Sechs Banken formulieren Prinzipien für den Handel durch KI-Agenten

Digital Investing and CryptoSechs Banken formulieren Prinzipien für den Handel durch KI-Agenten

Ende September haben ASB Bank, Bank of America, Capital One, Commonwealth Bank of Australia, ING Group und NatWest Group ein gemeinsames Papier mit dem Titel „Building Trust in Agentic Commerce“ veröffentlicht. Es formuliert fünf Prinzipien für den Handel, bei dem KI-Agenten für Verbraucher und Unternehmen Produkte suchen, vergleichen und bezahlen: Transparenz, Sicherheit, Datenschutz und Datennutzung, Wahlfreiheit sowie Interoperabilität. Die Pressemitteilung der Commonwealth Bank of Australia datiert auf den 23. September 2026, die parallele Mitteilung von Bank of America auf den 22. September (US-Ostküstenzeit).

Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Nach Darstellung der Autoren ist Agentic Commerce bereits von geschlossenen Tests in Live-Piloten und erste Skalierung übergegangen, während Branchenstandards, Regeln und Verbraucherschutz noch nicht definiert sind. Die bisherige Arbeit an Protokollen sei überwiegend von Zahlungsnetzwerken und Technologieplattformen ausgegangen und habe sich auf Produktsuche, Checkout und Zahlungsautorisierung konzentriert. Ein Teil der Transaktionen läuft zudem außerhalb formaler Protokolle. Damit ist der eigentliche Anlass benannt: Die Infrastruktur für einen möglicherweise großen Zahlungsstrom entsteht gerade, und die Banken sind an ihrer Gestaltung bislang nur am Rand beteiligt.

Ein Ordnungsanspruch in der Form eines Verhaltenskodex

Das Papier ist ausdrücklich freiwillig und unverbindlich. Es schreibt weder ein Verhalten noch eine kommerzielle Position oder einen Zeitplan vor. Wer es als technischen Standard liest, unterschätzt allerdings seine Funktion. Die Kernthese dieses Beitrags lautet: Die sechs Institute nutzen das Format der Prinzipien, um ihren Platz in einer Wertschöpfungskette zu sichern, in der Agentenanbieter, Wallets und Kartennetzwerke die Schnittstellen definieren. Die entscheidenden Passagen betreffen deshalb weniger die Kundenfreundlichkeit als die Verteilung von Haftung, Datenzugang und Marktzugang.

Das zeigt sich an den konkreten Handlungsempfehlungen. Unter dem Prinzip Sicherheit verlangen die Banken, dass Zahlungsdaten und Kaufaufträge über sichere und prüfbare Verfahren eingegeben und autorisiert werden und dass jede Partei, die potenziell haftet, eine Authentifizierung verlangen kann (Empfehlung 2.3). Streitfälle sollen alle Beteiligten der Kette einbeziehen, und die Haftung soll dort liegen, wo Risiken und Fehler entstehen (2.5). Ausdrücklich beschreibt das Papier ein Defizit auf eigener Seite: Kartenausgebende und abrechnende Institute hätten oft keinen Echtzeitzugriff auf Daten zur Identität des Agenten, zum Merchant of Record, zur Kaufabsicht des Kunden und zu den Transaktionsdetails. Wer das Ausfallrisiko trägt, aber die Entscheidungsgrundlage nicht sieht, hat ein strukturelles Problem.

Ähnlich lesen sich die Abschnitte zu Daten und Wahlfreiheit. Agentenanbieter sollen prüfbare Aufzeichnungen über Kundenanweisungen, Authentifizierung, Absicht und Transaktionsentscheidungen führen (3.2), damit Betrugsermittlung und Rückabwicklung möglich bleiben. Unter Wahlfreiheit warnt das Papier vor Plattformen, die bestimmte Zahlungsmethoden am Checkout bevorzugen, den Zugang von Agenten zu Geräten oder Browsern beschränken oder Gebühren ohne nachvollziehbaren kommerziellen Grund erheben. Verbraucher und Händler sollen Dienste ohne willkürliche Vorgaben wählen können (4.1), und die Identität des Merchant of Record soll erkennbar bleiben (4.3). Beim Thema Interoperabilität plädieren die Banken für gemeinsame Schnittstellen bei Kernfunktionen und für Wettbewerb bei Zusatzdiensten (5.1). Zugleich behalten sie sich vor, selbst zu entscheiden, welche Agentendienste sie aus Sicherheits-, Wirtschaftlichkeits- oder Rechtsgründen unterstützen (4.2).

Auch die Interessenkonflikte aufseiten der Agenten spricht das Papier offen an. Agenten könnten Produkte oder Zahlungswege bevorzugen, die ihren Anbietern höhere Provisionen oder geringere Rechenkosten bringen. Deshalb sollen Kunden und Händler nachvollziehen können, wie ein Agent Optionen priorisiert, einschließlich gesponserter Angebote (1.2).

Die Zitate aus den beteiligten Häusern bestätigen diese Lesart. Mark Monaco, Head of Global Payments Solutions bei Bank of America, nennt laut Pressemitteilung Identität, Autorisierung, Betrugsprävention, Haftungsmanagement und Kundenschutz als Voraussetzungen für Vertrauen. Hans Overeem, Head of Payments der ING, betont, dass Kunden die Kontrolle behalten und verstehen müssten, was der Agent tut.

Wer am Tisch sitzt und wer nicht

Bemerkenswert ist die Zusammensetzung. Fünf der sechs Institute kommen aus den USA, Großbritannien, Australien und Neuseeland, mit der ING ist nur eine Bank aus Kontinentaleuropa beteiligt. Deutsche Institute fehlen ebenso wie die großen Kartennetzwerke und die Anbieter der KI-Assistenten selbst. Das Papier versteht sich als Auftakt und lädt andere Banken und Zahlungsdienstleister ausdrücklich zur Mitarbeit ein. Ob es zum Referenzrahmen der Branche wird oder eine Positionsbestimmung einer Bankengruppe bleibt, hängt davon ab, wer sich anschließt.

Für den europäischen Markt ist zudem der Bezug zur Regulierung zu beachten. Das Papier betont, es baue auf bestehenden Gesetzen und Standards auf und wolle sie nicht duplizieren. In der EU haben Rat und Parlament am 27. November 2025 eine vorläufige Einigung über die Zahlungsdiensteverordnung (PSR) und die dritte Zahlungsdiensterichtlinie (PSD3) erzielt. Sie sieht unter anderem den Austausch betrugsrelevanter Informationen zwischen Zahlungsdienstleistern, eine Prüfung von Empfängername und IBAN und eine Erstattungspflicht bei bestimmten Formen des Betrugs durch Identitätsvortäuschung vor. Nach unserer Einschätzung wird sich die Frage, wer haftet, wenn ein Agent seine Befugnis überschreitet, in Europa an der Unterscheidung zwischen autorisierten und nicht autorisierten Zahlungen entscheiden, die der Zahlungsverkehrsrahmen vorgibt. Eine ausdrückliche Regelung für Zahlungen, die ein KI-Agent im Auftrag eines Kunden auslöst, ist darin nach bisherigem Kenntnisstand nicht enthalten. Genau in diese Lücke zielen die Empfehlungen zu Delegationen und Authentifizierung.

Die Nachfrage ist da, das Vertrauen in die Ausführung bisher nicht

Wie groß der Markt werden kann, ist offen. McKinsey hat im Oktober 2025 geschätzt, dass Agentic Commerce bis 2030 weltweit Umsätze von 3 bis 5 Billionen US-Dollar im Konsumentenhandel steuern könnte. Es handelt sich um eine Prognose eines Beratungsunternehmens, nicht um einen Marktkonsens.

Belastbarer für den deutschsprachigen Raum ist eine Verbraucherbefragung derselben Beratung vom Dezember 2025 unter 749 Personen in Frankreich, Deutschland und Großbritannien, davon 401 in Deutschland. Danach nutzen 84 Prozent KI-Werkzeuge im Alltag und 38 Prozent zur Recherche vor Kaufentscheidungen. Am häufigsten vergleichen die Befragten Marken, Preise und Bewertungen (63 Prozent). Mit zunehmender Nähe zur eigentlichen Zahlung sinkt die Bereitschaft deutlich: Beim Befüllen des Warenkorbs, beim Checkout und bei automatischen Nachbestellungen vertrauen die Befragten dem Agenten weit weniger. Die Studie folgert, dass Verbraucher eher das Denken als die Kontrolle abgeben. Diese Beobachtung deckt sich mit der Stoßrichtung des Bankenpapiers, das widerrufbare Delegationen und nachvollziehbare Entscheidungen zur Bedingung für Vertrauen macht.

Was das für Entscheider bedeutet

Für institutionelle Investoren in Banken, Zahlungsdienstleister und Plattformunternehmen verschiebt das Papier den Blick von der Technologie auf die Ökonomie. Wenn der Zugang zum Kunden über einen Agenten läuft, steht zur Disposition, wer die Zahlungsmethode auswählt, wer die Transaktionsdaten erhält und wer im Schadensfall zahlt. Das sind die Größen, von denen Gebührenerträge und Betrugskosten im Zahlungsverkehr abhängen. Die Forderung, dass Haftung dort liegt, wo Risiken entstehen, würde bei konsequenter Umsetzung einen Teil der Kosten zu Agenten- und Plattformanbietern verlagern. Wie weit sich das durchsetzt, entscheidet sich in Protokollen, Regelwerken der Kartensysteme und Aufsichtspraxis, nicht in einem freiwilligen Papier.

Asset Manager mit Positionen in Zahlungsnetzwerken, Fintechs und großen Technologieplattformen sollten verfolgen, ob die Prinzipien in die angekündigten Umsetzungsstandards eingehen und ob Kartensysteme und Agentenanbieter sie übernehmen. Für Banken im deutschsprachigen Raum stellt sich eine strategische Frage: Wer an der Ausarbeitung nicht beteiligt ist, übernimmt später Standards, die andere gesetzt haben. Die EZB-Präsidentin Christine Lagarde hat in einer Rede vor der ESRB-Jahreskonferenz am 1. Oktober 2026 darauf hingewiesen, dass die Entwicklung der leistungsfähigsten KI-Modelle in den USA und China konzentriert ist und Europa eigene Kapazitäten braucht. Im Zahlungsverkehr stellt sich dieselbe Abhängigkeitsfrage eine Ebene tiefer, bei den Schnittstellen, über die Agenten bezahlen.

Offene Fragen

Das Konsortium kündigt ein zweites Papier an, das die Umsetzung der Prinzipien über Protokolle, Branchenstandards und Regeln beschreiben soll. Daran wird sich zeigen, ob aus den Grundsätzen prüfbare Anforderungen werden. Offen ist auch, wie mit Zahlungen zwischen Unternehmen umgegangen wird. Das Papier zählt einkaufende Unternehmen zwar zu den Verbrauchern im Sinne seiner Definition, klammert aber Kreditoren- und Debitorenprozesse sowie Zahlungen zwischen Privatpersonen ausdrücklich aus. Gerade im Firmenkundengeschäft dürfte der Einsatz von Agenten jedoch früh Bedeutung erlangen. Schließlich bleibt die Frage, ob europäische Institute und Aufsichtsbehörden den Rahmen aufgreifen oder eigene Antworten formulieren. Für Entscheider im Zahlungs- und Bankenumfeld lohnt es, die zweite Veröffentlichung und die Liste der Unterzeichner aufmerksam zu verfolgen, weil sich dort zeigt, wessen Ordnungsvorstellung sich durchsetzt. csa

* DE: Die ergänzenden Inhalte können KI-generiert sein. EN: The additional content may be AI-generated.