Schilling greif(f)t auf: Vom Börsenmakler zum Buchmacher

Markets and NewsSchilling greif(f)t auf: Vom Börsenmakler zum Buchmacher

Über Chancen und Risiken eines Milliardenmarktes

Prediction Markets werden zum Milliardengeschäft. Robinhood verwandelt sich vom Neobroker in einen Börsen-, Wett- und Finanzsupermarkt. Doch wenn selbst Politik, Sport und Wetter handelbar werden, verschwimmt die Grenze zwischen Investieren, Spekulieren und Spielen.

Kann Donald Trump die Kongresswahlen gewinnen? Senkt die US-Notenbank die Zinsen? Steigt die Inflation über vier Prozent? Und wer gewinnt am Wochenende die NFL‑Partie? Früher brauchte man für solche Fragen Meinungsforscher, Volkswirte oder einen Buchmacher. Heute genügt die Robinhood-App. Prediction Markets machen aus zukünftigen Ereignissen handelbare Kontrakte. Kostet ein Kontrakt auf einen Wahlsieg 63 Cent, interpretiert der Markt dies als Wahrscheinlichkeit von 63 Prozent. Tritt das Ereignis ein, wird ein Dollar ausgezahlt. Tritt es nicht ein, verfällt der Einsatz. An der Börse bekommen Unternehmen einen Preis. Auf Prediction Markets bekommt jedes Ereignis der Zukunft seinen Preis. Wo Meinung plötzlich handelbar wird, wächst nicht nur die Weisheit der Vielen, sondern auch der Vorteil der Wenigen, die mehr wissen.

„Befürworter halten Prediction Markets für bessere Prognoseinstrumente als Umfragen oder Expertenmeinungen. Wer nur befragt wird, kann behaupten, was er möchte. Wer eigenes Geld einsetzt, überlegt meist etwas genauer.“

Robinhood wird zum Finanzsupermarkt

Als Robinhood 2013 gegründet wurde, war die Mission klar: Der Wertpapierhandel sollte demokratisiert werden. Kostenlose Aktiengeschäfte, eine einfache Smartphone-App und ein spielerischer Zugang zur Börse lockten Millionen junger Amerikaner an den Kapitalmarkt. Heute reicht Robinhood das nicht mehr. Auf der Plattform gibt es Aktien, Optionen, Futures, Kryptowährungen, Wertpapierkredite, Altersvorsorge, Kreditkarten, Banking und inzwischen eben auch Ereigniswetten. Aus dem Neobroker wird ein Finanzsupermarkt. Vom Vermögensaufbau bis zum Ausgang eines Footballspiels liegt alles nur noch einen Swipe auseinander. Wie lukrativ das ist, zeigen die jüngsten Zahlen. Im zweiten Quartal erzielte Robinhood mit Event Contracts einen Umsatz von 156 Millionen Dollar. Das war mehr als zehnmal so viel wie im Vorjahr und bereits mehr als der klassische Aktienhandel, der 129 Millionen Dollar einbrachte. Selbst der Kryptohandel kam nur auf 100 Millionen. Lediglich Optionen lagen mit 342 Millionen Dollar noch vorn. Inzwischen verfügt Robinhood über 13 Geschäftsfelder, die jeweils auf mindestens 100 Millionen Dollar Jahresumsatz hochgerechnet werden können. Das Unternehmen baut sein Prediction-Market-Angebot weiter aus und beteiligt sich dafür an Crypto.com sowie dessen neuer Handelsplattform OG.com. Auch Morgan Stanley gefällt die Entwicklung. Die Bank stufte die Robinhood-Aktie auf „Overweight“ hoch und erhöhte das Kursziel von 124 auf 150 Dollar. Robinhood demokratisiert damit längst nicht mehr nur die Geldanlage. Das Unternehmen monetarisiert zunehmend auch die Meinungen seiner Kunden.

„Prediction Markets sollen wie ein Thermometer die Wahrscheinlichkeit zukünftiger Ereignisse messen. Doch wer auf ein Ereignis wettet, das er selbst beeinflussen kann, misst nicht mehr nur die Temperatur. Er dreht am Thermostat selbst.“

Die Weisheit der Wettenden

Befürworter halten Prediction Markets für bessere Prognoseinstrumente als Umfragen oder Expertenmeinungen. Wer nur befragt wird, kann behaupten, was er möchte. Wer eigenes Geld einsetzt, überlegt meist etwas genauer. Tatsächlich können solche Märkte Informationen erstaunlich effizient bündeln. Tausende Teilnehmer bringen ihr Wissen, ihre Erwartungen und ihre Überzeugungen in einen einzigen Preis ein. Damit entsteht eine Art ständig aktualisierte Schwarmprognose. Ein Börsenkurs für Wahrscheinlichkeiten. Doch mit dem Erfolg wächst die Grauzone. Handelt es sich bei einem Kontrakt auf die nächste Zinserhöhung um ein Finanzinstrument? Ist die Wette auf ein Wahlergebnis noch Informationsgewinnung? Und warum soll ein Kontrakt auf ein Footballspiel etwas anderes sein als eine gewöhnliche Sportwette? Genau darüber streiten inzwischen Bundesaufsicht, Gerichte und amerikanische Bundesstaaten. Kalshi und Polymarket sehen sich als regulierte Handelsplätze. Glücksspielaufseher werfen ihnen dagegen vor, klassische Wetten lediglich in einen finanzmarktfreundlichen Begriff zu verpacken. Gleichzeitig drängen traditionelle Anbieter wie DraftKings selbst in den Markt. Die Börse bewegt sich auf das Wettbüro zu und das Wettbüro auf die Börse.

„Robinhood hat früh erkannt, dass die Grenze zwischen Investieren und Spielen wirtschaftlich äußerst ertragreich ist. Am Ende muss Robinhood dabei die Zukunft gar nicht vorhersagen. Wie jeder gute Buchmacher verdient das Unternehmen schon daran, dass seine Kunden es versuchen.“

Vom Thermometer zum Thermostat

Wie problematisch diese Entwicklung werden kann, zeigt ausgerechnet George Santos. Der ehemalige US-Kongressabgeordnete wettete auf seine eigene Teilnahme an einer Rede von Präsident Trump. Gleichzeitig soll er öffentlich irreführende Angaben über seine Pläne gemacht haben. Santos verdiente mit der Wette mehr als 17.000 Dollar. Kalshi sperrte ihn daraufhin als ersten Kunden lebenslang und verhängte zusätzlich eine Strafe von mehr als 71.000 Dollar. Ausgerechnet ein Mann, der wegen Betrugs und Identitätsdiebstahls verurteilt worden war, lieferte damit die perfekte Gebrauchsanweisung für die Schwachstelle des neuen Marktes. Prediction Markets sollen wie ein Thermometer die Wahrscheinlichkeit zukünftiger Ereignisse messen. Doch wer auf ein Ereignis wettet, das er selbst beeinflussen kann, misst nicht mehr nur die Temperatur. Er dreht am Thermostat selbst. Das Problem betrifft nicht nur Politiker. Kandidaten können auf ihre Wahlchancen wetten, Mitarbeiter auf Unternehmensereignisse, Funktionäre auf Sportergebnisse und gut informierte Beamte auf politische Entscheidungen. Je genauer die handelbaren Ereignisse definiert werden, desto größer wird der mögliche Wissensvorsprung einzelner Beteiligter. Prediction Markets können wertvolle Informationen liefern und Fehlprognosen sichtbar machen. Sie können aber ebenso Insiderhandel, Manipulation und Spielsucht in ein schickes Finanzmarktgewand kleiden. Robinhood hat früh erkannt, dass die Grenze zwischen Investieren und Spielen wirtschaftlich äußerst ertragreich ist. Am Ende muss Robinhood dabei die Zukunft gar nicht vorhersagen. Wie jeder gute Buchmacher verdient das Unternehmen schon daran, dass seine Kunden es versuchen.

Bild © Greiff Capital

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