US-Zwischenwahlen: Das größte Marktrisiko könnte 2027 folgen
Markets and NewsUS-Zwischenwahlen: Das größte Marktrisiko könnte 2027 folgen
Robert Sockin
Ein Beitrag von Robert Sockin von PGIM:
Für die Finanzmärkte dürften die US-Zwischenwahlen selbst weniger entscheidend sein als die politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen, die darauf folgen. Kurzfristig dürften die Geldpolitik der Fed, das Zinsumfeld und die Entwicklung der künstlichen Intelligenz eine größere Rolle spielen. Die wichtigste mögliche Folge der Zwischenwahlen für die Finanzmärkte sehen wir jedoch vielmehr in einem potenziellen Konflikt über die amerikanische Schuldenobergrenze im Jahr 2027.
Wir haben unsere Wahlprognose zuletzt geändert und erwarten nun, dass die Demokraten sowohl im Repräsentantenhaus als auch im Senat die Mehrheit gewinnen. Ausschlaggebend dafür sind vor allem die hohen Energiepreise und die angespannte finanzielle Situation vieler amerikanischer Haushalte. Insbesondere die gestiegenen Benzinpreise belasten die Stimmung der Wähler. Hinzu kommen hohe Lebensmittelpreise und die verschlechterte Erschwinglichkeit von Wohneigentum infolge gestiegener Hypothekenzinsen. Die Bezahlbarkeit des täglichen Lebens ist aus unserer Sicht das zentrale Thema dieser Wahl.
Sollten die Demokraten beide Kammern des Kongresses gewinnen, rechnen wir dennoch mit relativ knappen Mehrheiten. Ein geteilter Regierungsapparat bedeutet zudem nicht zwangsläufig, dass die Haushaltsdefizite sinken oder die Fiskalpolitik restriktiver wird. In Bereichen wie Verteidigungsausgaben, Infrastruktur und Maßnahmen zum Ausgleich gestiegener Lebenshaltungskosten gibt es ausreichend Gemeinsamkeiten zwischen beiden Parteien. Wir sehen deshalb weiterhin Aufwärtsrisiken für die ohnehin hohen Haushaltsdefizite, auch wenn wir keinen drastischen zusätzlichen Anstieg erwarten.
Die größte mögliche Auswirkung auf die Finanzmärkte dürfte sich im kommenden Jahr zeigen. Voraussichtlich im Spätsommer 2027 steht die nächste Auseinandersetzung über die Schuldenobergrenze an. Sollten die Demokraten bei den Zwischenwahlen gut abschneiden, könnten stärker linksgerichtete Abgeordnete innerhalb der Partei an Einfluss gewinnen. Diese könnten eher bereit sein, ihre Zustimmung zu einer Anhebung der Schuldenobergrenze von politischen Zugeständnissen des Weißen Hauses abhängig zu machen. Die Verhandlungen könnten deshalb ungewöhnlich intensiv werden. Beide Parteien werden letztlich zusammenarbeiten müssen, um die Schuldenobergrenze anzuheben. Eine demokratische Mehrheit in beiden Kammern würde den Verhandlungsspielraum linksgerichteter Kräfte vergrößern; doch auch die Kontrolle über das Repräsentantenhaus allein wäre von Bedeutung.
Dadurch könnte der Konflikt intensiver ausfallen als bei früheren Verhandlungen. Insbesondere sehen wir ein erhöhtes Risiko, dass sich die Auseinandersetzung bis zu dem Zeitpunkt hinzieht, an dem dem Finanzministerium die Mittel zur Erfüllung seiner Zahlungsverpflichtungen ausgehen. Ein technischer Zahlungsausfall ist ausdrücklich nicht unser Basisszenario, bleibt bei einem besonders intensiven Konflikt jedoch ein mögliches Risikoszenario.
Für den Anleihemarkt könnte dies erhebliche Folgen haben. Sollten die Verhandlungen in bislang unbekanntes Terrain führen, wäre mit höheren Risikoprämien bei langfristigen US-Staatsanleihen zu rechnen. Schon heute stehen die langfristigen Renditen durch mehrere Faktoren unter Aufwärtsdruck. Dazu gehören neben der hohen Staatsverschuldung und den Haushaltsdefiziten auch die Kapitalnachfrage für KI-Investitionen und die Unsicherheit über die weitere Inflationsentwicklung.
Ein weiteres wichtiges Thema nach den Wahlen wird die Regulierung künstlicher Intelligenz sein. Wir erwarten zusätzliche Vorgaben und Beschränkungen, gehen allerdings davon aus, dass diese insgesamt relativ moderat ausfallen werden. Sie könnten den KI-Investitionszyklus verlangsamen und zeitlich strecken, dürften ihn aber nicht grundsätzlich stoppen. Ein länger anhaltender, langsamerer KI-Investitionszyklus erscheint uns deshalb als plausibles Szenario. Besonders wichtig wird dabei sein, welche Maßnahmen auf Ebene der Bundesstaaten und Kommunen beschlossen werden.
In der Handels- und Außenpolitik erwarten wir dagegen keinen grundlegenden Kurswechsel. Selbst wenn die Demokraten nur eine Kammer des Kongresses gewinnen, dürfte die Regierung verstärkt auf ihre exekutiven Befugnisse zurückgreifen. Wir rechnen mit weiteren Zöllen nach den Zwischenwahlen und sehen zudem das Risiko einer erneuten Eskalation des Konflikts mit Iran.
Auch die Unabhängigkeit der Fed könnte durch eine demokratische Mehrheit im Senat zusätzlichen Schutz erhalten. Allerdings schätzen wir die gegenwärtigen Risiken für die Unabhängigkeit der Notenbank bereits als relativ moderat ein.
Die unmittelbaren Folgen der Zwischenwahlen für Wirtschaft und Finanzmärkte dürften damit begrenzt bleiben. Die größte mögliche Marktbelastung sehen wir in einem möglichen Streit über die Schuldenobergrenze 2027. Entscheidend wird sein, wie weit die politischen Parteien in diesen Verhandlungen gehen und ob es ihnen gelingt, rechtzeitig eine Einigung zu erzielen.
Für die KI-Regulierung erwarten wir nach der Wahl zusätzliche, insgesamt moderate Vorgaben. Sie könnten den Investitionszyklus strecken, ihn aber nicht stoppen. Viel hängt davon ab, was Bundesstaaten und Kommunen beschließen. In der Handelspolitik rechnen wir mit weiteren Zöllen, weil die Regierung stärker auf exekutive Befugnisse setzen dürfte.
Eine demokratische Mehrheit im Senat könnte die Unabhängigkeit der Fed zusätzlich schützen. Die Risiken dafür halten wir aber schon heute für relativ moderat. Für die Märkte entscheidet sich 2027, wie weit beide Parteien im Streit um die Schuldenobergrenze gehen. Offen ist auch, ob sie sich rechtzeitig einigen.
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