Einer der häufigsten Fehler im Portfoliomanagement besteht darin, kurzfristige taktische Portfolioanpassungen mit einer strategischen Änderung der Sichtweise zu verwechseln. Es ist vollkommen legitim, wenn Anleger den langfristigen, strukturellen Fall für Aktien weiterhin positiv bewerten, während sie in den kommenden Quartalen etwas selektiver vorgehen.
Die langfristigen Argumente für Aktien bleiben überzeugend. Jeremy Siegels bekannte Feststellung, wonach Aktien historisch langfristig überdurchschnittliche Realerträge von 6,5 bis 7 Prozent erzielt haben, gilt nach wie vor als eines der prägenden Prinzipien der Kapitalanlage. Die sogenannte „Siegel-Konstante“ spiegelt die bemerkenswerte Beständigkeit langfristiger Aktienrenditen wider – trotz Kriegen, Rezessionen, Inflationsschocks, politischen Umbrüchen und zahlreichen Marktkrisen.
Dass Aktien langfristig zu den attraktivsten Quellen für Vermögensaufbau zählen, bedeutet jedoch nicht, dass Anleger Bewertungen, Marktstimmung oder Positionierung ignorieren sollten. Da sich zudem nicht im Voraus bestimmen lässt, wann eine Aktien-„Ära“ enden könnte, kann es sinnvoll sein, auf dem Weg dorthin teilweise Gewinne mitzunehmen.
Das Risiko-Ertrags-Verhältnis hat sich verschoben
Aktuell gibt es Anzeichen dafür, dass sich eine gewisse Überbegeisterung in den Marktpreisen widerspiegeln könnte. Die Fundamentaldaten der Unternehmen erscheinen mit Blick auf die Berichtssaison für das zweite Quartal in den USA zwar weiterhin solide. So meldeten sowohl Microsoft als auch Alphabet erhebliche Auftragsbestände für ihre Cloud-Computing-Dienstleistungen. Einige Bewertungskennzahlen deuten jedoch auf ein weniger großzügiges künftiges Renditeumfeld hin, als es Anleger in den vergangenen Jahren erlebt haben.
Ein nützlicher Indikator ist das zyklisch bereinigte Kurs-Gewinn-Verhältnis nach Shiller (CAPE). Es glättet die inflationsbereinigten Unternehmensgewinne über zehn Jahre und reduziert damit den Einfluss von Konjunkturzyklen. Historisch gingen erhöhte CAPE-Werte wie der heutige Wert von 41x mit niedrigeren Renditen des S&P 500 in den folgenden zehn Jahren einher, auch wenn der Indikator kein verlässliches Instrument für kurzfristiges Markt-Timing darstellt.
Hohe Bewertungen sagen somit nicht voraus, wann es zu einer Korrektur kommt, können aber Hinweise auf die langfristigen Renditeerwartungen geben. Dies spricht dafür, die Größe der Aktienallokation innerhalb eines Multi-Asset-Portfolios zu überprüfen.
Eine moderate Reduktion des Aktienengagements nach einer starken Rallye ist daher weniger als Markt-Timing zu verstehen denn als solides Portfoliomanagement.
Enge Kreditspreads begrenzen das Renditepotenzial
Auch die Kreditspreads – also die zusätzliche Rendite von Unternehmensanleihen gegenüber Staatsanleihen – sind im historischen Vergleich weiterhin eng. Zwar bleiben die Fundamentaldaten der Unternehmen insgesamt günstig. Anleger werden für zusätzliches Kreditrisiko derzeit jedoch nur begrenzt entschädigt. So liegt der durchschnittliche Spread des Bloomberg US Liquid Investment Grade per 18. August bei lediglich 0,9 Prozent.
Vor diesem Hintergrund erscheint auch eine moderate Reduktion des Engagements in Anleihen mit geringerer Bonität sinnvoll, insbesondere dann, wenn es darum geht, Flexibilität zu wahren und nicht eine ausgeprägte makroökonomische Positionierung einzugehen.
Insgesamt bedeuten solche Maßnahmen eine moderate Straffung des Gesamtrisikoengagements, nicht aber einen grundsätzlichen Rückzug aus Risikoanlagen. Nach der starken Rallye bei Aktien und Unternehmensanleihen erscheint eine Wiederholung der jüngsten Gewinne zunehmend weniger wahrscheinlich.
Mit Blick auf das vierte Quartal gibt es zudem Gründe für die Annahme, dass das Marktumfeld unruhiger werden könnte. Die Bewertungen sind nach mehreren Maßstäben hoch, der Krieg im Iran bleibt eine bedeutende Quelle der Unsicherheit, und auch die Inflations- und Zinsaussichten sind angesichts hoher Ölpreise und einer reaktiveren US-Notenbank ungewiss.
Bargeld ist nicht die einzige Alternative zu Aktien
Damit stellt sich die Frage, welche Alternativen Anlegern offenstehen. Die ermutigende Nachricht: Sie sind nicht gezwungen, realisierte Gewinne unproduktiv in Bargeld zu halten.
Kurzfristige Anleihen bieten heute beispielsweise Renditen, die sowohl absolut als auch im historischen Vergleich attraktiv sind. Anleger in US-Dollar und Pfund Sterling profitieren von Renditen von 3,7 Prozent beziehungsweise 3,9 Prozent und damit in beiden Fällen von Renditen oberhalb der Inflation.
Die Umschichtung eines Teils der Gewinne aus Aktien, Kreditprodukten und Anlagen mit längerer Duration in hochwertige kurzfristige festverzinsliche Wertpapiere kann attraktive Realerträge mit Liquidität und geringerer Portfoliovolatilität verbinden. Zugleich bleibt die Flexibilität erhalten, bei künftig attraktiveren Einstiegspunkten das Aktienengagement wieder auszubauen.
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