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Bedeutet der Token-Standard BRC-20 den Durchbruch für Bitcoin?

Digital Investing and CryptoBedeutet der Token-Standard BRC-20 den Durchbruch für Bitcoin?

Ein Marktkommentar von Leena ElDeeb und Karim AbdelMawla, Research Associates: Im Laufe der vergangenen Woche war ein Rückgang des Krypto-Marktes zu beobachten – eine Entwicklung, die vor allem auf den fortbestehenden Druck der Aufsichtsbehörden in den USA und auf Spekulationen über die steigenden Transaktionsgebühren im Bitcoin-Netzwerk, die auf eine noch nie dagewesene Überlastung hindeuten, zurückzuführen sind. Bitcoin fiel in der vergangenen Woche um 1,5 Prozent, Ethereum legte um fast 1 Prozent zu.

Einer der größten Gewinner der letzten Woche war hingegen die Kryptowährung Stacks, die einen 8,6-prozentigen Anstieg der Renditen und einen achtprozentigen Sprung nach TVL, dem Gesamtwert der auf dieser Blockchain befindlichen Assets, verzeichnete. Da Stacks als eine Art Layer2-Protokoll auf der Bitcoin-Blockchain aufbaut und BTC als Sicherheitsgarantie nutzt, sprach angesichts der steigenden Transaktionsgebühren von Bitcoin alles für den Anwendungsbereich dieser Blockchain. Auf Anwendungsebene verzeichnete die Defi-Plattform Lido mit 1,4 Prozent den höchsten TVL-Zuwachs – in erster Linie aufgrund von ETH-Zuflüssen in Erwartung der für diesen Monat erwarteten ETH-Abhebungen.

Abbildung 1: Entwicklung nach TVL (total valued locked) und Renditen der größten Kryptoassets

Quelle: Coingecko, DeFi Llama. 8. Mai 2023.

NFTs auf Bitcoin – Die Geschichte von Ordinals und dem BRC-20-Standard

  • März 2023: Ein anonymer On-Chain-Analyst namens Domo erstellt BRC-20, einen Token-Standard für die Prägung von Token oder “Inschriften”, die Textzeichenfolgen auf Bitcoin tragen.
  • Domo prägte $ORDI, der mit einer Marktkapitalisierung von 73 Millionen US-Dollar der größte BRC-20 ist.
  • NFT-Inskriptionen auf Ordinals steigen In Folge auf eine Summe von heute über 5 Millionen.

Abbildung 2:

Quelle: 21Shares/Dune Analytics

  • Die gesamten Transaktionsgebühren stiegen als Folge des Ordinals-Hypes sprunghaft an und überstiegen zum zweiten Mal in der Geschichte vorübergehend die Blocksubventionsprämie von 6,25 BTC.

Abbildung 3: Der Prozentsatz der von Bitcoin-Ordinals angefallenen Gebühren

Quelle: 21Shares/Dune Analytics

  • 7. Mai: Auf Twitter wurde über den Grund für die steigenden Transaktionsgebühren spekuliert; einige Marktteilnehmer schlossen daraus, dass das Netzwerk einem sogenannten “Denial of Service”-Angriff ausgesetzt war. Dabei handelt es sich um eine Art Cyberangriff, der darauf abzielt, ein Netzwerk durch eine Überlastung mit Daten unzugänglich zu machen.
  • Andere haben diese Einschätzung umgehend zurückgewiesen und dabei argumentiert, dass der Anstieg der Transaktionsgebühren auf die erhöhte Nachfrage nach dem Bitcoin-Netzwerk zurückzuführen ist. Dennoch stieg der Verkaufsdruck auf BTC über Nacht um drei Prozent.
  • 8. Mai: Binance stoppte BTC-Abhebungen am Sonntag zweimal für jeweils zwei Stunden aufgrund von rekordverdächtig hoch ausstehenden Transaktionen.

Bitcoin wird mehr als nur Wertaufbewahrung (Store-of-Value, SoV)

Mit den jüngsten Fortschritten, die durch Ordinals und BRC-20 Token vorangetrieben wurden, wird Bitcoin zunehmend zu einer Plattform, die in der Lage ist, verschiedenste Anwendungsfälle – also nicht nur Transaktionen – zu unterstützen. Die Entwicklungen rund um Ordinals werden die öffentliche Wahrnehmung, die Bitcoin zuletzt mehr als starre, unflexible Blockchain wahrnahm, verändern und neuartige Konzepte einführen, die dazu beitragen, Talente und Innovationen für das nach Marktkapitalisierung größte Krypto-Asset zu fördern.

Die durch Ordinals ermöglichten Inskriptionen (inscriptions) auf der BTC-Blockchain könnten der Katalysator sein, der benötigt wird, um das explosive Wachstum von Skalierbarkeitslösungen auszulösen, die es dem Bitcoin-Netzwerk ermöglichen, sein volles Potenzial zu erreichen und Einnahmequellen für Miner zu bieten, die sich nicht nur auf neue Bitcoin-Emissionen verlassen können, wie der letzte Bärenmarkt gezeigt hat. Wir können uns dabei auf die Tatsache stützen, dass Bitcoin mit den BRC-20-Token den „CryptoKitties-Moment“ ähnlich Ethereum im Zuge des sogenannten „ICO-Wahns“ in den Jahren 2017-2018 erlebt. Damals stiegen sowohl die Nachfrage nach ETH als auch die Anzahl der durchgeführten Initial Coin Offerings (ICO) auf der Plattform signifikant an – und legten damit letztlich die Grundlage für das neue dezentrale Finanzsystem DeFi und weitere Skalierungslösungen.

Viel Zuspruch für den BRC-20 Token Standard

Obwohl es sich bei den meisten neuen Token um Meme-Münzen handelt, die den allgemeinen Meme-Wahn widerspiegeln, ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch fundamentalere Anwendungen und Anwendungsfälle auf den Markt kommen. Zum Beispiel ist eine abgespaltene (geforkte) Version von Uniswap V2 auf Bitcoin bereits im Einsatz und ermöglicht es jedem, nahtlos und rund um die Uhr mit Bitcoin-basierten Kryptoassets zu handeln. Wir sagen auch voraus, dass Blockchains, die als einfache Zahlungsnetzwerke konzipiert sind, vergleichbare Standards einführen könnten, um mehr On-Chain-Aktivitäten auf ihre Plattformen zu bringen. Die Litecoin-Community hat mit der Einführung von LTC20, einer Abspaltung des BRC20-Standards, bereits eine Vorreiterrolle übernommen, um mit der Fungibilität von Vermögenswerten auf dem Mainnet zu experimentieren.

 Darüber hinaus gehen wir davon aus, dass Tier-2-Börsen BRC-20-Token auflisten werden, um von ihrer frühen spekulativen Akzeptanz zu profitieren, auch wenn es den meisten bisher an Nutzen mangelt und Anleger vorsichtig bleiben sollten. Gate.io und crypto.com haben beispielsweise ORDI, den nativen Token des zur Erstellung von Bitcoin-NFTs verwendeten Protokolls, notiert, um vom steigenden Handelsvolumen des Vermögenswerts zu profitieren, das ein Volumen von fast 100 Millionen US-Dollar erreichte. Es sind weitere Innovationen zu erwarten, die vom Ethereum-Ökosystem inspiriert sind. Interlay Labs, das Unternehmen, das hinter dem BTC-basierten DeFi-Protokoll steht, bringt bereits mit BRC-21 einen neuen Token-Standard ins Spiel, der eine ausgefeiltere Implementierung von Token, wie z.B. das Prägen und die Einlösung der Coins ermöglicht. Dies ist eine Innovation, die das Konzept der nativen Tokenisierung auf Bitcoin einführen würde, ähnlich der Stablecoins, die an den US-Dollar gekoppelt sind.

Abbildung 4: Aufschlüsselung der Bitcoin-Marktplätze und -Wallets nach verarbeitetem Volumen

Quelle: Domo on Dune

Bitcoin-Transaktionen werden teurer – Ein Blick auf neue Scaling-Lösungen

Abbildung 5: Durchschnittliche Gebühr pro BTC-Transaktion

Quelle: blockchain.com

Die Kosten für Transaktionen auf der Bitcoin-Blockchain nehmen zu, wie in der obenstehenden Grafik ersichtlich ist. Aus diesem Grund erwarten wir eine beschleunigte Entwicklung der sogenannten Scaling-Infastruktur – also jener Dienste, die die Effizienz von Layer 1-Blockchains steigern, die User Exerpeicen verbessern und die Kosten von Transaktionen senken. Dazu gehören zum Beispiel Stacks, RSK, Liqui und Rollkit.

Gleichzeitig könnte auch ein verstärktes Engagement von Entwickler und eine Finanzierung zur Lösung der wichtigsten Probleme von Bitcoin folgen – aber auch eine Spaltung der Bitcoin-Community in jene, die technischen Fortschritt und Innovationen unterstützen und jene, die dafür einstehen, dass Bitcoin seinem einfachen Prinzip treu bleibt. Innovation findet man zum Beispiel beim Taro-Protokoll von Lightning Labs. Dieses ermöglicht die Ausgabe eigener Token auf Basis des Bitcoin-Netzwerkes. In Kontrast dazu ermöglicht das RGB-Protokoll des Unternehmens BHB den Schutz der Privatsphäre durch fortschrittliche kryptografische Techniken wie Zero-Knowledge-Proofs und Schwellensignaturen. RGB wurde entwickelt, um die Erstellung und Verwaltung von “colored coins” zu ermöglichen, d.h. Bitcoin-Transaktionen, die so gekennzeichnet sind, dass sie andere Vermögenswerte als BTC darstellen. Obwohl Taro und RGB unterschiedliche Ansätze nutzen, bieten beide die Möglichkeit, die Transaktionskosten auf dem Bitcoin-Netzwerk zu reduzieren.

Ordinals erhöhen Transaktionskosten, aber Miner profitieren

Bitcoin-Ordinals sind geradezu explodiert: Die Anzahl der „Bitcoin-NFTs“ hat sich im Laufe der letzten Woche vervielfacht, und mittlerweile gibt es über 5 Millionen von ihnen. Was zu einer Überbelastung des Bitcoin-Netzwerkes geführt und dadurch die Transaktionskosten drastisch erhöht hat, bringt jedoch auch Vorteile – zumindest für Bitcoin-Miner: Vor 2023 machten die Transaktionsgebühren aufgrund der geringen Nachfrage auf dem Bitcoin-Blockspace kaum vier Prozent ihrer Einnahmen aus. Sollte sich die jüngste Spekulationswelle jedoch in naher Zukunft nicht abschwächen, können wir davon ausgehen, dass die Gewinnmargen der Miner weiterhin schrittweise steigen werden. Dies könnte ihnen insbesondere dazu nutzen, im Angesicht der Unsicherheit vor regulatorischen Offensiven in den USA eine Vermögensreserve aufzubauen. Schließlich sind die USA nach dem massenhaften Abzug aus China 2021 immer noch die größte Hochburg für Bitcoin-Miner.

Zur Illustration: Die Transaktionsgebühren von Bitcoin sind innerhalb einer Woche um 1.500 Prozent gestiegen – von 1,2 auf rund 15 US-Dollar. Wie in der folgenden Grafik zu sehen ist, haben Bitcoin-Miner allein in der ersten Maiwoche fast 40 Millionen Dollar aus Transaktionsgebühren eingenommen, ein Niveau, das zuletzt im Juni 2021 inmitten des letzten Bullenmarktes erreicht wurde. Dies ist ein bemerkenswerter Meilenstein, da er das Potenzial von Bitcoin als global vertrauenswürdige Abwicklungsebene für ein komplexes Ökosystem von Anwendungen zeigt, kombiniert mit einem nicht-staatlichen Geldsystem.

Abbildung 6: Umsatz für Bitcoin-Mining (Issuance und Transaktionsgebühren)

Quelle: 21Shares/Dune

MEV – Eine neue Praxis für die Bitcoin-Community?

Abbildung 7: Gesamtwert aller Bitcoin-Transaktionen in US-Dollar

Quelle: blockchain.com

Maximaler extrahierbarer Wert oder Maximum Extractable Value (MEV) – diese Kennzahl bezeichnet den maximalen Wert, der von Krypto-Minern oder Validieren aus der Verarbeitung eines Blocks einer Blockchain bzw. der Transaktion generiert werden kann. Hierzu können diese auch einzelne Transaktionen bzw. Blöcke ausschließen, oder jene, die mehr Profit versprechen, anderen vorziehen. Dies bringt mehrere Nachteile mit sich, darunter Instabilität, eine Verlangsamung der Transaktionsgeschwindigkeit und Sicherheitsrisiken. MEV spielt in erster Linie für Ethereum eine Rolle, könnte aufgrund dessen aktueller Dynamik jedoch auch für Bitcoin relevant werden: Wenn die Transaktionskosten von Bitcoin weiter so hoch bleiben, könnte die Erfahrung von MEV jedoch auch in dessen Community einziehen.

Es hat einige Anreize benötigt, dass sich Bitcoin-Miner und -Validatoren an diesem toxischen Verhalten beteiligen, da das Bitcoin bis jetzt hauptsächlich ein Zahlungsnetzwerk ohne komplexe Logik darstellte. Die von Ordinals und BRC20 eingeführten Innovationen deuten jedoch darauf hin, dass mehr Wert über das Netzwerk in Abhängigkeit vom Marktwert der ausgegebenen fungiblen Vermögenswerte übertragen wird. Das bedeutet, dass Miner einen Anreiz haben werden, Transaktionen von den höchsten zu den niedrigsten Gebühren umzuschichten, um zu profitieren. Wir gehen jedoch davon aus, dass MEV zuerst im Bitcoin-Netzwerk stattfinden wird, da die meisten Skalierungsplattformen noch keine Massenakzeptanz erreicht haben.

Blockgrößen-Debatte für Bitcoin kehrt zurück

Abbildung 8: Stau im Bitcoin-Mempool

Quelle: mempool.space (9.5.2023)

Da das Bitcoin-Netzwerk im Durchschnitt fünf Transaktionen pro Sekunde verarbeitet, lähmt der aktuell existierende, enorme Nachfragestrom (rund 41.000 ausstehende Transaktionen) die Fähigkeit des Netzwerks, Transaktionen zeitnah zu verarbeiten. Die durch den Hype um BRC-20 verursachte Überlastung könnte einige Akteure in der Community dazu bringen, erneut die Idee einer Erhöhung der Bitcoin-Blockgröße voranzutreiben, um eine höhere Anzahl von Transaktionen zu ermöglichen.

Abbildung 9: Bitcoin-Blockgröße

Quelle: 21Shares/Dune

Mit der Frage nach der Blockgröße von Bitcoin werden Erinnerungen an das Jahr 2017 wach, das Jahr der sogenannten „blocksize wars“. Damals brachte die kontroverse Debatte um die ideale Größe des Blocks der Bitcoin-Blockchain mehrere Forks hervor, von denen Bitcoin Cash der bemerkenswerteste war. Allerdings spricht vieles gegen den Ansatz größerer Blöcke, da er die Dezentralität von BTC verringert: Aufgrund der für die Knoten schnell wachsenden Netzwerkgröße wäre es teurer, die gesamte Blockchain-Historie zu speichern. Unabhängig davon könnten Dissidenten die Idee einer Abspaltung von BTC vorantreiben, ähnlich wie Ethereum nach dem Merge im letzten September in mehrere Protokolle gespalten wurde, obwohl es keine nennenswerte Unterstützung durch die Community gab. Wir gehen jedoch nicht davon aus, dass gespaltene Netzwerke ähnlich wie die jüngsten ETH-Forks nach dem Merge einen Wert haben werden.