Relative Chancen an den Anleihemärkten
Die internationalen Anleihemärkte zeigen aktuell eine Verschiebung der relativen Chancen. Während hohe Staatsverschuldung, anhaltende Inflation und steigende Finanzierungskosten viele Industrieländer belasten, haben zahlreiche Schwellenländer ihre geldpolitischen Rahmenbedingungen und lokalen Kapitalmärkte verbessert. Dies rückt Staatsanleihen von Schwellenländern in lokaler Währung bei entsprechender Risikobereitschaft stärker in den Fokus internationaler Anleger.
Aktuelle Marktentwicklungen
Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen erreichte Anfang Oktober kurzfristig über 5,3 Prozent, was den höchsten Stand seit 2002 markiert. Ursachen hierfür sind neben der hartnäckigen Inflation auch hohe Emissionsvolumina und wachsende Sorgen um die US-Staatsfinanzen. Das Haushaltsjahr 2026 endete mit einem Defizit von knapp zwei Billionen Dollar. Gleichzeitig verzeichneten Schwellenländeranleihefonds in den ersten neun Monaten des Jahres höhere Mittelzuflüsse als im gesamten Vorjahr, insbesondere in Lokalwährungsanleihen. Dies deutet auf eine Neubewertung der Chancen unter Berücksichtigung der Risiken hin.
Anlagetreiber bei Schwellenländeranleihen
Für Lokalwährungsanleihen aus Schwellenländern sind drei Faktoren entscheidend: laufender Zinsertrag, mögliche Kursgewinne durch sinkende lokale Zinsen sowie die Entwicklung der jeweiligen Währungen. Der vergleichsweise hohe laufende Zinsertrag bietet einen Puffer gegenüber moderaten Zins- und Währungsschwankungen, wobei entscheidend ist, ob dieser eine solide Geld- und Fiskalpolitik widerspiegelt oder nur hohe Risiken kompensiert.
Kursgewinne sind möglich, wenn lokale Inflationsraten zurückgehen und Zentralbanken die Geldpolitik lockern. Viele Schwellenländer reagierten früh und entschieden auf Inflationsanstiege, wodurch sich die Voraussetzungen für sinkende lokale Zinsen verbessert haben.
Die lokale Währung lädt als dritter Faktor zur Rendite bei. Eine stabile oder aufwertende Währung verstärkt Erträge, während eine deutliche Abwertung diese mindern kann. Einige Schwellenländerwährungen erscheinen historisch günstig bewertet, unterstützt durch hohe Realzinsen und verbesserte Außenbilanzen; eine dauerhafte Aufwertung ist jedoch nicht garantiert.
Herausforderungen und Chancen im aktuellen Umfeld
Das kurzfristige Währungsumfeld bleibt herausfordernd. Der US-Dollar erholte sich seit Spätsommer, die US-Notenbank beließ den Leitzins Ende Oktober unverändert, wobei die Option auf weitere Straffungen offen bleibt.
Die Renditen breit diversifizierter Lokalwährungsanleihen aus Schwellenländern liegen je nach Index und Laufzeit gegenwärtig im mittleren bis höheren einstelligen Bereich. Die Unterschiede zwischen den Ländern sind erheblich, wobei hohe Nominalrenditen sowohl attraktive Realerträge als auch höhere Risiken in Bezug auf Fiskal- oder Inflationsprobleme sowie Währungsstabilität signalisieren können.
Verbesserte Institutionelle Rahmenbedingungen
Im Durchschnitt haben sich die institutionellen Rahmenbedingungen und Kreditqualitäten zahlreicher Schwellenländer in den letzten zwei Jahrzehnten verbessert, während sich die Fiskalkennzahlen einiger Industrieländer verschlechterten. Die klassische Trennung zwischen als „sicher“ geltenden Industrieländern und als „riskant“ eingestuften Schwellenländern ist deshalb weniger klar.
Schwellenländer bilden jedoch keinen homogenen Block. Sie erstrecken sich von China über Indien, Indonesien und Polen bis nach Südafrika, Chile und Brasilien. Die Auswahl geeigneter Investitionsmöglichkeiten sollte folgende Kriterien berücksichtigen:
- Glaubwürdige Geldpolitik
- Attraktive Realrendite
- Tiefer heimischer Kapitalmarkt
- Solide Außenbilanz
- Tragfähige Staatsfinanzen
Auch die Rolle als Rohstoffexporteur oder -importeur ist im aktuellen Energieumfeld von Bedeutung.
Diversifikation und Portfolioimplikationen
Viele Schwellenländer verfügen heute über glaubwürdigere Zentralbanken und tiefere Kapitalmärkte. Größere Länder finanzieren sich vermehrt in eigener Währung über eine breit gefächerte heimische Investorenbasis, was ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber globalen Schocks erhöht. Die lokale Zins- und Währungsentwicklung ist jedoch oft unabhängiger von der in Europa oder den USA, was eine wertvolle Diversifikation im Portfolio bieten kann.
Eine solche Beimischung ist kein pauschales Investmentangebot für alle Schwellenländeranleihen, sondern erfordert eine selektive Auswahl auf Basis politischer, wirtschaftlicher und marktbezogener Kriterien. Richtig gewählt, können Lokalwährungsanleihen zusätzliche laufende Erträge liefern und die Abhängigkeit des Portfolios von einzelnen Zins- und Konjunkturzyklen reduzieren.
Diese Anlageklasse kann insbesondere für vermögensverwaltende Portfolios interessant sein, die zu stark auf europäische und US-amerikanische Zinsmärkte ausgerichtet sind. Unterschiedliche Risikoszenarien wie erneuter Inflationsdruck oder divergierende geldpolitische Zyklen könnten lokale Schwellenländermärkte weniger oder später treffen.
Die günstigere Korrelationsstruktur im Vergleich zu breiten europäischen und US-amerikanischen Staatsanleihemärkten kann helfen, die Robustheit eines breit diversifizierten Anleiheportfolios zu erhöhen. Dennoch sind Korrelationen nicht konstant; in Stressphasen können Risikoanlagen gleichzeitig unter Druck geraten. Währungs-, Länder- und Liquiditätsrisiken bleiben wesentliche Faktoren in der Anlageentscheidung.
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