Zukunftsreport 2027: Banken bauen KI-Kompetenz auf, die Wirkung im Kerngeschäft steht noch aus

AIZukunftsreport 2027: Banken bauen KI-Kompetenz auf, die Wirkung im Kerngeschäft steht noch aus

Künstliche Intelligenz steht in deutschen Kreditinstituten inzwischen fast überall auf der strategischen Agenda. Wie weit diese Agenda im laufenden Betrieb angekommen ist, lässt sich seltener belegen. Der Zukunftsreport Deutsche Finanzwirtschaft 2027, den die Initiative Wow!Banking gemeinsam mit der Fachhochschule für die Wirtschaft (FHDW) Hannover am 13. Oktober 2026 vorgestellt hat, liefert dazu eine breite Datengrundlage. Sein Befund lässt sich knapp fassen: Kompetenzen und Governance für KI wachsen messbar, die Übersetzung in Kundenprozesse, Kernbanksysteme und Ertrag bleibt dagegen die offene Aufgabe. Für Asset Manager und institutionelle Investoren ist das mehr als eine Innensicht der Bankenbranche, denn die Institute sind zugleich Vertriebskanal, Gegenpartei und Anlageobjekt.

Was die Studie misst und wie sie zu lesen ist

Befragt wurden zwischen dem 14. und 31. Juli 2026 insgesamt 397 Institute: 113 Sparkassen, 208 Genossenschaftsbanken und erstmals 76 Privatbanken. Pro Institut ging genau eine Person in die Auswertung ein, 18 Prozent davon aus dem C-Level, 47 Prozent aus dem mittleren Führungskreis und 35 Prozent von der Expertenebene. Nach Angaben der Initiative bildet die Stichprobe die Verteilung der drei Bankengruppen in der Grundgesamtheit gut ab (Pressemitteilung vom 2. September 2026). Bewertet wird die Zukunftsfähigkeit in sechs Dimensionen: Technologie und KI, Customer Experience, Innovationskraft und Anpassungsfähigkeit, Nachhaltigkeit und gesellschaftliche Verantwortung, regulatorische Resilienz sowie, erstmals, strategische Geschäftsmodell- und Ertragsfähigkeit. Die Skala reicht von 1 (sehr zukunftsfähig) bis 5 (überhaupt nicht zukunftsfähig).

Zwei Einschränkungen gehören zur Einordnung. Erstens handelt es sich um Selbsteinschätzungen; gemessen wird, wie Banken ihren Stand beurteilen, nicht, welche Wirkung ihre KI-Anwendungen tatsächlich entfalten. Zweitens tragen die Initiative vier Anbieter von Software und Beratung für die Finanzbranche als Gründungsmitglieder: BSI Software, fino digital, msg for banking und G+D Netcetera. Die wissenschaftliche Verantwortung liegt bei Prof. Dr. René R. Schleus von der FHDW Hannover. Dass die abgeleiteten Empfehlungen, etwa zu Personalisierung und modularen IT-Architekturen, in den Geschäftsfeldern der Gründungsmitglieder liegen, entwertet die Daten nicht, sollte bei ihrer Lektüre aber präsent sein.

KI: Kompetenzen und Regeln verbessern sich messbar

39 Prozent der befragten Institute bewerten ihre digitale Zukunftsfähigkeit als gut oder sehr gut, 46 Prozent sehen sich im Mittelfeld, 15 Prozent halten sich für noch nicht ausreichend vorbereitet. Ein Vorjahresvergleich ist nur für Sparkassen und Genossenschaftsbanken möglich, weil die Privatbanken neu hinzugekommen sind. Für diese beiden Gruppen verbesserten sich die KI-Kompetenzen der Mitarbeitenden von 3,6 auf 3,0, die Standards für verantwortungsvollen KI-Einsatz von 3,2 auf 2,8. Die Gesamtbewertung bewegte sich von 3,0 auf 2,9, der Anteil positiver Gesamtbewertungen stieg von 32 auf 34 Prozent. Diese letzte Veränderung liegt nach Angabe der Studienautoren selbst im Rahmen der üblichen Schwankungsbreite. Die deutlichsten Verbesserungen stammen ausnahmslos aus dem Bereich Technologie und KI.

Im Vergleich der Bankengruppen schätzen Privatbanken ihren KI-Einsatz am positivsten ein, Sparkassen folgen, Genossenschaftsbanken sind am zurückhaltendsten. Andreas Mach von msg for banking sieht KI damit in der Branche „angekommen“. Wohin der nächste Schritt führen muss, formuliert Niklas Marx von G+D Netcetera: „Die nächste Entwicklungsstufe liegt in der konsequenten Integration in Kunden- und Kernprozesse.“

Wo es hakt: Kundenbeziehung, Kernbank, Ertrag

Aufschlussreich ist, welche Dimension am stärksten mit der Gesamtbewertung zusammenhängt. Statistisch ist das die Customer Experience, und gerade dort sieht die Studie das größte Entwicklungspotenzial. Effiziente digitale Serviceprozesse sind verbreitet, personalisierte Angebote dagegen selten, obwohl die Institute über umfangreiche Kundendaten verfügen. Bereits bei der Vorstellung erster Ergebnisse Anfang September zählte die Personalisierung zu den schwächsten Punkten der gesamten Erhebung. Aleksandar Jeremic von fino digital fasste die Lage damals so zusammen: „Es mangelt weniger an guten Ideen als an der konsequenten Umsetzung.“

Der zweite Engpass ist technischer Natur. Neue Produktideen brauchen nach den Ergebnissen zu lange, bis sie im Kernbanksystem umgesetzt sind, und die Flexibilität der IT-Infrastruktur bleibt hinter dem Bedarf zurück. Privatbanken bewerten ihre Beweglichkeit hier deutlich günstiger als Sparkassen und Genossenschaftsbanken. Die neu erhobene Dimension der Ertragsfähigkeit ergänzt das Bild: Die meisten Institute haben ein klares Zielbild für ihr Geschäftsmodell und bewerten digitale Investitionen zunehmend nach ihrem Beitrag zu Wachstum und Ertrag statt allein nach Effizienzgewinnen. Daraus tragfähige Ertragsquellen zu machen, beschreibt die Studie als den nächsten erforderlichen Reifegrad.

Regulierung: früh beobachtet, langsam umgesetzt

Ein ähnliches Muster zeigt die regulatorische Resilienz. Neue Vorgaben werden in vielen Instituten frühzeitig verfolgt, Datensouveränität spielt bei der Auswahl von Technologiepartnern eine gewichtige Rolle. Zurückhaltender fällt die Einschätzung aus, sobald Anforderungen in Strukturen, Prozesse und Infrastruktur überführt werden müssen. Ausdrücklich genannt werden der EU AI Act und DORA, wobei sich Genossenschaftsbanken in diesem Teilbereich schwächer einschätzen als Sparkassen und Privatbanken. Im Vorjahresvergleich gibt es bei der operativen Umsetzung regulatorischer Anforderungen ebenso wie bei der Fehlerkultur kaum Bewegung.

Der regulatorische Kalender verleiht diesem Befund Gewicht. Der Digital Operational Resilience Act (Verordnung (EU) 2022/2554) gilt seit dem 17. Januar 2025; die Vorbereitungsphase ist dort also abgeschlossen, die Pflichten laufen. Bei der KI-Verordnung (EU) 2024/1689 hat die Digital-Omnibus-Verordnung zur KI (EU) 2026/1744, in Kraft seit dem 27. Juli 2026, die Pflichten für eigenständige Hochrisiko-Systeme nach Anhang III auf den 2. Dezember 2027 verschoben. Darunter fällt im Bankgeschäft insbesondere die KI-gestützte Kreditwürdigkeitsprüfung natürlicher Personen. Die Befragung lief damit größtenteils vor dem Inkrafttreten der Verschiebung; ein Teil der Antworten dürfte noch unter dem Eindruck der ursprünglichen Frist vom August 2026 entstanden sein. Das zusätzliche Zeitfenster ändert am Kern des Befunds wenig, denn die Schwäche liegt laut Studie in der technischen und organisatorischen Umsetzung der Anforderungen, während ihre Beobachtung gut gelingt.

Was daraus für Entscheider folgt

Für Asset Manager, die über Sparkassen und Genossenschaftsbanken vertreiben, ist die Personalisierungslücke nach unserer Einschätzung unmittelbar relevant. Wie passgenau Beratung und Produktansprache am Point of Sale ausfallen, bestimmt mit, welche Fonds Endkunden erreichen. Die Daten deuten darauf hin, dass die Verbundbanken diese Fähigkeit erst aufbauen, während Privatbanken sich hier weiter sehen. Zugleich spiegelt der Regulierungsbefund eine Aufgabe, die Kapitalverwaltungsgesellschaften selbst kennen: DORA erfasst auch Verwaltungsgesellschaften und Verwalter alternativer Investmentfonds, und auch dort ist die Überführung in Architektur und Prozesse der aufwendige Teil.

Für institutionelle Investoren und Analysten, die Banken als Emittenten oder Gegenparteien beurteilen, lenkt die Studie den Blick auf eine Messgröße, die bislang selten offengelegt wird. Die Initiative empfiehlt selbst, den wirtschaftlichen Beitrag digitaler Investitionen systematisch zu messen. Solange Institute vor allem Strategien und Governance-Strukturen ausweisen, bleibt die Frage offen, welcher Anteil der KI-Ausgaben tatsächlich in Ertrag oder Kundenbindung mündet. Prof. Schleus beschreibt die Leitfrage der nächsten Phase entsprechend: Es gehe darum, wie konsequent Banken vorhandene Strategien in operative, kundenseitige und wirtschaftliche Wirkung übersetzen. Seine Folgerung: „Zukunftsfähigkeit entsteht nicht sprunghaft, sondern durch schrittweise Verbesserungen.“

Offene Fragen

Aus den Ergebnissen leitet Wow!Banking vier Prioritäten ab: personalisierte Kundenerlebnisse zum Maßstab zu machen, KI aus Pilotprojekten in Ende-zu-Ende-Prozesse zu überführen, die Umsetzungsgeschwindigkeit über modulare Systeme und interdisziplinäre Teams zu erhöhen und die Wirkung digitaler Investitionen wirtschaftlich messbar zu machen. Ob die Selbsteinschätzungen der Institute einer externen Prüfung standhalten würden, kann die Studie nicht beantworten. Aufschlussreicher werden die kommenden Ausgaben sein: Erst mit einem zweiten Messpunkt für die Privatbanken lässt sich sagen, ob deren Vorsprung strukturell ist, und die Frist vom Dezember 2027 wird zeigen, ob die Lücke zwischen regulatorischer Planung und Umsetzung tatsächlich kleiner wird. csa

* DE: Die ergänzenden Inhalte können KI-generiert sein. EN: The additional content may be AI-generated.