IWF zu tokenisierten Aktien: Handel rund um die Uhr, Preisfindung ohne Referenz

Digital Investing and CryptoIWF zu tokenisierten Aktien: Handel rund um die Uhr, Preisfindung ohne Referenz

Tokenisierte Aktien sind ein kleiner Markt mit großer Aufmerksamkeit. Börsenbetreiber, Krypto-Handelsplätze und Neobroker kündigen in kurzer Folge Angebote an, mit denen US-Aktien als Token rund um die Uhr handelbar werden sollen. In diese Dynamik fällt die erste systematische Vermessung durch eine internationale Finanzinstitution: Der Internationale Währungsfonds hat am 8. Oktober in Seoul gemeinsam mit der Bank of Korea das Kapitel „Scaling Tokenization: New Efficiencies, New Vulnerabilities“ seines Global Financial Stability Report vom Oktober 2026 vorgestellt und die Ergebnisse in einem Blogbeitrag der Autoren zusammengefasst. Der Gesamtbericht folgt am 13. Oktober zur Jahrestagung in Bangkok.

Die Befunde zu Aktien-Token sind zweischneidig, und genau darin liegt ihr Wert für institutionelle Leser. Der IWF stellt eine reale Nachfrage fest, beschreibt aber einen Markt, dessen Preisbildung größtenteils ohne Anker stattfindet. Die Leitfrage für Asset Manager und Allokatoren lautet deshalb weniger, ob tokenisierte Aktien ein interessantes Produkt sind, als vielmehr, welchem Preis man außerhalb der Börsenzeiten trauen kann.

Was der IWF gemessen hat

Den größten Teil der tokenisierten Aktivität machen nach der IWF-Analyse Repo-Geschäfte aus, mit einem durchschnittlichen Tagesvolumen von 300 bis 350 Milliarden US-Dollar. Auf tokenisierte Kreditprodukte, Geldmarktfonds, Aktien und weitere Instrumente entfallen zusammen rund 65 Milliarden US-Dollar. Den Löwenanteil stellen festverzinsliche Produkte: tokenisierte Kreditinstrumente mit etwa 30,4 Milliarden und tokenisierte Geldmarktfonds mit etwa 17,5 Milliarden US‑Dollar. Tokenisierte Aktien kommen auf rund 2,3 Milliarden US-Dollar. Zum Vergleich setzt der IWF den US-Repo-Markt mit rund 13 Billionen US-Dollar Tagesumsatz und die globalen Kapitalmärkte mit etwa 300 Billionen US-Dollar an Vermögenswerten.

Bemerkenswert ist das Handelsmuster. Mehr als die Hälfte des Handels mit tokenisierten Aktien findet außerhalb der regulären US-Börsenzeiten statt. Die Nachfrage nach Zugang rund um die Uhr sei real, so der IWF, die Herausforderung bestehe darin, Märkte zu bauen, die zugleich tief, liquide und belastbar sind. Wie weit der Weg dorthin ist, zeigen die Risikokennzahlen: Die realisierte Volatilität tokenisierter Aktien liegt nach der IWF-Analyse beim rund 1,5-Fachen der zugrunde liegenden Titel, die Liquidität ist deutlich geringer. Der IWF führt das auch auf die Fragmentierung über verschiedene Netzwerke und Handelsplätze zurück, die die Preisbildung erschwert und zu Preisabweichungen beiträgt.

Hinzu kommen zwei Strukturmerkmale. Rund 80 Prozent der untersuchten Transaktionen betrafen weniger als eine ganze Aktie, was auf ein überwiegend kleinteiliges Publikum hindeutet. Und die Emission konzentriert sich auf wenige Rechtsräume, vor allem die USA und einige große Offshore-Standorte.

Das eigentliche Problem: Preisbildung ohne Referenz

Höhere Volatilität und dünne Orderbücher sind für junge Märkte nicht ungewöhnlich. Strukturell bedeutsamer ist der Zeitpunkt, zu dem gehandelt wird. Wenn die US-Börsen geschlossen sind, fehlt ein laufend aktualisierter Referenzpreis für die zugrunde liegende Aktie. Der Tokenpreis entsteht dann aus einem kleinen Orderbuch heraus, ohne dass Anleger zuverlässig prüfen können, ob er den Wert des Unternehmens abbildet oder lediglich die Liquiditätslage auf einem einzelnen Handelsplatz.

Der IWF beobachtet allerdings auch die Gegenseite: Renditen, die sich über Nacht in den Token zeigen, finden sich kurz nach Börseneröffnung in den Preisen der Originalaktien wieder. Beide Märkte reagieren offenbar auf dieselben Informationen, die Token liefern also ein Preissignal in Phasen, in denen der regulierte Markt schweigt. Für Marktbeobachter ist das eine nützliche Information, für Investoren, die zu diesen Preisen tatsächlich handeln, ein Risiko. Beides gilt gleichzeitig, und die Ambivalenz lässt sich derzeit nicht auflösen.

Einbettung: Regulierung und Infrastruktur bewegen sich schneller als die Liquidität

Die IWF-Analyse fällt in eine Phase, in der etablierte Marktinfrastruktur in den Rund-um-die-Uhr-Handel drängt. Die SEC hat am 17. September eine befristete „Innovation Exemption“ für den Handel mit tokenisierten NMS-Aktien erlassen. Sie gilt fünf Jahre und knüpft die Erleichterungen an Bedingungen: Begrenzungen bei der Zahl der Titel und des Handelsvolumens, den Nachweis, dass die Token dieselben Rechte wie die Aktie vermitteln, und Handelsunterbrechungen im Gleichlauf mit der Heimatbörse. Ein Gemeinschaftsunternehmen von OKX und der NYSE-Mutter Intercontinental Exchange hat Berichten zufolge angezeigt, unter dieser Ausnahme mehr als 60 US-Aktien als Token gegen Stablecoins handeln zu wollen. Robinhood hat einen Handel ausgewählter US-Aktien und ETFs rund um die Uhr, einschließlich Wochenenden, angekündigt, vorbehaltlich regulatorischer Prüfung und ohne festen Starttermin.

In Europa ordnet die ESMA die Entwicklung ähnlich ein. In ihrem Trends, Risks and Vulnerabilities Report Nr. 2/2026 vom 10. September beschreibt sie die Tokenisierung von Aktien als frühes Stadium mit zunehmender Dynamik und widmet ihr ein eigenes Vertiefungskapitel. Zugleich nennt die Behörde in ihrer Mitteilung zum Bericht die wachsende Verbindung zwischen zunehmend anfälligen Kryptomärkten und dem übrigen Finanzsystem als Risiko, das genau beobachtet werden müsse.

Der IWF selbst ordnet Tokenisierung seit dem Frühjahr als strukturelle Verschiebung ein. Bereits in der Note „Tokenized Finance“ vom April 2026 argumentierte Finanzberater Tobias Adrian, dass sich Risiken vom Bankensystem in Richtung Ledger, Smart Contracts und Dienstleister verlagern. Eine aktuelle Studie des Psaros Center der Georgetown University kommt für tokenisierte Staatsanleihen zu einem verwandten Befund: Tokenisierung ersetzt die bestehende Infrastruktur nicht, sie legt eine programmierbare Schicht darüber, deren Mehrwert von Verwahrung, Rücknahme und Insolvenzbehandlung im Hintergrund abhängt.

Was daraus für Entscheider folgt

Für Asset Manager, die tokenisierte Aktien prüfen oder in Produkten abbilden wollen, ergeben sich aus dem IWF-Befund vier praktische Fragen. Die erste betrifft die Bewertung: Welcher Preis gilt für eine Position, die nachts gehandelt wurde, und wie fügt sich das in bestehende Fair-Value- und NAV-Prozesse ein? Ohne Referenzkurs lässt sich ein nächtlicher Tokenpreis kaum als belastbare Bewertungsgrundlage verwenden.

Die zweite Frage betrifft Ausführung und Ausstieg. Eine anderthalbfache Volatilität bei geringerer Markttiefe bedeutet, dass größere Orders den Preis spürbar bewegen. Was im Handel mit Bruchstücken funktioniert, skaliert nicht automatisch auf institutionelle Volumina, und die Anforderungen an Best Execution lassen sich auf fragmentierten Handelsplätzen nur mit erheblichem Aufwand belegen.

Die dritte Frage ist rechtlicher Natur. Entscheidend ist, ob ein Token Eigentum an der Aktie vermittelt oder lediglich einen Anspruch gegen einen Emittenten, der die Aktie verwahrt. Dass die SEC den Nachweis gleicher Rechte zur Bedingung ihrer Ausnahme macht, zeigt, wie wenig selbstverständlich das bislang ist. Im zweiten Fall tritt zum Marktrisiko ein Emittenten- und Verwahrrisiko, und eine Emission, die sich auf wenige Anbieter und Offshore-Standorte konzentriert, verkleinert dieses Risiko nicht.

Die vierte Frage ist die nach dem Systemzusammenhang. IWF und ESMA argumentieren übereinstimmend, dass die Risiken heute begrenzt sind, mit wachsender Verflechtung aber schneller übertragen werden können. Wer tokenisierte Aktien als Sicherheiten akzeptiert oder in Liquiditätsplanungen einbezieht, übernimmt diese Übertragungswege mit.

Ausblick

Der IWF macht das Potenzial tokenisierter Märkte in seinem Fazit an rechtlicher und regulatorischer Klarheit fest, ergänzt um Interoperabilität, geeignete Abwicklungsmittel und Schutzmechanismen für die Finanzstabilität. Für den Aktienteil des Markts bedeutet das konkret: Solange der Rund-um-die-Uhr-Handel an Basiswerte gekoppelt ist, deren Heimatbörse nur einen Teil des Tages geöffnet hat, bleibt die Preisfindung in den übrigen Stunden ein Feld mit eingeschränkter Aussagekraft. Offen ist, ob die angekündigten Angebote großer Börsenbetreiber genügend Liquidität bündeln, um daran etwas zu ändern, oder ob sie die Fragmentierung, die der IWF beschreibt, zunächst verstärken. Die Antwort wird sich an den Kennzahlen ablesen lassen, die der IWF jetzt erstmals vorgelegt hat. csa

* DE: Die ergänzenden Inhalte können KI-generiert sein. EN: The additional content may be AI-generated.