Bitcoin verlässt die Börsen: Was der stärkste Tagesabfluss seit sieben Monaten aussagt und was nicht

Digital Investing and CryptoBitcoin verlässt die Börsen: Was der stärkste Tagesabfluss seit sieben Monaten aussagt und was nicht

Am Montag, dem 5. Oktober 2026, haben nach Daten des On-Chain-Analysehauses Santiment netto rund 24.073 Bitcoin zentralisierte Handelsplätze verlassen, beim damaligen Kurs ein Gegenwert von gut 2 Milliarden US-Dollar. Santiment zufolge war das der stärkste Tagesabfluss seit sieben Monaten. Der Anteil des Bitcoin-Angebots, der auf Börsen liegt, sank damit auf etwa 6,5 Prozent. Der Datendienst deutet die Bewegung als Hinweis darauf, dass Anleger Bestände in die langfristige Verwahrung verlagern und keine Verkäufe vorbereiten, räumt aber selbst ein, dass Abflüsse allein keine Kursrichtung garantieren.

Für institutionelle Investoren ist die Meldung weniger als Kurssignal interessant denn als Hinweis auf eine Verschiebung in der Verwahrungsstruktur des Marktes. Ob Bitcoin bei Börsen, bei ETF-Verwahrern, in den Bilanzen von Treasury-Unternehmen oder in Eigenverwahrung liegt, entscheidet darüber, wie viel Angebot kurzfristig handelbar ist, welche Gegenparteirisiken im System stecken und welche Aufsicht greift. Die Leitfrage dieses Beitrags lautet deshalb: Was lässt sich aus Börsenabflüssen belastbar ableiten, und wo endet die Aussagekraft der Daten?

Was die Daten zeigen

Der Tagesabfluss steht nicht allein. Nach Auswertungen des Analysehauses CryptoQuant sank auf Binance der Sieben-Tage-Durchschnitt der Einzahlungen mittelgroßer Marktteilnehmer von 4.155 BTC Mitte August auf 2.648 BTC im Oktober. Im selben Zeitraum stieg der Bitcoin-Kurs von rund 63.000 auf über 84.000 US-Dollar. Steigende Preise ohne steigende Einzahlungen sind ein Muster, das üblicherweise als nachlassende Verkaufsbereitschaft gelesen wird: Wer Gewinne realisieren will, muss seine Coins in der Regel zunächst auf eine Börse transferieren.

Den Gesamtbestand auf Börsen bezifferte CryptoQuant am 3. Oktober 2026 auf rund 2,68 Millionen BTC, den niedrigsten Wert seit 2023. Nach dieser Datenreihe lag der Höchststand Anfang 2024 bei etwa 3,2 Millionen BTC, und der Bestand ist seither durch alle Marktphasen hindurch gefallen: während der Rally 2024, während des Anstiegs auf über 126.000 US-Dollar im Oktober 2025 und während der Korrektur 2026.

Ein anderes Bild zeichnen die börsennotierten Produkte. Die US-Spot-Bitcoin-ETFs hatten laut den täglich aktualisierten Flussdaten von Farside Investors in der Woche vom 21. bis 25. September netto knapp 2,4 Milliarden US-Dollar eingesammelt. Anfang Oktober wurde das Bild uneinheitlich: Auf einen Abfluss von 89,8 Millionen US-Dollar am 5. Oktober folgte ein Zufluss von 118,8 Millionen am 6. Oktober, am 7. Oktober flossen dann netto 484,9 Millionen US-Dollar ab. Größter Einzelposten war der iShares Bitcoin Trust von BlackRock mit 207,7 Millionen US-Dollar Abfluss, gefolgt von Fidelity und ARK 21Shares mit jeweils gut 100 Millionen. Die naheliegende Deutung, wonach austrocknende Börsenbestände und steigende ETF-Nachfrage zusammenwirken, ist durch die Daten der ersten Oktoberwoche damit nicht gedeckt. Seit Auflage summieren sich die Nettozuflüsse der US-Spot-ETFs laut Farside auf rund 57,4 Milliarden US-Dollar (Stand 7. Oktober 2026).

Warum der Börsenbestand ein Modellwert ist

Börsenbestände werden nicht gemessen, sondern modelliert. Ein Datenanbieter ordnet Wallet-Adressen bestimmten Börsen zu und summiert deren Salden. Ein sinkender Wert bestätigt deshalb nur, dass Coins Adressen verlassen haben, die der Anbieter als börseneigen klassifiziert. Wohin sie gegangen sind und warum, verrät die Zahl nicht.

Wie stark die Ergebnisse von der Methodik abhängen, zeigt der Vergleich zweier Anbieter. Santiments Anteil von 6,5 Prozent entspricht bei gut 20 Millionen umlaufenden Bitcoin rund 1,3 Millionen BTC (eigene Rechnung). CryptoQuant weist für fast denselben Zeitpunkt 2,68 Millionen BTC aus, also etwa das Doppelte. Beide Werte können innerhalb ihrer jeweiligen Definition korrekt sein. Sie sind aber nicht vergleichbar, und keiner von beiden beschreibt einen objektiven Marktbestand. Hinzu kommt, dass CryptoQuant im Oktober 2025 einen Börsenbestand von rund 2,4 Millionen BTC gemeldet hatte, der aktuelle, höhere Wert von 2,68 Millionen aber als Tiefstand seit 2023 gilt. Das spricht dafür, dass die Datenreihe durch neu zugeordnete Adressen nachträglich verändert wurde. Eine Bestätigung von CryptoQuant dazu liegt nicht vor; es handelt sich um eine Einschätzung der Redaktion.

Auch das Ziel der Abflüsse ist offen. Coins können in Eigenverwahrung wandern, zu Verwahrern von ETFs und Treasury-Unternehmen, zu Over-the-Counter-Desks oder schlicht in neue Wallets derselben Börse, wenn diese ihre Cold-Storage-Struktur umbaut. Ein CryptoQuant-Analyst führte den langfristigen Rückgang der Börsenbestände bereits 2025 ausdrücklich auch auf die wachsenden Verwahrbestände der ETFs zurück. Ein einzelner Tageswert von 24.000 BTC kann damit Ausdruck einer breiten Akkumulation sein, aber ebenso die Umbuchung eines einzelnen großen Marktteilnehmers.

Verwahrung rückt in den Fokus der Regulierung

Dass die Frage, wo Bitcoin liegt, an Gewicht gewinnt, zeigt die Regulierung. Die US-Börsenaufsicht SEC hat am 1. Oktober 2026 einen Regelungsvorschlag zur Verwahrung von Kryptowerten durch registrierte Anlageberater und regulierte Fonds vorgelegt (File No. S7-2026-35). Er sieht unter bestimmten Voraussetzungen Eigenverwahrung durch den Berater vor und erkennt Trust Companies mit Zulassung eines Bundesstaats als Verwahrer an. SEC-Chairman Paul Atkins spricht von einem regelkonformen Weg, „where none existed before“. Die Kommentierungsfrist endet 60 Tage nach Veröffentlichung im Federal Register. Setzt sich der Vorschlag durch, dürfte ein wachsender Teil institutioneller Bestände dauerhaft bei regulierten Verwahrern liegen. Für die Börsenstatistik bedeutet das einen strukturellen Abfluss, der mit kurzfristiger Marktstimmung wenig zu tun hat.

In Deutschland verändert eine steuerpolitische Debatte die Ausgangslage für Privatanleger. Nach Medienberichten liegt seit Anfang September ein Referentenentwurf des Bundesfinanzministeriums vor, der Gewinne aus Kryptowerten ab 2027 unabhängig von der Haltedauer den Einkünften aus Kapitalvermögen zuordnen und pauschal mit 25 Prozent besteuern will; ab 2028 sollen inländische Kryptowerte-Dienstleister die Steuer direkt einbehalten. Offiziell veröffentlicht ist der Entwurf nicht, und die Unionsfraktion hatte eine Abschaffung der einjährigen Haltefrist zuletzt abgelehnt. Ein Zusammenhang zwischen dieser Debatte und den Abflüssen vom 5. Oktober lässt sich aus den Daten nicht belegen. Wer allerdings Verwahrangebote für Privatkunden im DACH-Raum anbietet, sollte damit rechnen, dass der Ort der Verwahrung künftig steuerlich relevant wird.

Was Entscheider daraus ableiten können

Für Allokationsentscheidungen taugen Börsenflüsse als einer von mehreren Indikatoren, nicht als eigenständiges Signal. Belastbarer wird das Bild erst im Zusammenspiel mit den täglich veröffentlichten ETF-Flüssen, der Positionierung am Terminmarkt und der Entwicklung von Stablecoin-Beständen auf Börsen, die das verfügbare Kaufkapital abbilden. Ein einzelner Tageswert sollte keine Positionsänderung begründen.

Für das Risikomanagement ist die strukturelle Tendenz wichtiger als die Tageszahl. Wenn ein kleinerer Teil des Angebots unmittelbar handelbar ist, können Kursbewegungen bei geringerem Volumen stärker ausfallen, und zwar in beide Richtungen. Das betrifft Liquiditätsannahmen für Krypto-ETPs ebenso wie Stresstests für Portfolios, die Bitcoin indirekt über Treasury-Aktien oder Miner halten.

Für Produktverantwortliche und Due-Diligence-Teams gewinnt die Verwahrkette an Bedeutung. Mit dem SEC-Vorschlag wird der Kreis zulässiger Verwahrer in den USA breiter, und damit wächst die Notwendigkeit, Segregation, Insolvenzfestigkeit und Prüfungsstandards einzelner Verwahrer genau zu vergleichen. Wer On-Chain-Kennzahlen in Research, Reporting oder Vertriebsunterlagen verwendet, sollte zudem den Anbieter und dessen Definition ausweisen. Die Abweichung zwischen Santiment und CryptoQuant zeigt, dass eine Angabe ohne Quelle und Methodik keine überprüfbare Aussage ist.

Ausblick

Ob der Abfluss vom 5. Oktober der Beginn einer Akkumulationsphase ist oder ein einzelnes Verwahrungsereignis, wird sich erst in den kommenden Wochen zeigen. Aufschlussreich wird sein, ob die ETF-Abflüsse vom 7. Oktober anhalten, während die Börsenbestände weiter sinken. In diesem Fall würde sich die Nachfrage von den regulierten Fondsvehikeln hin zu direkten Beständen verschieben, was eine andere Investorenbasis nahelegt als die vergangenen zwei Jahre. Parallel entscheiden die Kommentierungsphase der SEC und das deutsche Gesetzgebungsverfahren zur Haltefrist mit darüber, wo institutionelle und private Bitcoin-Bestände künftig liegen. Die Frage nach dem Ort der Verwahrung dürfte für Allokationsentscheidungen damit relevanter werden als die nach einzelnen Tagesflüssen.

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