FOCAM Perspektive 07/26: Die verborgene Zinswette im Portfolio

Edition AIFOCAM Perspektive 07/26: Die verborgene Zinswette im Portfolio

Die verborgene gemeinsame Zinswette in Portfolios

Portfolios aus Wachstumsaktien, Private Equity, Immobilien, Infrastrukturbeteiligungen und langlaufenden Anleihen scheinen auf den ersten Blick gut diversifiziert. Tatsächlich tragen sie jedoch eine gemeinsame Sensitivität gegenüber dem Zinsniveau, die in Allokationsgesprächen häufig unerwähnt bleibt. Die überwiegende Mehrheit dieser Anlagen profitiert von niedrigen oder fallenden Zinsen.

Längerfristige Zinsentwicklung und ihre Wirkung

Von der Finanzkrise bis 2021 fielen die Zinsen stetig, teilweise bis in den negativen Bereich. Dies führte zu steigenden Bewertungen bei Anlagen mit weit in der Zukunft erwarteten Erträgen, da der Barwert solcher Erträge bei sinkenden Zinssätzen zunimmt. Diese Entwicklung erzeugte den Eindruck von erfolgreicher Diversifikation, obwohl viele Anlagen auf der gleichen Zinswette beruhten. Erst mit der Zinswende 2022 wurde die enge Verbindung zwischen vermeintlich unabhängigen Anlageklassen deutlich.

Duration als Maß für Zinssensitivität

Der Begriff Duration, ursprünglich aus dem Anleihemarkt, beschreibt die Sensitivität des Barwerts künftiger Zahlungen gegenüber Zinsänderungen. Je weiter ein Ertrag in der Zukunft liegt, desto größer ist der Wertverlust bei steigenden Zinsen. Growth-Aktien, deren Gewinne vornehmlich langfristig anfallen, verhalten sich daher ähnlich wie langlaufende Anleihen, was die Auswirkungen steigender Zinsen auf ihre Bewertungen erklärt.

Beispiel zur Sensitivität

Erträge, die in zwanzig Jahren anfallen, sind bei einem Diskontsatz von 3 % etwa 55 Cent wert, bei 5 % nur noch knapp 38 Cent. Dies entspricht einem Wertverlust von fast einem Drittel allein durch eine 2-Prozent-Punkte-Zinssteigerung. Die Zinssensitivität steigt mit der Laufzeit deutlich, während kurzfristige Erträge kaum betroffen sind.

Zusammenhänge zwischen Anlageklassen und die Grenzen der Diversifikation

Die Zinswende 2022 führte zu einer ungewöhnlich starken Korrelation zwischen Aktien und Anleihen: 60/40-Portfolios erreichten ihr schwächstes Jahr seit 1937, wobei Aktien und Anleihen gleichzeitig negative Renditen verbuchten – ein Phänomen, das seit 1977 nicht mehr auftrat. Dies zeigt, dass die traditionelle Diversifikation gerade unter Zinsschocks vor Herausforderungen steht.

Technologiewerte des Nasdaq-100 verloren parallel zu langlaufenden US-Staatsanleihen jeweils rund 30 %, da beide wirtschaftlich auf weit in der Zukunft liegende Zahlungen basieren. Innerhalb des Aktienmarktes verloren Growth-Aktien deutlich stärker als Value-Aktien, was die Rolle der Duration als Risikofaktor unterstreicht.

Zinsabhängigkeit und Kursentwicklung ab 2023

Seit 2023 stiegen Technologiewerte trotz hohem Zinsniveau erneut. Dies widerspricht nicht der These der Zinssensitivität, da zum einen die Marktpreise heute vor allem auf erwartete Zinsveränderungen reagieren und zum anderen ein starkes Gewinnwachstum, insbesondere durch Fortschritte im Bereich Künstliche Intelligenz, den dämpfenden Effekt höherer Zinsen kompensierte.

Der Anlagehorizont als entscheidender Faktor

Der entscheidende Parameter für die Tragbarkeit zinssensitiver Anlagen ist der Anlagehorizont. Ein langfristiger Anleger kann Wertverluste durch Zinssteigerungen besser aussitzen als ein Anleger mit kurzfristigem Kapitalbedarf. Somit entscheidet nicht nur die Renditeerwartung über die Eignung einer Anlage, sondern vor allem die zeitliche Struktur ihrer Erträge in Relation zum Bedarf.

Pragmatische Orientierung

Kapital, das kurzfristig benötigt wird, sollte in weniger zinssensitiven Anlagen gehalten werden, um Bewertungsrisiken zu minimieren. Langfristige Anlagen können höhere Zinsänderungen verkraften und profitieren vielfach von der Zinssensitivität durch höhere Renditen.

Einschränkungen der Duration-Perspektive

Zunächst ist die positive Korrelation von Aktien und Anleihen ein Regime, das im Umfeld hoher Inflation und steigender Zinsen vorkommt. In Phasen niedriger oder negativer Inflation lagen diese oft negativ. Anleger sollten die Diversifikationseffekte deshalb nicht als unveränderlich betrachten.

Außerdem garantiert ein langer Anlagehorizont nicht zwangsläufig den Werterhalt im Zeitverlauf, wenn Anlagen zu teuer gekauft werden. Zyklische Verluste können sich über lange Zeiträume hinziehen, wie das Beispiel des Nasdaq nach 2000 zeigt.

Portfolioanpassung und Risikosteuerung

Eine rein defensive Umschichtung von Aktien in Anleihen reduziert das Durationsrisiko nur dann, wenn auch die Laufzeiten der Anleihen gesenkt werden. Ansonsten bleibt die gemeinsame Zinswette bestehen, nur in anderer Form.

Die Portfoliokonstruktion auf Basis des Anlagehorizonts ermöglicht eine robustere Risikosteuerung, da sie realistischer an den individuellen Kapitalbedarf anknüpft statt an unsichere Marktprognosen.

Multiple Zeithorizonte und strategische Allokation

Viele Anleger besitzen unterschiedliche Kapitalbedarfe mit verschiedenen Zeithorizonten. Die Aufteilung des Vermögens in Teilportfolios, die jeweils auf ihren Horizont ausgerichtet sind, erlaubt eine differenziertere Steuerung von Zinssensitivität und Risiko.

Eine strategische Asset-Allokation sollte daher nicht nur nach Renditeerwartungen, sondern vor allem nach Zeitstrukturen der Kapitalbindung erfolgen, um die verborgene Zinswette transparent und kontrollierbar zu machen.


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