Brasilien vor der Stichwahl: Was die Märkte bereits eingepreist haben

Markets and NewsBrasilien vor der Stichwahl: Was die Märkte bereits eingepreist haben

Die erste Runde der brasilianischen Präsidentschaftswahl am 4. Oktober hat die Umfragen deutlich verfehlt. Senator Flávio Bolsonaro von der Partido Liberal (PL) kam auf 47,03 Prozent der gültigen Stimmen, Amtsinhaber Luiz Inácio Lula da Silva auf 45,16 Prozent. Die letzten Erhebungen von Datafolha und Quaest hatten Lula noch mit rund drei Punkten vorn gesehen. Da keiner der beiden die absolute Mehrheit erreichte, entscheidet am 25. Oktober eine Stichwahl.

Die Märkte haben am Montag darauf mit einer Bewegung reagiert, die in dieser Größenordnung selten ist. Der Ibovespa stieg um 7,7 Prozent auf ein Rekordhoch von 206.912 Punkten und schloss damit erstmals über der Marke von 200.000. Der Real wertete gegenüber dem US-Dollar um 4,1 Prozent auf knapp 5,00 auf. Getragen wurde die Rally von binnenwirtschaftlich orientierten Titeln: Bradesco legte 13,6 Prozent zu, Banco do Brasil 11,0 Prozent und Itaú Unibanco 10,4 Prozent. Exporteure wie Suzano und Embraer gaben dagegen nach, weil ein stärkerer Real ihre Dollarerlöse schmälert. Auf den Prognoseplattformen Polymarket und Kalshi lag die implizite Siegwahrscheinlichkeit für Flávio Bolsonaro zum Handelsschluss bei 82 bis 84 Prozent (Rio Times, Stand 5. Oktober).

Diese Bewertung beruht auf drei Annahmen zugleich: dass Flávio Bolsonaro die Stichwahl gewinnt, dass seine Regierung den Haushalt glaubwürdig konsolidiert und dass ihr dafür eine ungewöhnlich günstige institutionelle Konstellation zur Verfügung steht. Für institutionelle Investoren lohnt es sich, jede dieser Annahmen einzeln zu prüfen, denn jede hat ihre eigene Unsicherheit.

Der Senat als die eigentliche Nachricht des Wahlabends

Mehrere Asset Manager haben in ihren ersten Kommentaren den Blick vom Präsidentschaftsrennen auf den Kongress gelenkt. Thierry Larose, Portfoliomanager bei Vontobel, bezeichnet die Zusammensetzung des Senats in einem Marktkommentar vom 5. Oktober als das wohl wichtigste Ergebnis des Abends. Die PL wird ab Februar 2027 über 28 der 81 Sitze verfügen, gegenüber derzeit 15. Zusammen mit ihren engsten Verbündeten kommt die Rechte nach Vontobels Rechnung auf 41 Stimmen, also die absolute Mehrheit. Diese Schwelle entscheidet über die Wahl des Senatspräsidenten und über die Bestätigung von Richtern am Obersten Gerichtshof (STF).

Das Gewicht dieser Mehrheit ergibt sich aus dem Kalender des Gerichts. Ein Sitz ist seit Oktober 2025 vakant, nachdem der Senat Lulas Kandidaten im April abgelehnt hatte. Drei weitere Richter erreichen zwischen 2028 und 2030 die Altersgrenze. Der nächste Präsident könnte damit bis zu vier der elf Richter ernennen. Da sechs der zehn amtierenden Richter von PT-Regierungen berufen wurden, würde sich das Kräfteverhältnis im Gericht unter einer Präsidentschaft Flávio Bolsonaros nach rechts verschieben. Auch in der Abgeordnetenkammer stellt die PL mit 121 Sitzen künftig die größte Fraktion (Americas Quarterly), und in den Gouverneurswahlen gewannen Kandidaten des rechten und mitte-rechten Spektrums bereits in der ersten Runde die bevölkerungsreichsten Bundesstaaten São Paulo und Minas Gerais. csa

Für Larose ist diese Konstellation der Grund, warum die positive Marktreaktion länger tragen könnte als die übliche Schonfrist einer neuen Regierung, vorausgesetzt, die angekündigte Haushaltskonsolidierung erweist sich als glaubwürdig. An dieser Voraussetzung hängt die gesamte These.

Wie belastbar ist die Fiskalwende?

Der Ausgangspunkt ist ungünstig. Die Bruttostaatsverschuldung liegt bei rund 82,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und ist in Lulas laufender Amtszeit um etwa zehn Prozentpunkte gestiegen. Das nominale Defizit beträgt 9,3 Prozent des BIP und damit deutlich mehr als der vom IWF ausgewiesene Durchschnitt der Schwellenländer von 5,8 Prozent. Zinszahlungen sind inzwischen der größte Treiber des Haushalts (Reuters via Investing.com). Der Leitzins Selic liegt nach mehreren Senkungen in diesem Jahr noch bei 13,75 Prozent (Stand: September 2026).

Flávio Bolsonaros Lager verspricht eine Anpassung um 1,5 Prozent des BIP innerhalb von 18 Monaten und einen neuen, in der Verfassung verankerten Fiskalrahmen. Sein wirtschaftspolitischer Berater Adolfo Sachsida, unter Jair Bolsonaro Minister für Bergbau und Energie, kündigte im August eine Schuldenobergrenze von etwa 65 Prozent des BIP an, bei deren Überschreiten automatisch Ausgabenkürzungen greifen sollen (Al Jazeera). Das Vorbild ist die Ausgabenobergrenze, die Michel Temer 2016 einführte und die Lula 2023 durch einen flexibleren Rahmen ersetzte.

Gleichzeitig stellt das Programm Steuersenkungen in Aussicht. Alessandra Ribeiro von der Beratungsgesellschaft Tendências sieht darin ein „erhebliches Enttäuschungsrisiko“ und rechnet allenfalls mit einer moderaten Stabilisierung der Schuldenquote. Thomas Haugaard, Portfoliomanager für Schwellenländeranleihen in Hartwährung bei Janus Henderson, weist darauf hin, dass konkrete fiskalische Vorschläge bislang dünn seien (Aktiencheck). Den strukturellen Kern des Problems sprechen beide Kandidaten nicht an: Die gesetzlich gebundenen Ausgaben, vor allem Renten und Sozialleistungen, wachsen schneller als der Haushalt und lassen kaum Spielraum für Konsolidierung über die Ausgabenseite.

Für die Marktreaktion ist diese Lücke entscheidend. Die Rally bei Banken und Binnenwerten nimmt implizit vorweg, dass eine glaubwürdige Konsolidierung der Zentralbank Raum für weitere Zinssenkungen verschafft. Bleiben die Ankündigungen nach der Amtsübernahme im Januar vage, fehlt dieser Erwartung die Grundlage.

Politische Geschlossenheit als Governance-Frage

Eine Regierung, die Exekutive, Senat und mittelfristig auch das Oberste Gericht auf ihrer Seite hat, kann Reformen schneller durchsetzen. Das ist der Teil der Konstellation, den die Märkte am Montag honoriert haben. Für institutionelle Investoren hat sie eine zweite Seite, die in den bisherigen Marktkommentaren kaum vorkommt: Mit der politischen Angleichung der Gewalten nimmt die gegenseitige Kontrolle ab.

Das ist in Brasilien keine abstrakte Überlegung. Jair Bolsonaro ist seit 2023 nicht wählbar und wurde 2025 wegen des Putschversuchs nach der Wahl 2022 verurteilt und inhaftiert. Brian Winter, Chefredakteur von Americas Quarterly, nennt als mögliche Vorhaben einer Regierung Flávio Bolsonaros die Amtsenthebung von Richtern des Obersten Gerichtshofs und eine Amnestie für den Vater. Ob und in welcher Form solche Vorhaben umgesetzt würden, ist offen. Für Anleger mit ESG-Mandaten, für die Länderbewertung in Staatsanleiheportfolios und für die Einschätzung der Rechtssicherheit bei Direktinvestitionen sind sie dennoch relevante Variablen. Ratingagenturen und Governance-Indikatoren gewichten die Unabhängigkeit der Justiz ausdrücklich. Eine Rally, die auf institutioneller Geschlossenheit beruht, enthält damit ein Risiko, das sich erst mit Verzögerung in Bewertungen niederschlägt.

Was bis zum 25. Oktober offen ist

Der Abstand zwischen beiden Kandidaten beträgt 1,87 Prozentpunkte. Die vier bestplatzierten ausgeschiedenen Kandidaten kamen zusammen auf rund 9,1 Millionen Stimmen, etwa das Vierfache dieses Abstands. Keiner von ihnen hat bislang eine Wahlempfehlung abgegeben: Die PSD von Ronaldo Caiado hat sich für neutral erklärt, Romeu Zema lehnt die PT ab, ohne Flávio Bolsonaro formell zu unterstützen (Rio Times). Hinzu kommt eine Wahlenthaltung von 21,08 Prozent, der höchste Wert seit 1998. Wie gut beide Lager diese Nichtwähler mobilisieren, dürfte über die Stichwahl ebenso entscheiden wie die Stimmen der Ausgeschiedenen.

Der politische Analyst Rafael Favetti hält es zudem für möglich, dass Proteststimmen Flávio Bolsonaros Unterstützung in die erste Runde vorgezogen haben, die sonst erst in der Stichwahl hinzugekommen wäre (Al Jazeera). Sein Wachstumspotenzial wäre dann geringer, als das Ergebnis der ersten Runde nahelegt. Die Mehrheit der Beobachter sieht ihn dennoch klar als Favoriten.

Implikationen für Allokatoren

Bei einer eingepreisten Siegwahrscheinlichkeit von über 80 Prozent ist das Chance-Risiko-Profil bis zum 25. Oktober asymmetrisch. Ein Sieg Flávio Bolsonaros ist weitgehend in den Kursen enthalten, ein Sieg Lulas wäre es nicht. Lula stünde in diesem Fall zudem einem Kongress gegenüber, der ihm deutlich feindlicher gesinnt wäre als bisher, was die Reaktion auf eine Überraschung eher verstärken als dämpfen dürfte.

Für Portfolios mit Schwellenländerallokation folgen daraus mehrere Prüfpunkte. Die Rally war sektoral ungleich verteilt: Finanzwerte und Binnenkonsum profitierten, Rohstoff- und Exportwerte verloren durch die Aufwertung des Real. Wer Brasilien über breite Schwellenländerindizes hält, hat damit eine andere Exposition als ein Investor mit Fokus auf Lokalwährungsanleihen, für den die Währungsentwicklung und der Zinspfad der Zentralbank im Vordergrund stehen. Für Hartwährungsanleihen ist die mittelfristige fiskalische Glaubwürdigkeit die maßgebliche Größe, und genau hier liegen bislang die wenigsten belastbaren Informationen vor.

Belastbare Signale dürften erst nach der Stichwahl kommen: die Besetzung des Finanzministeriums, ein konkreter Entwurf für den angekündigten Fiskalrahmen und die ersten Personalentscheidungen für das Oberste Gericht. Bis dahin bewerten die Märkte vor allem ein Wahlergebnis und eine Absicht. Ob daraus eine nachhaltige Neubewertung brasilianischer Vermögenswerte wird, hängt weniger vom 25. Oktober ab als von den ersten Haushaltsentscheidungen der neuen Regierung im Jahr 2027.

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