Tokenisierte Einlagen galten lange als Thema für Pilotprojekte zwischen Banken. Mit einer Zahlung, die die australische ANZ Anfang Oktober für den Rohstoffkonzern BHP über das Blockchain-Ledger von Swift abgewickelt hat, ist das Instrument erstmals im laufenden Treasury-Geschäft eines Großunternehmens angekommen. Der Vorgang selbst ist klein. Bemerkenswert ist, wie er gebaut ist: Der Kunde nutzte sein bestehendes Konto und seinen gewohnten Bankkanal, die neue Technik arbeitete vollständig im Hintergrund. Daran kann abgelesen werden, auf welchem Weg tokenisiertes Bankgeld in den Markt kommen dürfte, und welche Fragen für Treasurer, Asset Manager und institutionelle Investoren damit offen sind.
Was bei ANZ, BHP und Citi passiert ist
Nach Angaben der Beteiligten bewegte die Transaktion US-Dollar zwischen Melbourne und New York, beteiligt waren ANZ, BHP, Citi und Swift. Die Einlagen wurden dabei als Token auf einem Ledger geführt und über die Swift-Infrastruktur zwischen den Banken übertragen (cfotech, Finextra). ANZ ist damit die erste australische Bank, die das Swift-Ledger produktiv genutzt hat. Nigel Dobson, bei ANZ für Payment Services verantwortlich, betonte, die tokenisierten Einlagen blieben für den Kunden „completely invisible“; Ziel sei gewesen zu testen, ob sich die Vorteile der Technik über bestehende Konten, Kanäle und Prozesse institutioneller Kunden liefern lassen (East & Partners).
Gerade diese Unsichtbarkeit ist der eigentliche Befund. Ein Konzern-Treasury wechselt ungern Banking-Schnittstellen, Freigabeprozesse oder Kontostrukturen. Wenn tokenisiertes Geld nur dann nutzbar wäre, wenn Unternehmen Wallets einrichten und neue Workflows aufbauen, bliebe es auf absehbare Zeit ein Nischenthema. Die ANZ-Transaktion zeigt eine Variante, in der die Umstellung allein bei den Banken liegt.
Swift als Orchestrierungsschicht
Der Vorgang steht in einer Reihe. Swift hatte sein Blockchain-Ledger am 9. Juli 2026 für die erste Nutzung freigegeben, 17 Banken aus sechs Kontinenten wollten darauf Live-Transaktionen mit tokenisierten Einlagen erproben, darunter ANZ, BNP Paribas, BNY, Citi, HSBC, Standard Chartered, UBS und Wells Fargo (Swift). Am 19. August folgte die erste Interbank-Transaktion zwischen HSBC und Standard Chartered. Aufschlussreich ist deren Architektur: Die beiden Banken tauschten Zahlungsnachrichten über das Ledger aus, die Verbindlichkeiten wurden auf den jeweils eigenen Tokenisierungsplattformen der Banken verbucht, Swift glich sie ab und verrechnete sie, und die finale Abwicklung lief anschließend über die bestehenden Systeme (CoinDesk).
Swift positioniert sich damit als Verbindungsschicht zwischen bankeigenen Token-Systemen. Banken behalten Emission, Bilanz und Kundenbeziehung, das Ledger koordiniert. Ende September kamen weitere Bausteine hinzu: UBS und Mizuho testeten Zahlungen in Franken und Yen auf dem Ledger (Fintech News Schweiz), Oracle und Chainlink kündigten Anbindungen an, und Swift stellte ein Framework für grenzüberschreitende Endkundenzahlungen vor, das nach Angaben des Verbands mehr als 100 Institute nutzen oder vorbereiten (IT Finanzmagazin). Parallel hat Citi ihre Token Services auf die Vereinigten Arabischen Emirate und Japan ausgeweitet (Finextra).
Warum das Treasury der naheliegende Einsatzort ist
Der Nutzen tokenisierter Einlagen liegt weniger in der einzelnen Zahlung als in der Verfügbarkeit von Liquidität. Grenzüberschreitende Zahlungen dauern nach einer Studie von Capgemini Invent im Schnitt 3,5 Tage und kosten rund 2 Prozent des Transaktionswerts; bei breiter Einführung tokenisierter Zahlungsformen könnten nach Schätzung der Studie bis zu vier Billionen US-Dollar an gebundenem Kapital frei werden (Stand: September 2026, IT Finanzmagazin). Die Zahl ist eine Schätzung des Beratungshauses und sollte als Größenordnung gelesen werden.
Für ein Treasury mit Gesellschaften in mehreren Zeitzonen sind die praktischen Effekte greifbarer: Cash-Positionierung und konzerninterne Finanzierung außerhalb der Cut-off-Zeiten, weniger vorgehaltene Puffer auf Fremdwährungskonten und eine genauere Sicht darauf, wo sich Liquidität zu welchem Zeitpunkt befindet. Die Capgemini-Studie hält zugleich fest, dass Banken tokenisierte Einlagen zwar als kurzfristige Priorität sehen, die meisten aber noch in der Evaluierung stecken.
Bankgeld, Stablecoin, Zentralbankgeld
Die Entwicklung fällt in eine grundsätzliche Debatte darüber, welche Form digitalen Geldes sich in welchem Segment durchsetzt. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich hat in ihrem Jahreswirtschaftsbericht 2026 Stablecoins als instabil kritisiert und dafür plädiert, die Tokenisierung in das bestehende zweistufige Bankensystem einzubetten (BIZ). Im Projekt Agorá erproben unter ihrer Koordination mehrere Zentralbanken und über 40 private Institute tokenisierte Reserven und Geschäftsbankguthaben für den Großbetragszahlungsverkehr; die Arbeit soll in Tests mit realen Werten übergehen (BIZ). Im Euroraum ermöglicht das Eurosystem seit dem 21. September 2026 mit Pontes die Abwicklung tokenisierter Wholesale-Geschäfte in Zentralbankgeld (EZB).
Ein Whitepaper des Bankenverbands kommt zu dem Schluss, dass sich kein einheitlicher Standard durchsetzen wird und Stablecoins, tokenisierte Einlagen und Wholesale-CBDC nebeneinander bestehen (Der Bank Blog). Das CFA Institute weist auf die Kehrseite hin: Unterschiedliche Rechtsnaturen, etwa Einlagensicherung bei tokenisierten Einlagen und deren Fehlen bei Stablecoins, könnten die Fungibilität des Geldes untergraben, wenn Interoperabilität und Offenlegung nicht mitwachsen (CFA Institute).
Für institutionelle Nutzer ist diese Unterscheidung kein akademisches Detail. Eine tokenisierte Einlage ist eine Forderung gegen die emittierende Bank, mit deren Bonität, Aufsicht und Einlagensicherungsregime. Ein Stablecoin ist eine Forderung gegen einen Emittenten und dessen Reserven. Wer Liquidität über das eine oder andere Instrument hält, trifft eine Gegenparteientscheidung.
Die regulatorische Lage in der EU
In der EU fallen tokenisierte Einlagen nicht unter MiCA: Art. 2 Abs. 4 lit. b nimmt Kryptowerte aus, die als Einlagen gelten, sie bleiben im Bankaufsichtsrecht. Die Abgrenzung im Einzelfall ist allerdings nicht trivial. Die EBA hatte im Dezember 2024 in einem Bericht Merkmale zur Unterscheidung von tokenisierten Einlagen und E-Geld-Token beschrieben. In ihrer Stellungnahme zur MiCA-Überprüfung vom September 2026 differenziert sie weiter: Token, die den Einlagensaldo direkt auf dem Ledger abbilden, seien in der Regel Einlagen, Token, die lediglich einen Anspruch auf ein herkömmlich geführtes Guthaben repräsentieren, erforderten eine Einzelfallprüfung. Zugleich fehlt eine harmonisierte Definition des Begriffs „Einlage“ im Bankaufsichtsrecht.
Die Erwartungen im Markt steigen dennoch. In der Risikobefragung der EBA vom Frühjahr 2026 gaben 26 Prozent der antwortenden Banken an, tokenisierte Einlagen innerhalb von drei Jahren einführen zu wollen, nach 16 Prozent im Jahr 2024 (RegReportingDesk). Einen weiteren Bericht zu Klassifizierungsmerkmalen hat die EBA für das vierte Quartal 2026 angekündigt.
Was Entscheider daraus ableiten können
Für Treasurer von Unternehmen mit internationaler Struktur lohnt sich die Frage an ihre Hausbanken, ob und wann diese am Swift-Ledger oder vergleichbaren Netzwerken teilnehmen und für welche Währungskorridore. Das ANZ-Modell legt nahe, dass der Einstieg ohne Systemumbau auf Kundenseite möglich ist; die Bankenwahl könnte damit stärker darüber entscheiden, ob ein Unternehmen von 24/7-Liquidität profitiert.
Für Asset Manager liegt die Relevanz bei der Geldseite tokenisierter Wertpapiere. Mit Pontes für Zentralbankgeld und tokenisierten Einlagen für Geschäftsbankgeld entstehen zwei regulierte Optionen, Fondsanteile oder Anleihen auf DLT-Plattformen Zug um Zug abzuwickeln, ohne auf Stablecoins angewiesen zu sein.
Für institutionelle Investoren und Risikoverantwortliche stellt sich die Frage der Gegenpartei. Je mehr Liquidität in tokenisierter Form gehalten wird, desto wichtiger wird es, Bankgeld, E-Geld-Token und Stablecoins im Risikomanagement sauber zu unterscheiden und die Verteilung über Emittenten zu steuern.
Offene Fragen
Die bisherigen Transaktionen auf dem Swift-Ledger sind Einzelvorgänge. Volumenziele oder einen Zeitplan für den Ausbau über die kontrollierte Einführung hinaus hat Swift bislang nicht veröffentlicht. Auch die finale Abwicklung läuft weiterhin über die herkömmlichen Systeme der Banken; der Effizienzgewinn liegt derzeit in Abgleich, Verrechnung und Verfügbarkeit, noch nicht im Settlement selbst. Offen ist zudem, wie schnell Euro-Korridore folgen und wie die Verknüpfung zwischen bankeigenen Token-Systemen, Swift und der Zentralbankgeld-Infrastruktur des Eurosystems aussehen wird. Ob tokenisierte Einlagen zum Standard im grenzüberschreitenden Treasury werden, hängt deshalb weniger an der Technik als an der Zahl der Banken, die sich anschließen, und an der regulatorischen Klarheit, die die EBA für Ende des Jahres in Aussicht gestellt hat. csa
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