationale Sicherheit gewinnt für Anleger zunehmend an Bedeutung. Richard Clode, Portfoliomanager bei Janus Henderson Investors sieht in den geopolitischen Faktoren ein Risiko: „Sie spielen für die Märkte eine zunehmend wichtige Rolle.“

Technologie im Fokus

„KI ist das neue Wettrüsten – KI-Fähigkeiten gelten inzwischen als Priorität für Länder und Regionen, da sie von strategischer Bedeutung für die nationale Sicherheit, Cybersicherheit und wirtschaftliche Produktivität sind“, sagt der Portfoliomanager. Im Gegensatz zur Internet-Ära würden Länder zu bedeutenden Kunden für KI-Infrastrukturen, da sie ihre eigenen Rechenzentren aufbauen. Dies schaffe einen neuen Kundenstamm für Unternehmen wie nVIDIA. Die staatliche Nachfrage nach seinen Graphics Processing Units (GPU-Chips) entspricht derjenigen der drei größten Hyperscaler zusammen. „Darunter befinden sich auch Neueinsteiger in die Technologiebranche, vor allem im Nahen Osten, wo KI sowohl in Saudi-Arabien als auch in den Vereinigten Arabischen Emiraten eine strategische Priorität darstellt“, erklärt Clode. Der souveräne Aspekt der KI zeige sich auch in der Geopolitik, insbesondere in den US-Beschränkungen für den Export der neuesten nVIDIA-GPUs.

„Die sanfte Macht der KI und ihre Verflechtung mit der Geopolitik zeigt sich in der jüngsten Investition von Microsoft in Höhe von 1,5 Milliarden US-Dollar in das KI-Unternehmen G42“, so der Experte. Das Unternehmen hat seinen Sitz in den Vereinigten Arabischen Emiraten und wird auf der Azure-Cloud-Plattform von Microsoft laufen sowie deren Chips verwenden.[1] Die Vereinbarung ging mit einer umfassenderen Diskussion mit der US-Regierung über den dauerhaften Zugang zu nVIDIA-GPUs im Zusammenhang mit dem Standort ihrer Kunden einher.

Als weiteres Beispiel nennt Clode die Versuche der USA, den KI-Algorithmus von TikTok zu kontrollieren. Die potenzielle Beeinflussung der US-Wählerschaft führte zur Verabschiedung von Gesetzen, die die US-Investoren von TikTok zwingen sollten, sich von dem Unternehmen zu trennen. Außerdem wurde die Gründung eines Unternehmens in US-Besitz vorgeschlagen.

Chip-Kriege: Reshoring und Nearshoring

2024 wird mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung zur Wahl gehen, auch in den USA. Unabhängig vom Ausgang der US-Präsidentschaftswahlen erwartet der Experte jedoch nicht, dass sich die Verflechtung von KI und Geopolitik auflösen wird: „Der Zugang zu den neuesten nVIDIA-Grafikprozessoren ist der Schlüssel zum neuen KI-Wettrüsten. Das zeigt sich sowohl in Form von Exportbeschränkungen als auch in der Schaffung strategischer Widerstandsfähigkeit für diese Chip-Lieferkette.“

Um die Risiken zu verringern und die jahrzehntelange Konzentration der Halbleiterproduktion in Taiwan und Südkorea statt in den USA, Europa und Japan umzukehren, finanzierten die Steuerzahler weltweit indirekt Subventionen in Milliardenhöhe und ermöglichten Steuererleichterungen und günstige Kreditkonditionen, um führende Halbleiterhersteller zum Aufbau von Produktionsstätten (Fabs) vor Ort zu ermutigen. „Die derzeitigen Beschränkungen für den Export der neuesten nVIDIA-Grafikprozessoren und der EUV-Werkzeuge von ASML (Extrem-Ultraviolett-Lithografie, die zum Drucken von Chipmustern verwendet wird) in bestimmte Länder haben bereits heute erhebliche Auswirkungen“, stellt Clode fest. Der Experte befürchtet, dass sich diese im Laufe der Zeit noch verstärken, da das Mooresche Gesetz im Hinblick auf die KI-Fähigkeiten eine immer größere Kluft schaffe. „Es bleibt abzuwarten, ob diese Beschränkungen absolut sind oder sich als relativ erweisen und sich mit der Zeit verschieben werden“, so Clode. Außerdem stelle sich die Frage, inwieweit die Länder bereit seien, diesen Status quo und das wachsende KI-Defizit zu akzeptieren.

Wachsende Cyberbedrohungen

Der Portfoliomanager warnt: „Geopolitik spielt sich nicht nur in der physischen, sondern auch in der digitalen Welt ab, in der Cyber-Bedrohungen zunehmen, die in einer KI-Welt nur noch mächtiger werden können.“ Die Fähigkeit der generativen KI, in großem Umfang und zu geringen Kosten komplexe Fälschungen zu erstellen, ermögliche es böswilligen Akteuren, mit raffinierteren Angriffen und einem größeren Arsenal an Bedrohungen Zugang zu Computersystemen und Netzwerken zu erlangen. Der Versicherer UnitedHealth meldete kürzlich den ersten Milliarden-Dollar-Hack, bei dem private Gesundheitsdaten von Amerikanern in großem Umfang gestohlen wurden. Der Ventures Cybercrime Report von Cybersecurity stellt fest, dass die Kosten für Cyberkriminalität bis 2025 auf 10,5 Billionen US-Dollar steigen könnten, gegenüber 3 Billionen US-Dollar im Jahr 2014. Laut dem Bericht 2023 Global Security Outlook des Weltwirtschaftsforums glauben 74 % der befragten Unternehmen, dass die globale geopolitische Instabilität ihre Cyberstrategie beeinflusst. „Der jüngste Ausbruch von Landkriegen wurde von einer eskalierenden Cyberkriegsführung begleitet“, betont Clode und mahnt: „Um diese Bedrohung – bedingt durch geopolitische Instabilität und KI – zu bekämpfen, müssen sowohl Unternehmen als auch Länder ihre Verteidigungsfähigkeiten durch den Einsatz von KI-Technologien verbessern.“