Die Prognosen zum Ausbau von Rechenzentren sind in diesem Jahr so groß geworden, dass sie kaum noch Orientierung bieten. Roland Berger erwartet in der Studie „The AI Datacenter Study, Part 1: The Global Build-out Race“ vom Juli 2026, dass die weltweit installierte Rechenzentrumskapazität von 88 Gigawatt im Jahr 2025 auf bis zu 340 Gigawatt im Jahr 2035 steigt. Der Anteil der KI an der gesamten Rechenzentrumslast soll im selben Zeitraum von 20 auf knapp 60 Prozent wachsen. Für Investoren, Asset Manager und Banken ist die Gesamtzahl allerdings weniger aufschlussreich als die Frage, wo diese Kapazität entstehen kann und was den Ausbau tatsächlich begrenzt. Die Antwort der Studie ist für Europa unbequem: Der Engpass liegt in Stromnetzen, Energiepreisen und Genehmigungsverfahren, also in Faktoren, die sich mit Kapital allein nicht schnell beseitigen lassen.
Was die Studie misst und was sie aussagt
Grundlage ist das hauseigene Roland Berger Datacenter Model, das Kapazität, Energiebedarf und Investitionstätigkeit abbildet. Ergänzt wird es durch eine Befragung von 70 Entscheidern aus der europäischen Rechenzentrumsbranche, darunter Betreiber sowie Unternehmen aus Technologie, Energie, Infrastruktur und Bau. Als Zwischenstufe nennen die Autoren in einem Interview mit der ZfK 224 Gigawatt für 2030. Die Kapazität würde sich damit binnen fünf Jahren mehr als verdoppeln und in den folgenden fünf Jahren noch einmal um gut die Hälfte zulegen.
Für Europa fällt der Befund zweigeteilt aus. Der Anteil an der weltweit installierten Kapazität soll von etwa 13 Prozent auf rund 10 Prozent im Jahr 2030 sinken. Schon 2025 standen in den USA nach Angaben der Studie mehr Rechenzentren als in Westeuropa und Asien zusammen. Ein schrumpfender Anteil bedeutet in einem so stark wachsenden Markt jedoch keinen Rückbau. Legt man die Studienwerte zugrunde, würde die europäische Kapazität von rund 11 auf gut 22 Gigawatt steigen (eigene Rechnung auf Basis der genannten Anteile, gerundet). Europa wächst also weiter, nur deutlich langsamer als der Rest der Welt.
Drei Bremsen, die sich gegenseitig verstärken
Die Studie benennt drei Faktoren, die den europäischen Ausbau hemmen. Der erste ist der Netzanschluss: Bis ein neues Rechenzentrum in Europa ans Stromnetz angeschlossen ist, können bis zu sieben Jahre vergehen. In den USA geht das in der Regel schneller, oder Betreiber erzeugen Strom direkt am Standort. Der zweite Faktor sind Energiekosten und Energieverfügbarkeit. Strom macht rund 40 Prozent der Betriebskosten eines Rechenzentrums aus, und die europäischen Preise liegen deutlich über denen konkurrierender Regionen. 69 Prozent der befragten Branchenexperten erwarten, dass die Energieverfügbarkeit bis 2035 noch schwieriger wird. Der dritte Faktor ist regulatorische Komplexität bei Genehmigungen und Auflagen.
Wie eng diese Faktoren zusammenhängen, erläutert Edeltraud Leibrock, Global Managing Director bei Roland Berger, im ZfK-Interview. Die langen Anschlusszeiten ließen sich nicht auf eine einzelne Ursache zurückführen: Begrenzte Netzinfrastruktur, aufwendige Verfahren für Fläche, Energie, Umweltauflagen und Abwärme sowie eine oft zu späte Abstimmung zwischen Betreibern, Netzbetreibern, Kommunen und Politik summierten sich. Ihr Kollege Nikolaus Lehmann verweist auf spekulative Anschlussanträge, die Warteschlangen verstopfen. Diskutiert werden Reifegradverfahren, die Projekte nach ihrer Realisierungswahrscheinlichkeit priorisieren, und flexible Anschlussverträge, die einen früheren Netzzugang gegen vereinbarte Lastbegrenzungen erlauben. Lehmann betont allerdings, dass solche Instrumente vorhandene Kapazität nur besser verteilen. Den physischen Netzausbau ersetzen sie nicht.
Die politische Dimension ist inzwischen auch auf europäischer Ebene angekommen. EZB-Präsidentin Christine Lagarde verwies in einer Rede vom 14. September 2026 auf die Folgenabschätzung der EU-Kommission zum Cloud and AI Development Act, die bis 2036 eine Lücke von 19 Gigawatt zwischen Nachfrage und installierter Kapazität in der EU erwartet.
Warum die Prognosen so weit auseinanderliegen
Wer die Roland-Berger-Zahlen in Investitionsentscheidungen einbezieht, sollte sie neben andere Schätzungen legen. Dann zeigt sich, wie stark die Ergebnisse von Definitionen und Annahmen abhängen. McKinsey beziffert die weltweite Nachfrage nach Rechenzentrumskapazität für 2025 auf 82 Gigawatt, davon 44 Gigawatt für KI-Workloads. Das entspricht bereits heute einem KI-Anteil von gut der Hälfte, während Roland Berger für dasselbe Jahr 20 Prozent ansetzt. Für 2030 erwartet McKinsey 219 Gigawatt mit einem KI-Anteil von rund 70 Prozent. ABI Research misst dagegen aktive IT-Kapazität und kommt auf 24,4 Gigawatt im Jahr 2025 und 147,1 Gigawatt im Jahr 2035; KI soll dann 64 Prozent des Energieverbrauchs ausmachen.
Die Gesamtwerte von Roland Berger und McKinsey liegen für 2030 nah beieinander. Die Aufteilung zwischen KI und klassischer Last unterscheidet sich jedoch erheblich, und ABI arbeitet mit einer ganz anderen Bezugsgröße. Installierte Kapazität, Nachfrage und tatsächlich genutzte IT-Last sind unterschiedliche Größen. Für die Bewertung einzelner Projekte ist das relevant: Wer einen Business Case auf den KI-Anteil stützt, etwa wegen höherer Leistungsdichte, Kühlanforderungen oder Mieterstruktur, übernimmt mit der gewählten Prognose auch deren Abgrenzung.
Hinzu kommt ein Vorbehalt, den Roland Berger selbst formuliert. Laut der ZfK-Zusammenfassung der Studie wachsen die Investitionen in KI-Infrastruktur derzeit deutlich schneller als die damit erzielten Einnahmen. Eine kurzfristige Korrektur oder Abkühlung halten die Berater deshalb für möglich, ohne den langfristigen Trend infrage zu stellen.
Was daraus für Entscheider folgt
Für institutionelle Investoren verschiebt sich damit die Frage, worin der knappe Faktor im Rechenzentrumsmarkt besteht. Nach unserer Einschätzung liegt er in Europa weniger im Kapital als in gesicherten Netzanschlüssen, genehmigten Flächen und langfristig planbarer Energieversorgung. Projekte, die diese Voraussetzungen bereits erfüllen, dürften von der Knappheit profitieren, die der langsame europäische Ausbau erzeugt. Umgekehrt tragen frühe Projektphasen ein Zeitrisiko, das in Renditeerwartungen eingepreist werden muss, wenn der Netzanschluss bis zu sieben Jahre dauern kann. Flexible Anschlussverträge verkürzen diesen Weg, verlagern aber einen Teil des Kapazitätsrisikos auf den Betreiber und damit auf dessen Kapitalgeber.
Für den Standort Frankfurt hat das eine eigene Bedeutung. Urs Neumair, Partner bei Roland Berger, erwartet im ZfK-Interview, dass sich Rechenzentren in Deutschland weiterhin stark im Großraum Frankfurt konzentrieren. Ab 2030 könnten nach seiner Einschätzung fünf bis acht Prozent der Energie für die Fernwärme aus Rechenzentren stammen, was die Abwärmenutzung zu einem Thema für Versorger und Infrastrukturinvestoren macht.
Für Banken und Asset Manager als Nutzer von KI stellt sich die Frage anders. Wo europäische Kapazität knapp bleibt, werden Rechenleistung, Datenstandort und Abhängigkeit von außereuropäischen Anbietern zu Bestandteilen der Risikosteuerung. Die Studie begründet den Bedarf an eigener europäischer Kapazität ausdrücklich auch mit der Verarbeitung sensibler Daten unter europäischer Rechtsordnung. Für regulierte Institute ist das keine abstrakte Souveränitätsdebatte, sondern eine Frage von Auslagerungsrisiken und Aufsichtsanforderungen.
Offene Fragen
Ob Europa den Abstand verringern kann, hängt weniger von Förderprogrammen ab als vom Tempo beim Netzausbau. Roland Berger weist selbst darauf hin, dass finanzielle Anreize allein die Lücke nicht schließen werden, und fordert eine vorausschauende Netzplanung sowie technologieneutrale Rahmenbedingungen. Offen bleibt, wie belastbar die Prognosen sind, wenn die Einnahmen der KI-Anbieter mit den Investitionen nicht Schritt halten, und wie sich der KI-Anteil an der Last tatsächlich entwickelt. Bis dahin ist die Spannbreite der Schätzungen selbst eine Information, die in jede Investitionsentscheidung gehört. csa
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