Finanzkommunikation arbeitet seit Jahrzehnten mit denselben Werkzeugen: Tabelle, Linienchart, Folie. Sie sind präzise, aber sie verlangen vom Gegenüber, eine Abstraktion im Kopf zurück in einen Zusammenhang zu übersetzen. Bei einer Zinsstrukturkurve, die sich über Laufzeiten und Jahre zugleich verändert, gelingt das selbst erfahrenen Investoren nur mit Mühe. Das Immersive Finance Forum (iff) hat am Abend des 13. Oktober 2026 eine einfache Frage gestellt: Was ändert sich, wenn Kunden und Investoren eine Zinskurve nicht mehr auf einer Folie ansehen, sondern gemeinsam auf ihr stehen?
Der Vortrag „Märkte begehen, Fondsgeschichten erzählen“ fand vollständig in Arthur statt, einer Plattform für virtuelle Zusammenarbeit auf der Meta Quest. Geplant war eine gute Stunde, tatsächlich blieben die Teilnehmer von 18:30 bis 20:10 Uhr im Raum, und jeder Punkt der Präsentation wurde besprochen. Zur Einordnung: altii stellt die Technik hinter dem iff, Referent war Christian Salow, Geschäftsführer der altii GmbH. Partner des Forums sind neben altii: Alice to Bob (Gerals Kottmann), Rating Evidence (Dr. Oliver Everling) und WeAre3D (Christian Spiekermann); Arthur stellt den Raum.
Vier Landschaften für vier Arten von Marktdaten
Der erste Teil galt der Frage, welche Daten sich überhaupt für einen begehbaren Raum eignen. Das Auswahlkriterium war knapp: eine Dauer, die man abgehen kann, eine Höhe, neben der man steht, und eine dritte Achse, die auf Papier nur noch als Farbe erscheint. Vier Modelle erfüllen es, und die Teilnehmer teleportierten zu jedem von ihnen und klickten sich die erläuternde Präsentation am Modell selbst weiter.
Das Zinsgebirge zeigt die Renditen europäischer Staatsanleihen auf Basis der Zinsstrukturkurven der EZB, täglich fortgeschrieben. Drei Formationen tragen die Geschichte der vergangenen Jahre: das Plateau unter null am kurzen Ende bis 2021, die steile Wand des Inflationsschocks 2022 und der geneigte Boden der Inversion, dessen Länge zugleich ihre Dauer ist. Elf Tafeln markieren die Ereignisse dazwischen. Wer intern oder gegenüber Kunden erklären muss, was 2022 mit Anleiheportfolios geschehen ist, hat hier ein Bild, das ohne Achsenbeschriftung auskommt.

Das Creditgebirge überträgt dieselbe Idee auf Kreditaufschläge nach Ratingstufen. Wer von AAA nach CCC geht, spürt, wo der Boden steil wird; die Farbe zeigt die Dispersion, also den Abstand der schlechtesten zur besten Stufe, die in Krisen mitsteigt. Das Volagebirge ist dagegen eine Momentaufnahme: ein Snapshot der Optionsbörse Deribit vom 22. September 2026 mit Moneyness und Restlaufzeit als Grundfläche, der impliziten Volatilität als Höhe und dem Open Interest als Farbe. Die eigentliche Aussage steckt in der Farbe. Von den Punkten im obersten Zehntel der Volatilität liegen nur 7,8 Prozent auch im obersten Zehntel des Open Interest; wo die Preise am höchsten sind, wird also nicht unbedingt gehandelt.
Die Erwartungslandschaft blickt schließlich nach vorn: Sie zeigt, was der Markt erwartet. Dazu bildet sie risikoneutrale Dichten ab, wie sie sich nach dem Verfahren von Breeden und Litzenberger (1978) aus Optionspreisen ableiten lassen, über die Restlaufzeit gestaffelt. Der Berg der Erwartung wird mit wachsender Laufzeit flacher und breiter. Was im Lehrbuch eine Formel ist, wird im Raum zu einer Form, an der man die zunehmende Unsicherheit ablesen kann.
Architektur als Zeitachse: die Fonds-Helix
Der zweite Teil verlagerte den Blick von Marktdaten auf die Geschichte eines Fonds. Die Fonds-Helix ist ein begehbares Spiralgebäude, in dem der Weg nach oben die Zeit ist. Das Beispiel des Abends war ein erfundener Fonds in realen Märkten: elf Jahre, 24 Meter je Jahr, drei Windungen. Innen stehen dreizehn Meilensteine des Hauses, von der Auflage über das erste Rating bis zu Abflüssen und der ersten Milliarde. Außen stehen einundzwanzig Marktereignisse, etwa der Brexit, der März 2020 oder die Zinswende. Beide Tafeln stehen am selben Datum einander gegenüber.
Diese Trennung von Eigenem und Widerfahrenem ist der Kern des Formats. Eine Fondsgeschichte auf Folien behauptet Wachstum, in der Helix geht man es ab: Die Marken für das verwaltete Vermögen stehen am Geländer dort, wo der Fonds die jeweilige Schwelle erreicht hat. Zwischen Auflage und den ersten hundert Millionen liegen im Beispiel achtzehn Meter, zwischen der ersten Milliarde und heute zweiundfünfzig. Die Gruppe ist den Weg gemeinsam gegangen und hat an der Auflage, an der ersten Milliarde und an einem Krisenjahr angehalten. Als Anlässe für eine solche Helix kamen im Gespräch Investorentage, Fondsjubiläen und Messestände zur Sprache. Für einen bestehenden Fonds lässt sich das Gebäude nach Angaben von altii innerhalb weniger Tage mit realen Daten füllen; bis zu 36 Gäste können es gleichzeitig begehen, in Arthur oder in RAUM.
Der Helikoid: siebzehn Arten, eine Präsentation in einen Raum zu verwandeln
Am stärksten wirkte an diesem Abend ein Modell, das selbst über Präsentationsformen spricht. Der Helikoid ist eine Ausstellung auf einer Wendelfläche: Jede Tafel steht auf einer eigenen Plattform, die Spirale führt nach oben. Auf zwanzig Tafeln stellt er siebzehn Architekturen vor, mit denen aus einer Folge von Folien ein Ort werden kann. Damit beantwortet er die Frage, die nach Zinsgebirge und Fonds-Helix naheliegt: Welche Raumform passt zu welchem Inhalt?
Jede Form wird an denselben vier Maßstäben gemessen, die auf jeder Tafel unten an derselben Stelle stehen. Bewegung fragt, was die Besucher weiterträgt, ob sie gehen, springen oder gefahren werden. Ordnung fragt, wie viel Freiheit die Reihenfolge lässt. Wachstum fragt, in welche Richtung das Gebäude mit zusätzlichen Folien größer wird: in die Höhe, in die Länge oder in die Fläche. Gruppe fragt, ob eine Gruppe von acht Personen darin gemeinsam Platz findet. Zu jeder Form nennt die Tafel eine Stärke und einen Preis, und gerade diese nüchterne Gegenüberstellung hat die Diskussion getragen.
Die Wegformen ordnen Inhalte in eine feste Abfolge. Der Helikoid selbst macht Fortschritt in Metern messbar, kennt aber keinen Weg zurück und keinen Vergleich. Die Doppelhelix legt zwei Lesarten nebeneinander, dafür bleibt die Hälfte der Ausstellung ungesehen. Die Kolonnade erlaubt den Vergleich durch einfaches Umdrehen, doch zwanzig Folien ergeben eine siebzig Meter lange Halle. Die Zikkurat widmet jedem Kapitel eine Terrasse, sodass die Struktur zur Silhouette wird, macht aber ungleich lange Kapitel unbarmherzig sichtbar. Die Zeitachse lässt den Abstand zwischen zwei Tafeln eine Zahl tragen und taugt deshalb nur für Inhalte mit Maßstab. Enfilade, Krater und innerer Turm variieren das Prinzip mit Raumfolgen, abwärts führenden Spiralen und einem Kern, an dem die Folien hängen.
Die Ortsformen verzichten auf einen vorgegebenen Weg. Das Amphitheater zeigt alle Folien zugleich und schafft Überblick, verliert aber jede Dramaturgie. Hub and Spokes wird zum Inhaltsverzeichnis mit einem Pfad je Thema, und das Datenrelief macht den Boden selbst zur Datenreihe, auf der die Tafeln stehen. Dazu kommen die Sprungform der Trittsteine, die Beziehungen zwischen Inhalten zeigt und mit der Sprungweite im Headset steht und fällt, sowie vier bewegte Formen: Karussell, Aufzug, Paternoster und Uhrwerk, bei denen die Gäste stehen bleiben und die Folien sich bewegen. Ihr Preis ist ein Tempo, das in Beton gegossen ist. Wer beim Paternoster eine Frage stellt, verliert zwei Folien.
Bemerkenswert war die Offenheit, mit der der Helikoid seine eigenen Grenzen benennt. Die letzte Tafel nennt zwei Messungen, die über fünf der siebzehn Formen entscheiden: ob sich Animationen in Arthur zuverlässig abspielen lassen und wie weit Teleportsprünge im Headset tatsächlich reichen. Als nächste Schritte stehen ein Schrittmacher, ein Lichtbogen, der im Takt des Vortrags die Helix hinaufwandert, und der Krater als Variante des bestehenden Gebäudes an.
Was das für Anbieter von Finanzkommunikation bedeutet
Für Asset Manager und Vermögensverwalter liegt die Relevanz weniger in der Technik als in der Wahl der Form. Ein Raum erzählt immer mit: Eine Spirale behauptet Entwicklung, ein Amphitheater Gleichrangigkeit, eine Zeitachse Proportion. Wer eine Fondsgeschichte, einen Marktausblick oder eine Produktpalette räumlich zeigt, trifft damit eine inhaltliche Aussage, bevor das erste Wort fällt. Der Helikoid liefert dafür ein Raster, mit dem sich diese Entscheidung bewusst treffen lässt, statt sie dem Zufall oder der Vorliebe eines Gestalters zu überlassen.
Offen bleibt, wie gut solche Formate jenseits einer technikaffinen Runde funktionieren. Die Hürde des Headsets ist real, und die Akkulaufzeit setzte auch an diesem Abend die Grenze des Programms. Für Investorentage, Vertriebsschulungen und Gespräche mit Kunden, die komplexe Zusammenhänge verstehen müssen, zeigte der Abend aber, dass der Raum mehr leisten kann als eine weitere Folie. Wer eigene Objekte für virtuelle Räume benötigt, kann das von altii vorgestellte Angebot Spatial Forge in einer geschlossenen Testphase für Unternehmen erproben.
Das nächste große Treffen der XR-Szene ist IMMERSIVE X, das Global XR Festival in VR, vom 10. bis 12. November 2026 unter dem Motto „Reclaim the Future“. Termine und Anmeldung für die kommenden Sitzungen des Immersive Finance Forum finden sich auf immersive-finance-forum.de. csa
Bilder: Dr. Oliver Everling, Mitinitiator des iff
* DE: Die ergänzenden Inhalte können KI-generiert sein. EN: The additional content may be AI-generated.